Kaum ein Tag ohne Anschlag

In Afghanistan erstarken die Aufständischen
Teilnehmer des 700 Kilometer langen Friedensmarsches von Helmand bei der Ankunft in einer Moschee in Kabul.

Mohammad Jawad/dpa

Ein Arzt behandelt Teilnehmer des fast 700 Kilometer langen Friedensmarsches von Helmand bei der Ankunft in einer Moschee in Kabul. Die Wanderer waren vor knapp 40 Tagen in der schwer umkämpften südafghanischen Provinz Helmand gestartet.

Die USA wollen ihre Truppen in Afghanistan aus der Fläche zurückziehen. Die neue "Wagenburg-Strategie" löst Angst und Resignation aus. Denn die Gewalt von Extremisten nimmt zu.

"Wir brauchen Frieden, dieser Krieg muss enden", sagt Iqbal Khyber. Der 27-jährige Medizinstudent aus Helmand war mehr als einen Monat fast 700 Kilometer zu Fuß nach Kabul gelaufen. Er und eine Gruppe von anderen Aktivisten protestierten damit gegen die nicht enden wollende Gewalt und den Terror in ihrem Heimatland, das seit Jahrzehnten im Bürgerkrieg steht. Nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt zogen Demonstranten in hellblauen, traditionellen Kleidern von Botschaft zu Botschaft, um für ihre Mission zu werben. Ihr Slogan: "Es ist die Schuld des Krieges, dass unser Leben so hässlich ist." Nun haben Iqbal und seine Mitstreiter ihren Protest beendet, doch der Krieg ist geblieben.

Für die Friedensaktivisten gab es einen kurzen Lichtblick: Mitte Juni, zum Ende des Fastenmonats Ramadan, willigten die radikal-islamischen Taliban in eine dreitägige Waffenpause mit der Regierung ein. Die Stimmung war euphorisch: Taliban-Kämpfer und Soldaten umarmten einander, aßen Eiscreme, machten Selfies und beteten zusammen in der Moschee.

Doch dann kehrte der Alltag am Hindukusch wieder ein. Kaum ein Tag vergeht nun ohne einen größeren Anschlag. Es sind nicht alleine die Taliban, auch die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), die sich in Afghanistan Daesh nennt, verübt regelmäßig Attentate. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden in Afghanistan in den ersten sechs Monaten des Jahres 1.692 Zivilisten bei Kriegshandlungen getötet and 3.430 verletzt.

Ende Juli kehrte dann der notorische Abdul Raschid Dostum, ein mächtiger Führer der ethnisch usbekischen Afghanen, aus seinem selbstgewählten Exil im türkischen Ankara zurück. Der 63-jährige Dostum, ein brutaler Kriegsherr und zentrale Figur in den afghanischen Kriegen seit den 80er Jahren, wird der Vergewaltigung, Folter und Geiselnahme beschuldigt. Nur Minuten nach seiner Ankunft am Flughafen in Kabul entkam der Politiker einem Selbstmordattentat, als ein Attentäter sich vor seinem Autokonvoi in der Menge jubelnder Anhänger in die Luft sprengte: 14 Menschen starben und um die 50 wurden verletzt.

Die Terrorgruppe IS bekannte sich zu dem Attentat. Menschenrechtsorganisationen fordern seit Jahren, dass die Vorwürfe gegen Dostum untersucht werden sollen, doch Afghanistans Präsident Aschraf Ghani, der Dostum seinen Wahlerfolg von 2014 verdankt, hat wenig Interesse daran, seine Machtbasis zu schwächen. Zumal Dostum und seine Miliz im Norden des Landes über großen Einfluss verfügen, wo sie gegen die Taliban kämpfen. Die Organisation "Human Rights Watch" beschuldigt den General unter anderem eines Massakers an Hunderten Taliban-Gefangenen im November 2001, die in Containern erstickten.

Ein Aufnäher mit dem Schriftzug "RS", für die Mission "Resolute Support", aufgenommen am Ärmel eines Soldaten der Bundeswehr in Masar-i-Scharif.

Der Sturz des Taliban-Regimes durch die US-Invasion 2001 beendete zwar die islamische Schreckensherrschaft, doch statt des Aufbaus eines sicheren Staates, brachte die neue, demokratisch gewählte Regierung Kriegsherren, Milizen-Führer und korrupte Politiker an die Macht. Das Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 markierte den Rückzug der internationalen Gemeinschaft in dem fast 17-jährigen Konflikt.

Zwar haben die USA immer noch rund 14.000 Soldaten in Afghanistan stationiert, und auch die Bundeswehr unterhält noch ein Kontingent von knapp 1.300 Kräften, doch angesichts der erstarkenden Aufständischen ist damit kein Staat zu machen.

Entgegen der Drohung von US-Präsident Donald Trump, dass die Taliban und der IS in Afghanistan "wissen sollen, dass sie sich nirgendwo verstecken können", hat die US-Regierung nun beschlossen, sich aus der Fläche zurückzuziehen und nur noch die Städte - wie Kabul, Kandahar, Dschalalabad, Kundus und Masar-i-Scharif - zu schützen. Damit werden praktisch 90 Prozent Afghanistans den Taliban und anderen Aufständischen überlassen. Weniger als ein Viertel aller Afghanen wohnen in Städten. Die neue "Wagenburg-Strategie" sorgt für Angst und Resignation. "Die USA haben es geschafft, in 15 Tagen ein Regime zu stürzen, warum konnten sie in 17 Jahren keinen Frieden schaffen?", fragt Iqbal.