Beratungsstellen registrieren Anstieg rechter Gewalt im Osten

Die Zahl der judenfeindlichen Straftaten hat 2018 im Vergleich zum Vorjahr um knapp zehn Prozent zugenommen.

© Daniel Reinhardt/dpa

Ein Hakenkreuz und ein durchgestrichener Davidstern an einer Gedenkstätte am Nordbahnhof in Berlin. Leider bleibt es oft nicht bei Schmiererein, sondern in den ostdeutschen Bundesländern und Berlin gab es vergangenes Jahr 1.212 Angriffe mit 1.789 Opfern.

Beratungsstellen registrieren Anstieg rechter Gewalt im Osten
Die Beratungsstellen für Opfer rechtsextrem motivierter Gewalttaten haben 2018 einen Anstieg von Angriffen gegen Minderheiten und politische Gegner registriert.

Die Beratungsstellen für Opfer rechtsextrem motivierter Gewalttaten haben 2018 einen Anstieg von Angriffen gegen Minderheiten und politische Gegner registriert. Im vergangenen Jahr habe es in den ostdeutschen Bundesländern und Berlin 1.212 Angriffe mit 1.789 Opfern gegeben, sagte der Vorstand des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, Robert Kusche, am Dienstag in Berlin. Das sei ein Anstieg um acht Prozent. Damit habe es im Durchschnitt täglich mindestens drei Angriffe und fünf Opfer gegeben.

Die Beratungsstellen präsentierten ihre selbst erfasste Statistik rechtsextrem motivierter Gewalttaten. Regelmäßig melden sie mehr Taten als die Behörden. 2017 standen den von den Beratungsstellen allein in Ostdeutschland und Berlin registrierten 1.123 Taten 821 Taten gegenüber, die in der bundesweiten Statistik politisch motivierter Kriminalität des Bundesinnenministeriums erfasst wurden. Diese Lücke erklären die Vertreter der Beratungsstellen unter anderem mit einer unzureichenden Sensibilisierung der Behörden. Das Innenministerium hat seine Statistik für 2018 noch nicht veröffentlicht.

Die Mehrzahl der von den Beratungsstellen erfassten Taten war rassistisch motiviert (793), 83 richteten sich gegen Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung und hinter 54 Taten verbarg sich Antisemitismus. 962 der Taten waren Körperverletzungen, 453 davon schwer. Zudem gab es den Angaben zufolge mehr als 200 Bedrohungen und Nötigungen. Die meisten Taten pro Kopf wurden in Berlin, Sachsen und Thüringen erfasst.

Regionale "Hotspots" rechter Gewalt

Allein in Chemnitz gab es Kusche zufolge im Zuge der Auseinandersetzungen im Herbst eine Vervierfachung rechtsextremer Taten von 20 im Jahr 2017 auf 80 im vergangenen Jahr. Zunehmend würden "regionale Hotspots" rechter Gewalt beobachtet. 2018 sei das Chemnitz gewesen, in den Jahren davor Bautzen, Cottbus, Heidenau und Wurzen.

Für die westdeutschen Bundesländer gibt es den Angaben zufolge kein vergleichbares flächendeckendes Monitoring, wie es die Beratungsstellen im Osten praktizieren. Allein Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben Kusche zufolge vergleichbare Erfassungssysteme. In Nordrhein-Westfalen gab es 2018 nach Angaben der dortigen Beratungsstellen 232 Angriffe. Zum Vergleich: In Sachsen waren es 317 und in Berlin 309. Die Zahlen für Schleswig-Holstein sollen im Laufe der Woche veröffentlich werden.

Der Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, Matthias Quent, warnte davor, Rechtsextremismus vor allem als ostdeutsches Problem zu betrachten. Es gebe einen blinden Fleck zum Thema Rechtsradikalismus in Westdeutschland, sagte er. Kusche sagte, die Diskussion zum oftmals auf Ostdeutschland fokussierten Thema würde anders verlaufen, wenn man die Zahlen für Westdeutschland tatsächlich kennen würde.

Islamfeindlich motivierte Taten werden von den Beratungsstellen nicht gesondert erfasst, sondern unter Rassismus subsumiert. Nach Angaben der Linken im Bundestag ist die Zahl islamfeindlicher Straftaten 2018 auf 813 (2017: 950) gesunken, die der dadurch Verletzten aber auf 54 gestiegen (2017: 32).

Die Linke beruft sich dabei auf Daten des Innenministeriums, die die Fraktion quartalsweise in Form parlamentarischer Anfragen abgefragt hat. Auch hier vermutet die Linken-Abgeordnete eine Dunkelziffer. "Die in der Statistik enthaltenen Straftaten sind nur die Spitze des Eisbergs, denn viele alltägliche Übergriffe, Beleidigungen und Diskriminierungen gegen Muslime werden gar nicht erst erfasst", sagte sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag), die zuerst über die Zahlen berichtete.

Meldungen

Top Meldung
 Susanne Breit-Keßler
Sich um Arme, Fremde, Kranke, Sterbende und Gefangene zu kümmern, müsse in einer Familie selbstverständlich sein, "auch in einer weltweiten", sagte Susanne Breit-Keßler laut Redemanuskript am Sonntag in der Münchner Lukaskirche, wo sie in den Ruhestand verabschiedet wurde.