Politiker gedenken der Opfer des tödlichen Geiseldramas von Gladbeck

NRW-Ministerpräsident Laschet bittet Angehörige um Vergebung
30 Jahre nach dem Beginn des Geiseldramas von Gladbeck werden Spitzenpolitiker der damals betroffenen Bundesländer das Grab von Silke Bischoff besuchen.

Carmen Jaspersen/dpa

Das Grab der getöteten Silke Bischoff auf dem Friedhof in Heiligenrode.

Ganze 30 Jahre hat es gedauert, bis die Politik offiziell an ein Verbrechen erinnert, das zum kollektiven Gedächtnis Deutschlands gehört. Das 54 Stunden dauernde "Drama von Gladbeck" hat Politiker, Medienschaffende und Polizisten verändert.

30 Jahre nach dem Geiseldrama von Gladbeck haben Spitzenpolitiker am Grab des Opfers Silke Bischoff in Heiligenrode bei Bremen erstmals offiziell der Tat gedacht. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), Bremens Bürgermeister Carsten Sieling und die niedersächsische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Birgit Honé (beide SPD), legten am Donnerstag Kränze nieder.

An der stillen Feier nahmen auch die Mutter der damals 18-jährigen Silke Bischoff, Karin Remmers, und weitere Angehörige teil. Die evangelische Pastorin Tabea Rösler bat für die Familie um Gottes Beistand und mahnte zur Verantwortung in Kirche, Politik und Gesellschaft. Anschließend sprach sie am Grab ein "Vaterunser" und einen Segen. An diesem Freitag soll auch auf dem Friedhof im süditalienschen Surbo mit dem Verlesen eines Briefes von Sieling an das Verbrechen erinnert werden. Dort ist Emanuele De Giorgi bestattet, der als 15-Jähriger ebenfalls von den Geiselnehmern erschossen wurde.

Laschet bat die Angehörigen nach der Andacht um Vergebung. Es sei an der Zeit zu sagen: "Ja, der Staat hat Fehler gemacht." Der Staat habe damals nicht den Schutz bieten können, den die Opfer verdient hätten. Anders als das Land Bremen habe Nordrhein-Westfalen sich bisher nicht zu seiner Verantwortung bekannt. Dieser Schritt sei überfällig gewesen.

Auch der Bremer Regierungschef Sieling bat die Angehörigen um Verzeihung. Es sei damals von der Polizei und den Medien viel falsch gemacht worden, "besonders im Umgang mit Betroffenen und Hinterbliebenen". Die niedersächsische Ministerin Honé appellierte an die Verantwortung von Politikern und Medien. So etwas wie vor 30 Jahren dürfe sich nicht wiederholen.

Businsassen erhielten keine Traumaaufarbeitung

Nach einem Banküberfall im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord nahmen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner am 16. August 1988 Geiseln. Sie flüchteten mit ihnen durch Nordrhein-Westfalen, Bremen und Niedersachsen sowie die Niederlande. Ein Polizist kam bei der Verfolgungsjagd ums Leben. In Bremen hatten die Geiselnehmer im Ortsteil Huckelriede einen Linienbus mit 32 Passagieren in ihre Gewalt gebracht. Unter ihnen waren auch Silke Bischoff und Emanuele De Giorgi. Sie wurden von den Geiselnehmern erschossen

Sieling kritisierte, dass sich nach dem traumatischen Verbrechen niemand um die übrigen Businsassen gekümmert habe. "Sie haben ihr Leben einfach weiterführen müssen." Seit Jahresbeginn versuche der Bremer Senat, diese Menschen ausfindig zu machen und sie zu einem Gespräch einzuladen. Einige Treffen hätten bereits stattgefunden. Vor der Gedenkfeier hatte eine Sprecherin der Bremer Innenbehörde berichtet, "die Erinnerungen an die schreckliche Tat sind bei den Betroffenen so präsent, als wäre das alles gestern passiert". Sieling kündigte an, dass in der Nähe der Bushaltestelle ein Gedenkort entstehen soll. Die Opfer und Angehörigen sollten dabei eng in die Planungen eingebunden werden.