"Seid auf der Hut vor dem Wolf!", ermahnt die alte Geiß ihre sieben Geißlein, als sie in den Wald geht, um Futter zu holen: "Wenn er hereinkommt, so frisst er euch mit Haut und Haar." Die meisten Kinder wissen, wie die Geschichte weitergeht: Mit List und Tücke verschafft sich der Wolf Zugang zum Haus und vertilgt ein Geißlein nach dem anderen, nur das jüngste nicht; es hat sich im Uhrenkasten versteckt. Dort entdeckt Friedemann Berg auch die kleine Eliza; seine Bäckerin hatte ihre rumänische Angestellte vermisst und ihn gebeten, nach dem Rechten zu sehen.
Als er aus dem Haus ein Wimmern hört, klettert er kurzerhand durchs Kellerfenster. Blutspuren im elterlichen Bett lassen auf eine Gewalttat schließen. Mit Hilfe des Kinderliedes "Bruder Jakob" (in der französischen Version, "Frère Jacques") gelingt es Berg, Eliza aus dem Kasten der Standuhr zu locken, aber das Kind sagt kein einziges Wort. "Das jüngste Geißlein" ist der sechzehnte Fall für das Duo Tobler und Berg (Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner) und einer der besten Breisgau-Krimis. Schon allein die Verknüpfung der durchgehend fesselnden Handlung mit dem Märchen ist ungemein reizvoll (Buch: Ulrike Schölles und Regisseur Rudi Gaul).
Dank einer Hörspielkassette bildet die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein, die das Mädchen mit einem Walkman hört, den akustischen roten Faden des Films. Auch optisch ist das faszinierend umgesetzt: Auf den ersten Bildern ist eine Haustür zu sehen, die im luftleeren schwarzen Raum in Richtung Kamera zu schweben scheint.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Als jemand dagegen hämmert, schwenkt die Kamera um 180 Grad und zeigt sieben Mädchen, die sich verschreckt verstecken. Die sechs Schwestern sind, wie sich bald zeigt, unsichtbare Gefährtinnen Elizas, sie werden fortan immer wieder auftauchen und haben auch entscheidenden Anteil an der denkbar tragischen Auflösung des kriminalistischen Rätsels. Neben der vorzüglichen Bildgestaltung (Stefan Sommer), die mit ihren winterlichen Nebelbildern für eine wenig ersprießliche und daher passende Atmosphäre sorgt, setzt auch die Musik (Verena Marisa) besondere Akzente.
Zwei Motive ziehen sich durch den gesamten Film und verdeutlichen die beiden Gefühlszustände des von Hanna Heckt ungemein ausdrucksstark verkörperten Mädchens: In höchsten Tönen zwitschernde Geigen stehen für ihre innere Unruhe, "Bruder Jakob" vermittelt Geborgenheit. Das gilt auch für Berg, der allerdings suspendiert ist, seit im letzten Film ("Der Reini", 2025) die Leiche seines Vaters in einem Brunnen auf dem elterlichen Schwarzwaldhof entdeckt wurde.
Weil er als erster am Tatort war und der Lebensgefährte von Elizas Mutter später erstochen in einem nahen See gefunden wird, wird der Kommissar zwischenzeitlich gar zum Verdächtigen. Tobler hält das zwar für Quatsch, aber die schon seit einiger Zeit schwelenden Spannungen zwischen den beiden setzen sich fort. Zum zentralen Personal des Films gehört auch eine Psychologin, deren Rolle lange Zeit undurchsichtig bleibt: Evelyn Kaltenstein (Mina Tander) versucht zu verhindern, dass sich Tobler mit Eliza unterhält.
Will sie das Mädchen schützen oder beeinflussen? Ein weiterer Hinweis darauf, dass in der Familie etwas im Argen liegt, sind die blauen Flecken der Rumänin, von denen die Bäckerin berichtet. Womöglich, sinniert Tobler, ist die Frau von ihrem Mann geschlagen worden, hat sich gerächt und die Leiche entsorgt. Sowohl Bergs Hausarzt wie auch die Psychologin weisen den Verdacht häuslicher Gewalt jedoch zurück. Tatsächlich haben die Hämatome, wie sich später rausstellt, eine gänzlich andere Ursache. Aber wo ist die Mutter? Und warum hat sie das Kind allein zurückgelassen?
Rudi Gaul hat mit Wagner und Löbau auch den ähnlich sehenswerten Krimi "Ad acta" (2024) gedreht, Sommer und Marisa waren ebenfalls beteiligt, aber die Stärke des damaligen Films war das handlungsreiche Drehbuch. Diesmal bewegen sich alle Komponenten auf dem gleichen hohen Niveau. Die Musik zerrt an den Nerven und sorgt mit ihren Ausrufezeichen mehrfach für kleine Schockeffekte, wenn die Kamera in Elizas Welt eintaucht und plötzlich in einem Spiegel eine ihrer Schwestern zu sehen ist.
Und dann ist da natürlich noch das Märchen. Diese Geschichten seien doch ganz schön brutal, sagt Tobler im Gespräch mit der Psychologin. Für die Kinder, widerspricht Kaltenstein, zähle vor allem, dass schließlich Gerechtigkeit hergestellt werde. So ähnlich äußert sich auch Eliza gegenüber Berg: Märchen gingen gut aus, denn "der Wolf stirbt immer"; aber das Happy End entpuppt sich als grausige Tragödie.

