Pro und Contra: Spezialgottesdienste

Die Spezialgottesdienste sind vielfältig. So gibt es Angebote für Tierhalter, Fußballfans, LGBT oder Motorradfans.

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Die Spezialgottesdienste sind vielfältig. So gibt es Angebote für Tierhalter, Fußballfans, LGBT oder Motorradfans.

Spezialgottesdienste gibt es seit Jahrzehnten. Sie richten sich jeweils an eine bestimmte Zielgruppe. Besonders bekannt sind die Gottesdienste für Biker, für Familien oder speziell für Männer, Frauen, Singles oder Zweifelnde. Gerade in den Sommermonaten aber häuft sich die experimentelle Form. Muss das sein?

PRO: Spezialgottesdienste? Unbedingt!

Wenn es um moralische Regeln geht, ist die Kirche ein bewährter Ort dafür diese auszusprechen. Sie ist eine alte Institution. Halb nackt in der Kirche: Ihr seid zu weit gegangen! Lärm in der Kirche: Können diese Kinder nicht mal Ruhe geben? Zwei Männer küssen sich in der Kirche: Nicht bei uns! Unsere Gesellschaft ist voller Tabus. Sie zeigen den aktuellen Diskussionsstand an, worauf wir uns geeinigt haben. Dass es für beinahe jede Frage Befürworter und Gegner geben darf, zeigt, wie frei wir in Deutschland leben.

Die Kirche hat ihre Traditionen – sie zeigen sich in der Institution sowie auch in ihren Ritualen. Es gibt Regeln. Doch welche Regeln sind eigentlich unumstößlich? Wer legt fest, wer wann was darf? Die Stärke der evangelischen Kirche ist es, dass sie das Potenzial des Aushandelns in sich trägt, seit es sie gibt, seit Martin Luther die Bigotterie seiner Kaste angeklagt hat. Seitdem genießen nicht nur die Gläubigen sondern auch die Pfarrerinnen (!) und Pfarrer eine große Freiheit, Dinge zu gestalten und ihre Gaben einzusetzen.

So kommt es, dass ein Pfarrer, der sich in der Bikerszene bewegt, seine Gabe für Gleichgesinnte einsetzen darf. Dass eine Pfarrerin und ein Pfarrer, die ein Herz für Tiere haben, diese Freunde des Menschen mit in den Gottesdienst einladen. Dass ein Pfarrer, der seit Jahrzehnten Drachenflieger ist, sich eine aufblasbare Kirche für die Drachenfliegerszene designen lässt und darin predigt. Sie müssen das nicht. Sie dürfen. Deshalb zählt für mich der oft gehörte Vorwurf eines Pfarrers als Eventmanager nicht. Manche Pfarrerinnen und Pfarrer möchten sich auf eine Gruppe von Menschen spezialisieren, weil sie es können. Um Zwang sollte es dabei nicht gehen, denn der würde ihre Authentizität zunichte machen.

Nun zu sagen: Spezialgottesdienste, die sich an eine Zielgruppe wenden, darf es nicht geben, weil sie uns schaden, weil sie unsere Gemeinde zersplittern und uns trennen. Das halte ich für falsch. Martin Luther prägte die vier Soli: Allein Schrift, Gnade, Glaube und Christus zählen. Sie sind ein guter Minimalkonsens, mehr braucht es für Christen nicht. Ansonsten: Je mehr Gottesdienste, desto besser. Je mehr Menschen kommen, desto besser.

Nur weil sich Pfarrerinnen und Pfarrer in Spezialgottesdiensten darüber Gedanken machen, wie sie die Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen ansprechen, in dem, was den Menschen jeweils wichtig ist, heißt das nicht, dass das andere Christen ausschließt. Denn es gibt viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die ausströmen und ihre Gaben einsetzen. Und ist das nicht auch der Inbegriff von Mission?

Deswegen ist diese eine Spezialgottesdienst-Stunde im Monat, im Quartal oder im Jahr zu verkraften und führt sogar für alle gemeinsam zu neuer Kraft: Wer sich selbst liebt, weil er weiß, was ihm oder ihr wichtig ist, der ist in der Lage, diese Liebe nach außen weiterzugeben. Und zwar auch in all den anderen Stunden, in denen der Mensch keinen Spezialgottesdienst besucht.

CONTRA: Spezialgottesdienste? Unnötig!

Eines vorweg: Was ich eine gute Sache finde, sind "Themengottesdienste": Die Eröffnung der neuen Brot für die Welt-Aktion, der Weltgebetstag der Frauen, Erntedank sowieso – Konzentration auf einen bestimmten Aspekt zu einem bestimmten Anlass. Worauf ich kritisch schaue, ist eine Zunahme von besonderen "Zielgruppengottesdiensten": Gottesdienste für Motorradfahrer*innen, Gottesdienste für Nudist*innen, Gottesdienste für Fußballfans, vegane Jugendliche, strickende Männer und skateboardfahrende Seniorinnen.

Denn: Was ist Gemeinde eigentlich? Paulus macht das ganz klar: "Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus. So (…) ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat. (Kolosser 3, 11-13). Diese Gemeinde ist es, die Gottesdienst feiert - und die Unterschiede sind gerade NICHT wichtig, das Trennende wird beiseite gewischt. Wir sind weder nur Motorradfahrer, noch Umweltschützerinnen, noch Wolleliebhaber, sondern in Christus.

GEMEINSAM feiern wir in unserer Verschiedenheit mit Gottes gutem Geist seine Werke, danken, lobpreisen und hören seine Gute Nachricht. Und einer "erträgt" den anderen statt nebeneinander her zu leben. Und nochmal Paulus: "Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied." (1. Korinther 12, 12ff). Der Leib besteht nun mal aus vielen unterschiedlichen Gliedern, sonst wäre es keiner. Gemeinde ist Gemeinschaft in Vielfalt. Die Motorradgruppe in der Gemeinde kann sich unter der Woche im Gemeindehaus treffen und ihre Themen erörtern, genauso wie die Umweltinitiative und der Handarbeitskreis. Aber am Sonntag kommen alle zusammen und bereichern den Gottesdienst mit ihrem jeweiligen Beitrag FÜR die anderen. Gottesdienst sollte integrierend sein, nicht ausschließend.

Und: Was ist Kirche eigentlich? Eine Institution, in der ein cleverer Eventmanager Veranstaltungen für möglichst passend zugeschnittene Zielgruppen anbietet, in der Hoffnung, seine Location so oft wie möglich so voll wie möglich zu bekommen mit Kundinnen und Kunden, die dankbar warme Worte und schöne Musik rund um ihr Lieblingshobby konsumieren? Paulus würde antworten: "Das sei ferne!" Vielmehr besteht lebendige Kirche doch aus der gestaltenden Gemeinschaft der Gläubigen (nach Luther die "Gemeinschaft der Heiligen"), die zusammen kommt und mit ihren Worten und Taten Gott und das Evangelium feiert. Heißt es nicht auch "GottesDIENST" statt "Gottesvortrag mit Lesung, Musik und Snacks (in Form von Brotstückchen und Weinschlückchen)"?

Selbstverständlich ist es kein Schaden, wenn hin und wieder ein Gottesdienst für eine spezielle Zielgruppe angeboten wird, ein besonderer Segen ausgesprochen wird für diese Menschen. Die Frage muss aber erlaubt sein: Wenn irgendwann jeden Sonntag eine andere diversifizierte Zielgruppe bedient wird - wann finden dann alle diese Menschen wieder zusammen? Ich freue mich über offene Kirche, über Kirche unterwegs, über bunte Kirche und über Kirche, die mutig ist und neue Wege geht. Aber ich wünsche mir, dass sie dabei auf Gemeinschaft in Christus setzt, auch und gerade im Gottesdienst!