In Würde begraben

Trauerfeier

Foto: Andreas Hertel

Trauerfeier in der evangelischen Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Hermsdorf.

In Würde begraben
Wenn niemand für die Bestattung eines Toten sorgt, wird er ohne Trauerfeier begraben. In einer für Berlin erstmaligen Gedenkfeier wurde nun an 226 Menschen erinnert. Mitinitiator und evangelischer Pfarrer Andreas Hertel erzählt, wie wichtig es ist, dass auch Menschen, um die sonst niemand trauert, einen würdigen Abschied bekommen.

Herr Hertel, für ordnungsbehördlich bestattete Menschen gab es in Berlin bislang keine Trauerfeier. Sie haben am 20. Januar nun eine solche Feier initiiert. Warum?

Andreas Hertel: Ich wollte, dass man der Verstorbenen gedenkt und dabei auch deren Namen nennt. Ordnungsbehördlich bestatte Menschen werden praktisch namenlos begraben. Wenn sie in das Grab eingelassen werden, sind keine Angehörigen dabei und niemand spricht abschiedsnehmende Worte. An dieser Stelle muss die Kirche einsetzen und auch derer gedenken, um die sonst niemand trauert.

Die Trauerfeier fand in der evangelischen Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Hermsdorf statt. Auf Wunsch des Bezirksamts Reinickendorf war die Feier "nicht religiös" gestaltet. Warum nicht?

Hertel: Das Bezirksamt hatte darauf Wert gelegt, um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, an der Gedenkfeier teilzunehmen. Wenn wir die Feier als Gottesdienst betitelt hätten, wären Menschen, die mit der Kirche überhaupt nichts zutun haben oder einer anderen Religion angehören, wohlmöglich abgeschreckt gewesen. Wir wollten für alle offen sein. Ich war damit einverstanden.

Sie haben keinen Talar tragen. Welche religiösen Elemente hatte die Gedenkfeier dennoch?

Hertel: Die Feier fand in der Apostel-Paulus-Kirche unserer Kirchengemeinde statt. Da war klar, dass das Kreuz im Mittelpunkt steht. Um den religiösen Charakter trotzdem ein bisschen deutlich zu machen, habe ich am Ende der Feier ein Gebet mit Segen gesprochen. Es war ein ähnliches Gebet wie das, das ich normalerweise bei Trauerfeiern meiner Gemeindemitglieder spreche. Ich hatte es nur stellenweise abgewandelt. Natürlich habe ich Gott auch darum gebeten, die verstorbenen Menschen in sein Reich aufzunehmen.

Wie haben Sie die Trauerfeier erlebt?

Hertel: Es war eine sehr ruhige Gedenkfeier, die sich schon vom Ablauf sehr stark von einem christlichen Trauergottesdienst unterschieden hat. Der Leiter des Gesundheitsamtes Reinickendorf, Patrick Larscheid, hat die Namen der 226 Verstorbenen in vier Blöcken verlesen, jeweils unterbrochen von einer kurzen Textlesung eines Dichters. Eine Musikgruppe aus unserer Kirchengemeinde hat die Feier musikalisch begleitet. Ich fand es sehr schön. Die Menschen auf den Kirchenbänken waren auch sehr berührt, weil wir - ohne Namen zu nennen - vier Einzelschicksale verlesen haben. Unter den Toten war zum Beispiel ein Flüchtling, der es geschafft hatte, über das Mittelmeer zu flüchten, bei uns in Berlin aber im Tegeler Fließ - einem Bach - ertrunken ist. Da war auch ein Mann, der zwar sieben Töchter hatte, diese aber zu Lebzeiten den Kontakt zum Vater abbrachen, weil er deren Mutter umgebracht hatte. Es war auch die Rede von einem Säugling, der kurz nach der Geburt von der Mutter getötet wurde.

In Berlin gab es bislang keine Trauerfeier für ordnungsbehördlich bestattete Menschen. Hatten Sie vorab Bedenken?

Hertel: Ich hatte dahingehend Bedenken, dass wir nicht wussten, wie viele Menschen kommen würden. Es war auch gut möglich, dass niemand kommen würde. Das Bezirksamt hatte anfangs datenschutzrechtliche Bedenken, weil wir die Namen der Toten verlesen wollten. Der Leiter des Gesundheitsamts, Patrick Larscheid, und der Bezirksstadtrat für Soziales, Uwe Brockhausen, hatten mehrfach die Richtlinien geprüft. Irgendwann haben wir uns dann gemeinsam entschieden, die Gedenkfeier trotz aller Bedenken zu veranstalten. Das fand ich auch gut so: Es ging bei der Feier um die Menschen und nicht um gesetzliche Bestimmungen. Da musste man auch einfach mal Mut beweisen. Ich hoffe, dass unsere Feier auch Nachahmer in anderen Berliner Bezirken findet. Wir wollen auf jeden Fall auch im nächsten Jahr - am dritten Sonntag im Januar - erneut eine Gedenkfeier abhalten.

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Der Denkmal-Retter
Der Denkmal-Retter

Zu der Feier waren etwa 70 Menschen gekommen. Die Feier ist nun etwa drei Wochen her. Welches Feedback haben Sie erhalten?

Hertel: Ich habe in den Zeitungen und aus unserer Kirchengemeinde bislang nur positive Kritik bekommen. Es wurde gelobt, dass es eine gute Gedenkfeier gewesen sei, die den Verstorbenen gerecht wurde. Den Ablauf und die Art der Feier fanden alle sehr passend. Auch die Superintendentin unseres Kirchenkreises, Frau Beate Hornschuh-Böhm, war vor Ort und hat das, was wir gemacht haben, sehr begrüßt.

Bei einer Trauerfeier ist meist der engste Kreis anwesend: Angehörige und Freunde des Toten kennen sich. Wie kann 226 Menschen gedacht werden, wenn sich alle Anwesenden fremd sind?

Hertel: Patrick Larscheid vom Gesundheitsamt hat den Punkt, dass sich weder die Toten untereinander, noch die in der Kirche versammelten Menschen kannten, zu Beginn der Gedenkfeier angesprochen. Er bat die Menschen, die auf den Kirchenbänken nebeneinander saßen darum, sich zumindest zu begrüßen oder sich einander vorzustellen. Insofern ich das beobachten konnte, sind die Gäste auch auf seine Aufforderung eingegangen. Es war ein kleiner Akt, aber dadurch ist ein wenig Gemeinschaftsgefühl entstanden.

Welche Bedeutung hat eine Gedenkfeier für Angehörige und Freunde im Trauerprozess?

Hertel: Für die Menschen ist es ganz wichtig, dass sie ein Stück in ihrem Trauerprozess begleitet werden. Das ist zwar nur ein kleiner Schritt, er ist aber wichtig, um Abschied von dem verstorbenen Menschen nehmen zu können.

"Im Tode sind wir alle gleich"

Ein Mensch wird ordnungsbehördlich bestattet, wenn keine Angehörigen vorhanden oder zu ermitteln sind, keine Vorsorge zur Bestattung getroffen wurde und kein anderer für die Bestattung sorgt. Warum ist eine Trauerfeier für einsame Tote überhaupt wichtig?

Hertel: Das fragt man sich zum Beispiel bei dem Mann, der die Mutter der sieben Frauen umgebracht hat. Der Mann ist - trotz allem, was er in seinem Leben getan hat - ein Mensch geblieben. Es ist wichtig, dass man auch derer gedenkt - egal, was sie sind und was sie zu Lebzeiten getan haben. Im Tode sind wir alle gleich. Im Gebet spreche ich auch für sie und bitte darum, dass Gott sie aufnimmt.

In Berlin sind die Bezirke für die ordnungsbehördlichen Bestattungen zuständig. Oft wählen Behörden das Unternehmen mit dem günstigsten Angebot und arrangieren Sammelbestattungen. Wollten Sie dem Trend, dass alles möglichst preiswert sein soll, mit der Feier etwas entgegensetzen?

Hertel: Ja, es sollte bei den Bestattungen nicht nur auf den Preis geachtet werden. Diesen Hinweis wollte ich dem Bezirksamt geben. Denn beim Abschied eines Menschen muss auch eine gewisse Würde eingehalten werden. Ich wünsche mir, dass künftig auch überlegt wird, ob ein Pfarrer das Einlassen des Toten in das Grab begleitet und womöglich ein paar Worte spricht. Die Gedenkfeier könnte ein Anstoß für mehr Menschlichkeit bei den ordnungsbehördlichen Bestattungen sein.