TV-Tipp: "Jung, blond, tot - Julia Durant ermittelt" (Sat1)

4.12., Sat1, 20.15 Uhr
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Sat.1 hat die gebrochene Heldin entdeckt: In "Amokspiel" litt kürzlich eine Verhandlungsspezialistin unter dem Suizid ihrer Tochter, in "Jung, blond, tot", dem ersten Fall für Julia Durant, erholt sich die von Sandra Borgmann gespielte Frankfurter Fallanalytikerin von einem Messerangriff, der ihr Herz nur um Millimeter verfehlt hat. Die körperliche Wunde ist verheilt, die seelische mutmaßlich noch nicht.

Gerade jetzt hält ein Serienmörder hält die Stadt in Atem. Der Täter hat es auf junge blonde Frauen abgesehen, die Gesichter der Leichen sind grausam verstümmelt. Ein viertes Opfer passt nur auf den ersten Blick ins Muster; anders als ihre Kollegen ist Durant überzeugt, dass dieser Mord die Tat eines Trittbrettfahrers war. Daher ahnt sie auch, dass eine weitere Frau in Lebensgefahr schwebt, als der Fall scheinbar gelöst ist.

Die Geschichte orientiert sich am üblichen Serienmördermuster, weshalb das Motiv ähnlich an den Haaren herbeigezogen wirkt wie in den meisten anderen Filmen dieser Art: Als Erklärung muss wieder mal die Mutter herhalten. Dass der Krimi trotzdem sehenswert ist, liegt vor allem an der Umsetzung durch Maria von Heland. Dabei ist das Genre für die Regisseurin eher ungewohnt: Die vergleichsweise überschaubare Filmografie der gebürtigen Schwedin bestand bislang aus allerdings überwiegend sehenswerten Märchenfilmen wie "Die Sterntaler" (Bayerischer Fernsehpreis 2012) und Freitagskomödien der ARD wie "Eltern und andere Wahrheiten" (2017) und "Göttliche Funken" (2014). Für Sat.1 hat sie vor über zehn Jahren die  anspruchsvolle Romanze "Frühstück mit einer Unbekannten" (2007) gedreht.

Es wäre interessant zu erfahren, was Sender und Produzenten bewogen hat, Heland diesen Thrillerstoff anzuvertrauen. Eine Rolle hat sicher der Umstand gespielt, dass sich ihre Filme stets durch eine vorzügliche Führung der Darsteller ausgezeichnet haben; das ist für eine Geschichte, deren Protagonisten allesamt aus der Spur geraten sind, nicht unwesentlich. Dass sich solche Wesensmerkmale in verfremdeten Aufnahmen äußern, versteht sich fast von selbst. Trotzdem ist die Bildgestaltung außergewöhnlich. Kameramann Cristian Pirjol hat für Sat.1 schon bei "Das Nebelhaus" eine eindrucksvolle Thriller-Atmosphäre erzeugt. Entscheidender für die Wirkung des Films sind jedoch die flüssig montierten Schnittsequenzen, in denen Vergangenheit und Gegenwart fast unmerklich ineinander übergehen. Die Hauptkommissarin hat ein zudem untrügliches Gespür fürs Detail; Helands Inszenierung lässt dabei offen, ob auch übersinnliche Fähigkeiten im Spiel sind.

Die Besetzung der Hauptfigur ist ähnlich interessant wie die Regievergabe. Sandra Borgmann gehört zwar seit zwanzig Jahren zum festen Kreis der Schauspielerinnen und Schauspielern, die regelmäßig für Filme und Serien engagiert werden, ist aber keiner jener Stars, die ständig die Titelblätter schmücken. Auch deshalb ist sie eine gute Wahl für die versehrte Hauptfigur, die zwar trotz einer hässlichen Narbe auf der Brust körperliches Selbstbewusstsein ausstrahlt, aber natürlich immer noch unter dem Trauma der Messerattacke leidet. Borgmann unterstreicht die Individualität der Ermittlerin, indem sie einige Dialogszenen mit einem mimischen Schlusspunkt beendet. Was bei anderen Schauspielerinnen womöglich aufgesetzt wirken würde, weil sie "ein Gesicht machen", unterstreicht, dass Julia Durant eine besondere Frau ist; das verdeutlichen auch ihre gelegentlichen grimmigen Scherze. Heland hat womöglich einen ähnlich sardonischen Humor: Die Litschi in Julias Gin Tonic erinnert frappant an die Augen, die der Mörder einem seiner Opfer entfernt hat.

Der Status der Hauptfigur zeigt sich nicht zuletzt an ihrem souveränen Umgang mit den männlichen Kontrahenten. Aus dem Rahmen fällt allein die feindselige Stimmung zwischen Julia und ihrem Zwangspartner Schulz. Guido Broscheit ist als Typ interessant, auch und gerade in der Kombination mit Borgmann, aber die Animositäten zwischen der psychologisch geschulten Analytikerin und dem kernigen Kommissar sind Kindergarten und wirken angesichts der Mordserie komplett deplatziert. Ähnlich ambivalent sind die weiteren Männer, wobei Rüdiger Klink als protziger Vermögensberater mit Vorliebe für hübsche junge Frauen noch die schlichteste Figur ist; er hat das letzte Opfer, die Freundin seines Sohnes, geschwängert und gilt daher als Hauptverdächtiger. Zwischen den Fronten bewegen sich der Anwalt (Torben Liebrecht) des Finanzmaklers, ein smarter und attraktiver Typ, mit dem Durant gleich mal eine Nacht verbringt, sowie dessen Laufpartner (Julien Weigend), ein Psychologe, dessen Patientenkartei überwiegend aus den unglücklichen Töchtern der Frankfurter High Society besteht; exakt das Umfeld, aus dem auch die Opfer kommen.

Das Drehbuch ist von Kai-Uwe Hasenheit und Lancelot von Naso, die gemeinsam unter anderem die "Kommissar Marthaler"-Filme im ZDF geschrieben haben, sowie von Produzent Andreas Bareiss. Vorlage war der 1996 erschienene Auftakt für die "Julia Durant"-Krimis von Andreas Franz (Droemer Knaur). Sollte Sat.1 alle verfilmen, darf sich Hauptdarstellerin Sandra Borgmann in den nächsten Jahren nichts vornehmen: Die nach Franz' Tod (2011) von Daniel Holbe fortgesetzte Reihe umfasst bislang 18 Bücher.

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