Wenn Tiere in die Kirche gehen

Gottesdienst mit Tieren in der Dortmunder Pauluskirche

Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Tier mussten NICHT draußen bleiben beim Gottesdienst am Sonntag in der evangelischen Pauluskirche in Dortmund.

Wenn Tiere in die Kirche gehen
Ein Pony, zwei Meerschweinchen und jede Menge große und kleine Hunde waren an diesem Wochenende zum Gottesdienst und zur Segnung in einer Kirche. Unmöglich? Nicht beim zweiten Kirchentag für Mensch und Tier in Dortmund.
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Lautes Stimmengewirr, Lachen und Hundebellen dringt über die Mauern des Kirchgartens der Dortmunder Pauluskirche hinweg. Die Tore stehen weit offen und immer wieder werfen neugierige Passanten einen Blick auf den Zettel am Eingang: "Kirchentag für Mensch und Tier". Einige gehen nach einem flüchtigen Blick weiter und drehen sich nicht nochmal um. Andere, wie Klaus-Dieter Hoffmann (75), der mit seiner Lakeland-Terrier Hündin Tracy unterwegs ist, lassen sich von den Geräuschen in den Innenhof locken.

Dort steht ein großer Essensstand, an dem vegetarische und vegane Speisen angeboten werden und an anderen Ständen informieren Tierschützer über ihre Projekte. Auf den Bierzeltgarnituren sitzen überwiegend ältere Männer und Frauen. Das Hauptgesprächsthema sind natürlich die Tiere und die Kirche. Viele Besucher sind sich einig, dass beide Kirchen die Tierrechte besonders im Hinblick auf die Massentierhaltung bisher sträflich vernachlässigt haben. "Dabei müsste die Kirche als Vorbild öffentlich gegen diese Quälerei Stellung beziehen“, sagt Monika Griesheimer (74). Sie ist mit zwei Freundinnen extra aus dem Schwarzwald nach Dortmund gereist, weil sie zeigen will, dass Tierrechte in der Kirche eine größere Beachtung erfahren sollten. "Die Kirche springt immer auf schon längst abgefahrene Züge auf. Ich wünsche mir so, dass die Kirche einmal Lokomotive sein könnte und im Namen der Tiere für mehr Gerechtigkeit kämpfen würde", sagt Christa Dalhoff (71). Sie habe sogar schon darüber nachgedacht, mit allen Tierfreunden geschlossen aus der katholischen Kirche auszutreten, um die Kirchenvertreter darauf aufmerksam zu machen, dass Tierrechte in die Mitte der Kirche gehören.

"Nicht jeder hier muss zum Vegetarier oder Veganer werden"

Dem stimmen auch die beiden evangelischen Theologie-Studenten Niklas Penckmann und Björn Stappert (beide 24) zu. Sie sind der Meinung, dass die nachkommende Pastorengeneration dem Tierschutz viel interessierter gegenüberstünde und sich da einiges ändern werde. "Das ist für die Kirche eine Chance, Menschen für sich zu gewinnen. Besonders junge Leute engagieren sich für den Tierschutz und wenn sie merken, dass sie in der Kirche einen starken Mitstreiter gefunden haben, lassen sich alte Gräben und Vorbehalte abbauen", schätzt Penckmann, während sein Freund zustimmend nickt.

Rocky kennt die Pauluskirche bereits von seinen Auftritten am Weihnachtsabend - da führt er Maria und Josef in den "Stall".

Klaus-Dieter Hoffmann genießt es, dass er zum ersten Mal zusammen mit Tracy eine Kirche betreten kann. "Der liebe Gott hat doch nichts gegen die Tiere, da sollte es häufiger so sein, dass sie in die Kirche mitkommen dürfen", sagt er und krault Tracy den Kopf. Die sitzt ganz brav neben ihrem Herrchen, das sich die ausgestellten Präparate anthropozoomorpher Wesen (Tiere mit menschlichem Gesicht) anschaut, in denen die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen. "Durch ein Menschengesicht wird für viele erst wirklich deutlich, dass ein Tier genauso Gefühle hat wie ein Mensch", so die Künstlerin Heike Fischer (50). Über die Werke sind sich die Besucher uneinig: Einige finden sie provozierend, andere inspirierend und wieder welche irritierend. Zumindest aber regt sie zum Nachdenken an, so wie es auch die Werke der beiden anderen Künstlerinnen Karin Zhang und Verena Schuh tun.

Draußen wird derweil kräftig darüber diskutiert, wie eine Theologie des Tieres und der Menschen aussehen müsste. "Ich bin der Meinung, dass Liebe und Mitgefühl nicht beim Menschen aufhören dürfen, sie müssen alle Lebewesen miteinbeziehen", sagt Sonja Rosenau (32), die aus Peine in Niedersachsen angereist ist und selbst Mitglied in der Neuapostolischen Kirche ist. Der Herrschaftsauftrag in der Bibel sei nicht als Rechtfertigung für den Menschen zu verstehen, Tiere zu unterdrücken und zu quälen, sondern ein Auftrag, sie zu beschützen, wie es ein guter Herrscher für sein Volk täte.

Frauchen und Herrchen sind gern mit ihren Hunden in den Gottesdienst gekommen.

Diese Interpretation wird von vielen Anwesenden geteilt – auch von Pastorin Sandra Laker (51), einer der Organisatorinnen. Sie ist überzeugt von einer Theologie des Lebens, die nicht auf den Menschen fokussiert ist, sondern auf alle Lebewesen. "Nicht jeder hier muss zum Vegetarier oder Veganer werden, das ist gar nicht das Ziel dieser Veranstaltung, aber ich würde es mir wünschen, dass die Menschen anfangen, über ihre Ernährung und die dafür nötige Nutztierhaltung nachzudenken", so Laker.

Bisher konnte nur ein Foto von Brenda gesegnet werden

Um zum Nachdenken anzuregen, haben sie und ihr Ehemann, Pastor Friedrich Laker, den katholischen Theologen und suspendierten Priester Eugen Drewermann für einen Vortrag eingeladen. Der Name zieht: Kurz vor Beginn des Drewermann-Vortrags wird es deutlich voller. Seine Ausführungen interessieren nicht nur die Generation 60+, sondern auch viele Jüngere. Leidenschaftlich spricht Drewermann über das Problem der Bevölkerungsexplosion und den Egoismus der Menschen, die sich nur dann um Tiere scheren, wenn es ihre eigenen Interessen betrifft. "Schützenswert sind im Zweifel nur die Menschen, nicht die Tiere in der christlich-abendländischen Ethik", wettert Drewermann, das Mikrofon in der linken Hand und die rechte energisch auf und ab bewegend. Er braucht keinen Notizzettel, als er das Grauen der Massentierhaltung beschreibt und dazu aufruft, den Tierschutz nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und dem schlechten Gewissen zu erzwingen.

"Das Töten ist nur marginal, wenn man bedenkt, was wir den Tieren jeden Tag auferlegen", sagte Eugen Drewermann über die Massentierhaltung.

Immer wieder ertönt Zwischenapplaus. Als Eugen Drewermann seinen Vortrag mit den Worten "Wir müssen es wahr machen, wenn es wahr werden soll" schließt, brandet langanhaltendes Klatschen durch das Kirchenschiff. Einige Frauen eilen nach vorne, um sich Bücher signieren zu lassen. Eugen Drewermann ist an diesem Abend der Popstar der christlichen Tierrechtsbewegung.

Der Gottesdienst für Menschen und Tiere am nächsten Mittag ist nicht ganz so gut besucht wie der Vortrag am Vortag. "Es dauert seine Zeit, bis die Menschen anfangen, Tierrechte in der Kirche zu suchen. Bisher war das der Blinde Fleck des Christentums. Aber genau deswegen müssen wir es kontinuierlich weiter in die Mitte der Gemeinschaft rücken", erklärt Pastor Laker. Statt zu hadern, freut er sich über die zahlreichen Tiere im Gottesdienst. Christel Werst (74) ist mit ihrer Hündin Brenda gekommen. "Wir freuen uns, dass wir sie mit in die Kirche nehmen können", sagt sie, denn bisher habe sie immer nur ein Foto segnen lassen können. Jetzt könne sie aber endlich mit ihrer Brenda zusammen gesegnet werden. Und dieses Bedürfnis teilen viele Besucher: Es freut sie, dass es in der Pauluskirche nicht heißt "Tiere müssen draußen bleiben". Und mit der Ausnahme von ein bisschen Gebell stören die Hunde auch nicht. Selbst als das Pony Rocky in die Kirche geführt wird, bleiben sie relativ ruhig. Außer Rocky und den zahlreichen Hunden werden auch die Meerschweinchen Emma und Teddy von Pastor Laker gesegnet. Der kleine Jonas hält die Transportbox mit seinen beiden Haustieren fest umklammert, während Pastor Friedrich Laker mit leisen, eindringlichen Worten und einer Hand über den Meerschweinchen und die andere auf der Schulter des Jungen den Segen spricht.

Der Tierschutz verbindet die Menschen an diesem Wochenende über die Konfessionen und Altersgrenzen hinweg. Und der nächste Kirchentag für Mensch und Tier, der in zwei oder drei Jahren wieder stattfinden soll, wird dann, so die Hoffnung von Pastor Laker, ökumenisch gefeiert und noch besser besucht werden.