Gemeinsames Beten verboten

Für Brasiliens Nationalelf stehen religiöse Rituale bei der WM auf dem Index
Neymar aus Brasilien jubelt über ein Tor.

Foto: Nick Potts/Press Association/dpa

Neymar schickt ein Stoßgebet zum Himmel nach einem Tor im Spiel Brasilien gegen Kroatien. In Netzwerken feierte er sein Tor mit einem Loblied auf Gottes Hilfe.

Die Spieler der Seleção dürfen bei der WM in Russland nicht gemeinsam auf dem Platz oder im Mannschaftshotel beten. Brasiliens Fußballverband will damit sicherstellen, dass keiner außen vor bleibt. Schon einmal kam es zum Eklat.

Ein Kreuzzeichen vor Spielbeginn oder vor dem Elfmeter reicht so manchem Star der Seleção längst nicht mehr: Vor allem Evangelikale in der brasilianischen Fußballnationalmannschaft stellen ihren Glauben gern augenfällig zur Schau. Bei der Weltmeisterschaft in Russland schiebt der brasilianische Fußballverband einen Riegel vor. Gemeinsame Gebete und religiöse Rituale außerhalb der Freizeit sind verboten - damit der Teamgeist nicht leidet.

Der Fußballverband CBF und Trainer Tite befürchten, dass die religiöse Praxis der Evangelikalen der Mannschaft nicht dienlich ist. "Wer nicht dazugehört, fühlt sich schnell ausgeschlossen. Solche Gruppenbildung kann Animositäten im Team zutage bringen", verlautet aus dem Verband.

Torwart Alisson beim Training.

Ihre Religiosität zeigen die Fußballstars auf vielfältige Weise. Stammtorhüter Alisson hat stets eine Bibel in seinem Umkleideschrank und verbreitet in sozialen Netzwerken seine Überzeugung: "Gott ist treu". Der Stürmer Willian nutzt die wenigen freien Stunden während der WM-Vorbereitung, um sich mit seinem Pastor zu treffen oder einen Gottesdienst zu besuchen.

Auch Superstar Neymar ist mit dabei. Nach mehreren Monaten Verletzungspause feierte er sein Tor beim Freundschaftsspiel gegen Kroatien am 3. Juni in Netzwerken mit einem Loblied auf Gottes Hilfe. Schon nach dem Olympiasieg der brasilianischen Elf 2016 in Rio de Janeiro wurden Neymars religiöse Darstellung als übertrieben kritisiert. Er zeigte ein Spruchband mit der Aufschrift "100 Prozent Jesus". Auch die Siege mit seinem Mannschaftsklub Barcelona feiert er meist mit solchen Bekenntnissen.

Das Nein zu Gottesdiensten und Gebetsstunden im Trainingslager, das der CBF Anfang Juni aussprach, hat eine Vorgeschichte. Bereits unter Trainer Dunga kam es im Jahr 2015 zu einem Eklat. Zehn Spieler der Seleção nahmen damals an einem nicht abgesprochenen Gottesdienst im Mannschaftshotel teil, der Pastor veröffentlichte die Bilder der betenden Spieler im Internet. Viele sahen darin einen Missbrauch der Nationalmannschaft, um Werbung für bestimmte Kirchen oder religiöse Überzeugungen zu machen. Daraufhin verfügte Dunga erstmals ein entsprechendes Verbot, das bis zu seinem Abtritt 2016 andauerte.

Der Stürmer Willian trifft sich in freien Stunden während der WM-Vorbereitung mit seinem Pastor.

"Wir respektieren alle Religionen, und in der Freizeit darf jeder tun und lassen, was er mag. Aber nicht mehr, wenn die Mannschaft beisammen ist", argumentierte Gilmar Rinaldi, der damalige Koordinator der Nationalmannschaft. Das Team müsse eine geschlossene Gruppe sein. "In ihrem Innern ist die Seleção laizistisch. Hier geht es nicht um Religion, sondern um hartes Arbeiten", erklärte Rinaldi in der Zeitung "O Globo".

Seit den 1980er Jahren ist Religion ein immer wichtigeres Thema im brasilianischen Fußball. Damals gründete sich die Gruppe "Atletas de Cristo", Athleten für Christus. Der frühere Mittelfeldspieler und heutige Trainer Jorginho war einer der Initiatoren. Zugleich begann auch der Boom der unzähligen Pfingst- und Neopfingstkirchen, die sich in Brasilien immer mehr ausbreiten. Noch gilt der südamerikanische Flächenstaat als größtes katholisches Land weltweit. Doch mittlerweile bezeichnet sich rund ein Drittel der Bevölkerung als evangelikal, Tendenz steigend.

Während die katholische Kirche Anhänger verliert und als zu traditionell kritisiert wird, gewinnen evangelikale Gemeinden insbesondere in Armenvierteln immer mehr Gläubige hinzu. Sie gehen auf die Menschen zu, ihre Gottesdienste mit viel Musik und Emotion kommen gut an. Nicht nur im Sport, auch in der Politik spiegelt sich der zunehmende Einfluss wider. Über ein Drittel der Bundesabgeordneten zählt inzwischen zu der parteiübergreifenden evangelikalen Fraktion, die sich für konservative Familienwerte starkmacht. Rio de Janeiro, Austragungsort des letzten WM-Finales 2014, wird inzwischen von einem beurlaubten Bischof der Neopfingstkirche Igreja Universal regiert.