Spirituelles Zentrum St. Martin begleitet seit 15 Jahren Suchende

Spirituelles Zentrum St. Martin in München

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Yoga und Meditation mit meditativem Gehen werden im Spirituellen Zentrum St. Martin in München seit 15 Jahren angeboten.

Spirituelles Zentrum St. Martin begleitet seit 15 Jahren Suchende
Das Spirituelle Zentrum St. Martin bietet christliche Meditationen und Übungen aus der orthodoxen oder fernöstlichen Spiritualität an. So werden nicht nur Kirchgänger erreicht, sondern auch Leute, die mit Kirche schon lange nichts mehr zu tun haben. Denn die Nachfrage ist hoch.

Seit 15 Jahren bietet das Spirituelle Zentrum St. Martin Meditationskurse, Übungsstunden und Seminare für Menschen, die nach einem Ruhepol im hektischen Alltag suchen. Die Angebote reichen vom altchristlichen Herzensgebet und Schweigemeditationen bis hin zu Zen-Seminaren. Offenheit ist ein Markenzeichen von St. Martin: Zu den Gästen gehören Kirchgänger genauso wie Menschen, die mit Kirche schon lange nichts mehr zu tun haben.

Vor einem guten Jahr hat Hanns-Hinrich Sierck die Leitung des Zentrums von Gründungspfarrer Andreas Ebert übernommen. Seither hat sich das Angebot von St. Martin um zwei Schwerpunkte erweitert: den Themenkomplex "Heilung zum Leben" und Meditationsangebote für Kinder. Sierck selbst hat vor vielen Jahren nach einem Krebsverdacht zur Meditation gefunden. Er wolle deshalb Menschen einen Weg aufzeigen, auf dem sie selbst Heilserfahrungen machen könnten.

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Rituale für Tag, Jahr und Leben

Aufstehen und den Tag begrüßen

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Aufstehen und den Tag begrüßen

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"Der Tag beginnt ganz anders, wenn ich ihn bewusst beginne", meint Christina Brudereck. Das könne auch nur etwas ganz Kleines sein - zum Beispiel ein kleiner Moment oder eine kleine Verneigung vor dem offenen Fenster.

Nachtgebet mit Kindern

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Das Nachtgebet mit Kindern kennt fast jeder, meint Christina Brudereck. Auch Menschen, die nicht gläubig sind, hätten schließlich den Wunsch, ihren Kindern beim Einschlafen noch etwas mitzugeben, sagt sie. "Manche segnen sie, manche singen ein Lied, manche fragen einfach nach dem schönsten Erlebnis des Tages. Warum sollte ein Erwachsener das nicht auch tun?"
Statt jeden Abend über den Tagesthemen einzuschlafen, könne man sich gelassen Gott übergeben und sich bewusst machen, dass man nicht alles alleine in der Hand haben muss.

Besondere Tage in den Kalender eintragen

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Um am Tag kurz unterbrochen zu werden und sich selbst zum Nachdenken anzuregen, können Gedenktage, Namenstage oder Geburts- und Todestage berühmter Persönlichkeiten im Kalender hilfreich sein, sagt Christina Brudereck. "Wenn ich dann zum Beispiel am 4. April in den Kalender schaue, werde ich erinnert: Martin Luther King wurde erschossen, weil er zu seinen Werten gestanden hat. Und dann frage ich mich: Was wären meine Werte? Was habe ich für einen Traum? Oder zum Europatag am 9. Mai: Da überlege ich mir einmal im Jahr, was es für mich bedeutet, Europäerin zu sein und was mein Beitrag dazu ist. An meinem Namenstag schaue ich, wer noch meinen Namen trägt und etwas Gutes bewirkt hat - und was das für eine Spur in meinem Leben sein könnte."
Natürlich können das auch besondere Tage oder Zeiten im Kirchenjahr sein: "Der Sonntag Rogate erinnert mich zum Beispiel an das Beten und der Sonntag Kantate an das Singen. Der Advent, wenn man jede Woche eine Kerze mehr anzündet, ist für mich eine völlig andere Zeit als die Passionszeit, in der gefastet wird", sagt Brudereck.

Kaffeebohnenritual

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Zwei berufstätige Mütter, beide oft gestresst und viel gefordert, treffen sich regelmäßig zum Kaffeebohnenritual: Zuerst segnen sie ihre leeren Tassen, die für sie ein Symbol für all das sind, wofür sie gerne mehr Platz in ihrem Leben hätten. Mit einzelnen Kaffeebohnen erzählen sie sich, was in der letzten Zeit bitter war, etwa eine Kinderkrankheit, ein geplatzter Termin, ein Streit oder Überstunden. Die Bohnen werden dann zermahlen; entweder mit einer elektrischen Mühle oder mit einer Handmühle – je nachdem, bei wem sie sich treffen. Die bitteren Bohnen beginnen, gut zu riechen. Und auch der Kaffee schmeckt köstlich. Wenn sie dann gemeinsam Kaffee trinken – die eine mit Milch, die andere mit Zucker – danken sie für alles, was sich verwandeln kann im Leben und was süß und schön ist.
"So ein regelmäßiges Treffen mit einer guten Freundin ist ein ganz bezauberndes Ritual", sagt Christina Brudereck, die sehr stolz ist, dieses Ritual entdeckt zu haben und weitererzählen zu können.

Ältere aufsuchen

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Eine ältere Person aufzusuchen, die eine oder zwei Generationen weiter ist als man selbst, ist für Christina Brudereck ebenfalls ein schönes Ritual. Es tue einfach gut, sich mit jemand anderem als den eigenen Eltern zu unterhalten, der eine Lebensphase schon geschafft hat, die man selbst noch vor sich hat.

Das Jahr an Ostern nochmal beginnen

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Christina Brudereck und einige ihrer Freundinnen beginnen das Jahr an Ostern einfach noch einmal: "Kurz vor Karfreitag schreiben wir alles auf, was wir nicht geschafft haben, oder wo das, was wir uns zum Jahresbeginn vorgenommen haben, vielleicht total falsch war. Dann schicken wir uns das zu und vernichten es. Wir sagen: Alles ist okay, wir fangen nochmal neu an. So können wir Vergebung erleben und einen Neuanfang spüren. Es ist ein zweiter Jahresanfang mitten im Frühling."

Das Haus an Ostern "erblühen lassen"

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"Die beste Osterpredigt, die ich jedes Jahr kriegen konnte, kam von meiner Mutter", sagt Christina Brudereck. "In den sieben Wochen vor Ostern gab es bei uns im Haus keine einzige Blume. Vielleicht wurde mal ein Zweig irgendwo hingestellt, aber insgesamt sah alles ziemlich kahl aus. Am Karsamstag wurden dann aber die Forsythien aus dem Keller geholt und das Haus mit Tulpen und Osterglocken geflutet. Die Geschichte, die meine Mutter mir mit dieser Blumenpracht und dieser Fülle ins Herz gepredigt hat, kann ich nicht vergessen. Sie hat mir gezeigt, was es bedeutet: Ja, es ist Ostern – das Leben hat gewonnen."

Neben christlichen Meditationswegen wie dem Herzensgebet bietet das Spirituelle Zentrum Übungen aus der orthodoxen oder fernöstlichen Spiritualität an. Das Zentrum wurde 2004 von der bayerischen Landeskirche eingerichtet und befindet sich seit 2007 in Trägerschaft des Vereins St. Martin. Außerdem bietet St. Martin einige Schlafplätze für Jakobspilgern.

Generell sei die Nachfrage nach spirituellen Angeboten hoch. "Die Menschen suchen im Strudel dieser Zeit nach Ruhepunkten", sagt Sierck. Weil sich viele die nötigen Pausen nicht gönnen könnten, seien Angebote wie die des Spirituellen Zentrums wichtig. "Was man sich selbst daheim nicht zugesteht, findet man dann eben bei einem Seminar", sagt der 59-Jährige, der auch Beauftragter der Landeskirche für Geistliche Übung in Südbayern ist.

Über 3.000 Besucher verzeichnet St. Martin im Jahr. Ganz neu dabei ist die noch kleine Gruppe der Grundschulkinder, für die Pilger- und Meditationstage angeboten werden. Sierck, der nach seiner Zeit als Auslandspfarrer in Südafrika lange Jahre im Schuldienst tätig war, bemerkt einen Vertrauensverlust bei vielen Kindern. Familien lösten sich auf, die sozialen Netzwerke böten in ihrer Unverbindlichkeit keinen Ersatz.

"Viele Kinder sind heute innerlich unruhig, weil sie nicht wissen, wo sie zu Hause sind und wie sie in sich selbst ein Zuhause finden können", erklärt der Seelsorger. Seine Idee ist, in St. Martin einen Ort zu schaffen, an dem Kinder einmal pro Woche Ansprache, Gehör und Achtsamkeit finden können - und mit diesem Angebot auch an Kindergärten und Schulen heranzutreten.

Denn dass Meditation auch bei Kindern und Jugendlichen auf fruchtbaren Boden fällt, hat Hanns-Hinrich Sierck schon selbst erlebt. Das Münchner Michaeli-Gymnasium bat den Pfarrer im vergangenen Jahr zu einem Meditationstag mit Zehntklässlern. "Da saßen dann 60 Schüler, die alle ohne Protest ihr Handy abgegeben hatten, mucksmäuschenstill zwei Stunden in der Turnhalle", erinnert er sich.

Sein Tipp für den Schulalltag: meditieren statt disziplinieren. "Wenn die Kinder nach vier Schulstunden einfach unruhig sind, investiere ich gern 15 Minuten in eine Meditationsübung, weil ich danach wieder unterrichten kann", ist seine eigene Erfahrung.

Ein drittes Themenfeld beschäftigt Sierck: die Digitalisierung. Bislang würden deren Angebot nur ge- und benutzt, aber kaum reflektiert. Die "lebensentscheidende Frage" sei aber, so Sierck, wie Menschen - und gerade auch Kinder - sich in der digitalen Welt so bewegen, dass sie gesund bleiben. Deshalb plant das Team für November 2019 eine Diskussionsveranstaltung mit Experten, die sich mit dem Thema Digitalisierung und Spiritualität beschäftigen

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