Die "entjudete" Bibel

Gemälde von Jesus aus dem 19. Jahrhundert.

© Getty Images/sedmak/iStock/Leopold Kupelwieser

Jesus wurde in der "entjudeten Bibel" zum Arier gemacht.

Die "entjudete" Bibel
Interview mit Religionswissenschaftler Dirk Schuster zur Schaffung einer "entjudeten Bibel" in der NS-Zeit
Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der evangelischen Kirche in Deutschland: Im Jahr 1939 gründeten elf evangelische Landeskirchen im thüringischen Eisenach das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben". Ihm gehörten rund 200 Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Pfarrer an. Der Potsdamer Religionswissenschaftler Dirk Schuster hat sich in seiner Promotion mit dem protestantischen "Entjudungsinstitut" beschäftigt. Bei einem Vortrag im Jüdischen Museum Augsburg am Donnerstag (14. Februar) spricht er über das Selbstverständnis des Instituts und über das Buch "Die Botschaft Gottes" - eine "entjudete" Bibel, die das Institut 1940 veröffentlichte.

Herr Schuster, wenn Jesus in der "entjudeten Bibel" nicht mehr Jude war - was war er dann?

Dirk Schuster: Er wurde zum Arier gemacht. Die entjudete Bibel wurde begleitet von zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Mit teils skurrilen Beweisführungen zeigte man darin, dass Jesus nicht-jüdisch sei. So wurde etwa behauptet, dass Galilea eine der möglichen Ursprungsregionen der Arier war. Die Juden seien erst 150 vor Christus dort gesiedelt und hätten die Bevölkerung zwangsjudaisiert. Dass Jesus' Eltern Juden waren, sei daher nur einem Konfessionswechsel geschuldet. Aus rassischer Perspektive betrachtet seien sie Arier gewesen - und damit auch Jesus. In diesem Sinne wurde die Bibel umgeschrieben. Das Alte Testament ließ man weg, ebenso jene Teile im Neuen Testament, die nicht zur Lehre vom "arischen Christentum" passten. Nur Berichte, in denen die Juden schlecht wegkamen, blieben drin.

Welche Aufgabe hatte das Eisenacher "Entjudungsinstitut" noch?

Schuster: Das Institut war während der NS-Zeit eine der größten Einrichtungen zur Erforschung der Judenfrage. Es organisierte große Tagungen mit bis zu 600 Zuhörern, seine Wissenschaftler hielten Vorträge an deutschen Unis. Ziel war es, das Judentum aus der christlichen Geschichte heraus zu lösen. Luther, so die Auffassung der leitenden Köpfe des Instituts, hatte mit der Reformation den Katholizismus überwunden. Nun gehe es darum, die Reformation zu vervollkommnen, indem auch das Judentum überwunden werde. Damit werde die christliche Urbotschaft Jesu wieder hergestellt, die vorher durch die Juden verfälscht worden sei. Heute würde man das Verschwörungstheorie nennen.

Warum gründeten gerade Protestanten ein solches Institut?

Schuster: Die Gründer haben sich zwar auf Luther bezogen. Man kann aber nicht sagen, dass das Ganze eine Fortsetzung von Luthers Judenfeindschaft war. Es waren christliche Nationalsozialisten, die ein Christentum nur für Arier erschaffen wollten. Das Erschreckende ist, dass etliche Institutsangehörige auch noch lange Zeit nach 1945 als Theologen an Universitäten und Einrichtungen in der DDR und in Westdeutschland tätig waren. Selbst die entjudete Bibel hielt sich bis in die 60er Jahre in einigen evangelischen Gemeinden in Thüringen. Die Pfarrer haben das Buch einfach weiter verwendet.