Katholische Kirche durch Missbrauchsskandal unter Druck

Bischofskonferenz

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Deutschland spricht 2019
Katholische Kirche durch Missbrauchsskandal unter Druck
Die Kirchenbeauftragten von Union, SPD und FDP fordern vollständige Aufklärung
Medienberichte zur Missbrauchs-Studie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz haben in Kirche und Politik Bestürzung ausgelöst. Die Kirchenbeauftragten von Union, SPD und FDP im Bundestag forderten eine vollständige Aufklärung der Missbrauchsfälle. Der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, mahnte, die Glaubwürdigkeit der Kirche sei nur zurückzugewinnen, wenn die Ergebnisse angenommen würden und Konsequenzen erfolgten.

Die Deutsche Bischofskonferenz will die von ihr in Auftrag gegebene Studie am 25. September vorstellen. Nach Berichten des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und der Wochenzeitung "Die Zeit" nennt die Studie zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 sexuelle Vergehen durch 1.670 Kleriker an überwiegend männlichen Minderjährigen. Heiner Keupp, Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, wertete die Studie lediglich als "ersten Schritt" hin zu einer wesentlich umfassenderen Aufarbeitung.

Kritik an Vorab-Veröffentlichung

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, kritisierte die Vorab-Veröffentlichung scharf, bezeichnete die Ergebnisse aber als "bedrückend und beschämend". Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, hält die Vergehen für "völlig unentschuldbar" und sprach im Radiosender Bayern 2 von "dunklen Schatten auf unserer jüngeren Geschichte".

Jesuitenpater Klaus Mertes, der den Missbrauchs-Skandal vor acht Jahren am katholischen Canisius Kolleg in Berlin ins Rollen gebracht hatte, begrüßte dagegen die Vorveröffentlichung der Unterlagen. "Die Kirche verliert die Kontrolle und damit auch die Deutungshoheit über die Aufarbeitung von Missbrauch", schrieb er in einem Kommentar für "katholisch.de".

Mertes: Kirche hat Glaubwürdigkeitsproblem

Mertes mahnte: "Jede Untersuchung, die von derjenigen Institution in Auftrag gegeben wird, die untersucht werden soll, steht allein schon deswegen unter Verdacht, gesteuert zu sein." Er zweifele nicht an der Seriosität der Autoren. Aber die Kirche "kann ihr Glaubwürdigkeitsproblem nicht in eigener Regie lösen".

Der Sozialpsychologe Heiner Keupp unterstrich in einem epd-Gespräch, es seien noch viele Fragen offen, die die Studie trotz gründlicher Arbeit der beteiligten Institute nicht beantworten könne. Notwendig wäre unter anderem ein voller Zugriff auf die Archive der Diözesen durch unabhängige Fachleute sowie Untersuchungen etwa über die Rolle von weiblichen Kirchenangehörigen bei Misshandlung und Missbrauch durch Ordensangehörige in Internaten. Zudem plädierte er für eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene sowie eine kirchenunabhängige, psychosoziale Prozessbegleitung.

Der Kirchenbeauftragte der Unions-Fraktion, Hermann Gröhe (CDU), setzt darauf, dass die Deutsche Bischofskonferenz bei der Vorstellung der Studie am 25. September Schlüsse und Konsequenzen darlegen werde, wie Missbrauch durch katholische Geistliche in Zukunft verhindert werden könne. Sein SPD-Kollege Lars Castellucci sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, notwendig seien eine vollständige Aufklärung, eine öffentliche und umfassende Entschuldigung für das verursachte Leid sowie glaubhafte Maßnahmen, um Wiederholungen zu verhindern.

Der Kirchenbeauftragte der FDP, Stefan Ruppert, sagte den Funke-Zeitungen: "Vertuschung darf es nicht mehr geben." Die katholische Kirche müsse im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten Täter anzeigen und wenn möglich kündigen.

Die Bischofskonferenz hatte 2014 die Studie an ein Konsortium unter Leitung von Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim vergeben. Beteiligt sind auch das Kriminologische Institut und das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg sowie der Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen.