"Zähneputzen für die Seele"

Interview mit Christina Brudereck, Autorin von "Für alles gibt es eine Zeit. Rituale für Tag, Jahr und Leben"
Dr. Christina Brudereck

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Dr. Christina Brudereck.

Im Frühjahr 2018 erschien Christina Bruderecks Buch "Für alles gibt es eine Zeit. Rituale für Tag, Jahr und Leben". Im Interview verrät Brudereck, was sie unter Ritualen versteht, was sie mit ihrem Glauben zu tun haben und welche Rituale für sie besonders wichtig sind.

Was ist ein Ritual?

Christina Brudereck: Man könnte sagen, ein Ritual ist eine Verabredung mit mir selber, eine Unterbrechung im Alltag oder eine Tradition im wahrsten Sinne. Zähneputzen ist zum Beispiel ein Ritual, aber das hat noch nichts Spirituelles – ich habe ein Buch über das "Zähneputzen für die Seele" geschrieben, könnte man sagen.

Wie kann so eine Verabredung mit mir selbst konkret aussehen?

Brudereck: Anstatt zum Beispiel am Morgen einfach aus dem Bett purzeln, unter die Dusche zu hetzen und dann beim Kaffee machen zu fluchen, kann ich den Morgen ganz bewusst beginnen: Ich stelle mich ans Fenster, verneige mich vor dem Himmel und sage "Meine Kraft kommt von dir" oder "Meine Freude kommt von dir" oder "Meine Aufgabe kommt von dir". Und ich lasse mir vom Himmel sagen "Schön, dass du da bist, du gehst nicht alleine durch diesen Tag." Das kann etwas ganz Kleines sein: ein kleiner Moment, eine kleine Verneigung vor dem offenen Fenster. Der Tag beginnt dann ganz anders.

Was haben solche kleinen Rituale mit Ihrem Glaube zu tun?

Brudereck: Alle Menschen haben Rituale. Und das Christentum hat, wie jede andere Weltreligion auch, viele Rituale, die das religiöse Leben ordnen. Für mich als Christin wird das Leben durch das Kirchenjahr geordnet. Es gibt also nicht nur das Kalenderjahr, sondern auch noch das Kirchenjahr, das mich regelmäßig unterbricht.

Der Sonntag Rogate erinnert mich zum Beispiel an das Beten und der Sonntag Kantate an das Singen. Der Advent, wenn man jede Woche eine Kerze mehr anzündet, ist für mich eine völlig andere Zeit als die Passionszeit, wenn gefastet wird. Auch das Erntedankfest finde ich großartig – und ich bin total glücklich, dass es Ostern gibt: In diesen krassen Zeiten neige auch ich dazu, dem Tod mehr Recht zu geben als dem Leben oder dem Termin mehr Recht zu geben als der Pause. Deshalb bin ich glücklich, dass ich mit diesen Traditionen groß geworden bin.

"Es ist einfach gut, dass du da bist."

Denken Sie, dass Rituale in unserer Gesellschaft weniger wichtig geworden sind?

Brudereck: Ich nehme auf jeden Fall wahr, dass dieses Thema auf eine große Offenheit stößt und auch auf eine große Sehnsucht nach etwas, was uns Halt gibt. Es gibt sicher Rituale, die verloren gegangen sind und wo ich meine, dass es sich lohnt, sie wiederzuentdecken.

Das Tischgebet zum Beispiel: Ich bin damit groß geworden und finde es gut, auch mit meinen Kindern vor dem Essen zu beten. Damit sagen wir auch, dass satt werden nicht selbstverständlich ist und manche Lebensmittel einen weiten Weg hinter sich haben. Bevor wir also essen, halten wir kurz inne und sind einfach dankbar dafür. Sich klar zu machen, dass viele Menschen auf der Welt ums Überleben kämpfen, lehrt auch die Verantwortung, die wir ihnen gegenüber haben. Deshalb ist das Tischgebet ein Ritual, von dem ich mir wünschen würde, dass es wiederbelebt wird.

Was ist das für eine Sehnsucht, die durch Rituale befriedigt wird?

Brudereck: Ich glaube, es ist eine Sehnsucht nach Ordnung, nach Halt, nach Schönheit – in einer Welt, die oft auch sehr unschön ist. Vielleicht ist es sogar eine Sehnsucht nach Gnade – auch wenn manche Menschen das Wort altmodisch finden. Alle wissen aber, was gnadenlos ist. Und das ist unsere Zeit: gnadenlos fordernd. Da ist es doch schön einen Moment zu erleben, in dem ich nicht gefordert bin, sondern in dem ich mich als Geschenk oder gesegnet erleben darf. Oder in dem ich mir selbst sage: "Es ist einfach gut, dass du da bist. Und das reicht. Du musst jetzt erstmal nichts leisten."

Bildergalerie
Rituale für Tag, Jahr und Leben
Die Bildergalerie zeigt, wie "Rituale für Tag, Jahr und Leben" konkret gestaltet werden können.

Wie kann ich ein Ritual beginnen?

Brudereck: Ich habe mit Gedenktagen angefangen. Es gibt für alles Mögliche Gedenktage: zum Beispiel den Tag des Fahrrads, den Tag des Baums, den Tag der Muttersprache oder auch den Europatag. Da überlege ich mir einmal im Jahr, dass ich Europäerin bin und was das für mich bedeutet. Wir haben jetzt über 70 Jahre Frieden und ich weiß auch, dass er bedroht ist. Das ist null selbstverständlich in dieser Welt und ein unglaubliches Geschenk. Was ist mein Beitrag dazu?

Es kann also ein Anfang sein, sich ein paar besondere Tage in den Kalender einzutragen. Vielleicht ist das auch der Geburtstag von Sophie Scholl oder von Dietrich Bonhoeffer oder der Todestag von Martin Luther King. Und wenn ich dann morgens in den Kalender schaue, werde ich erinnert: Martin Luther King wurde erschossen, weil er zu seinen Werten gestanden hat. Was wären meine Werte? Was habe ich für einen Traum?

Was ist Ihr Lieblingsritual?

Brudereck: Ich denke, der Morgen ist sehr wichtig für mich. Ich kann mir einfach nicht mehr vorstellen in den Tag zu gehen, ohne mir klar zu machen, dass ich nicht alleine bin. Und das gleiche gilt für den Abend. Ich kann auch ganz schwer in die Nacht gehen, mit allem was ich am Tag gesehen und erlebt habe und mit allem, was in dieser Welt passiert, ohne mich Gott zu überlassen. Außerdem mag ich alles, was mit Licht zu tun hat und wo wir Kerzen anzünden. Da habe ich auch ein paar eigene Rituale entwickelt.

Auch mein Namenstag ist mir wichtig. Da schaue ich nach jemandem, der meinen Namen trägt und etwas Gutes bewirkt hat. Was könnte das für eine Spur in deinem Leben sein? Irgendwann habe ich herausgefunden, dass an meinem Namenstag auch Welttag der Poesie ist, was für eine Lyrikerin wirklich sehr schön ist. Außerdem ist Tag gegen Rassismus, was ich als eine große Verpflichtung empfinde. Und es passt auch zu mir, weil ich eine Zeit lang in Südafrika gelebt habe.