Experten warnen vor digitaler Spaltung der Gesellschaft

Gesche Joost, Internetbotschafterin der Bundesregierung

Foto: epd/Norbert Neetz

Gesche Joost, Internetbotschafterin der Bundesregierung, tritt mit ihren Forschungsprojekten für eine Verbreiterung digitaler Anwendungen im Alltag und Arbeitsleben ein.

Die Internetbotschafterin der Bundesregierung, Gesche Joost, sieht durch die Digitalisierung große Herausforderungen auf den Sozialstaat zukommen.

Die Berliner Designforscherin sagte am Donnerstagabend in Berlin, nötig sei "ein Update der sozialen Sicherungssysteme". Die Absicherung für Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Pflege müsse an die neuen Arbeitsbiografien angepasst werden. Joost forderte die Gewerkschaften auf, sich für die neuen Arbeitnehmer zu öffnen. In Zukunft werde es sehr viel mehr Solo-Selbstständige mit einem anderen Arbeitsleben geben als in der klassischen Wirtschaft. Auch für sie müssten die Gewerkschaften "starke Partner" bleiben.

Joost, die an der Berliner Universität der Künste das "Design Research Lab" leitet, tritt mit ihren Forschungsprojekten für eine Verbreiterung digitaler Anwendungen im Alltag und Arbeitsleben ein, die die künftigen Nutzer als Mitentwickler einbezieht. Man könne Pflegeroboter durchaus einsetzen, sagte sie. Dies müsse aber gemeinsam mit den Pflegekräften ausprobiert werden.

Politik soll digitale Bildung fördern

Joost debattierte im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Diakonie Deutschland, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Evangelischen Akademie zu Berlin mit dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, und dem Gründungsdirektor des Weizenbaum-Instituts, Martin Emmer, über die Zukunft der Arbeitswelt bei fortschreitender Digitalisierung. Alle drei Wissenschaftler warnten vor einer digitalen Spaltung der Gesellschaft und forderten die Politik auf, deutlich mehr für die digitale Bildung zu tun.

BDI-Chef Kempf sagte "digitale Souveränität erreichen wir nur mit digitaler Bildung". Diese müsse in den Schulen beginnen. Es müsse aber auch mehr in die Erwachsenenbildung investiert werden. Er plädierte für eine optimistische und pragmatische Grundhaltung: "Wir müssen versuchen, die Digitalisierung als Chance zu begreifen", sagte Kempf. Sie stelle Gesellschaft und Wirtschaft zwar vor große Herausforderungen, "aber wir müssen vor keiner Herausforderung kapitulieren." Kempf räumte ein, dass Tätigkeiten wegfallen werden, empfahl aber, darauf nicht mit Angst und Resignation zu reagieren, sondern die Umwandlung von Arbeitsplätzen aktiv anzugehen. In 50 Jahren würden in Deutschland keine Getriebe mehr gebaut - man könne aber heute beginnen, sich darauf einzustellen.

Kirchen und die Arbeitswelt 4.0

Der Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer sagte mit Blick auf die Medienbranche, er mache sich keine Sorgen um Beschäftigungsmöglichkeiten für Journalisten. Der Nachwuchs sei hervorragend ausgebildet, arbeite international und multimedial. Die traditionelle Tageszeitung sei tot, so Emmer, nicht aber der Journalismus.

Die Veranstaltungsreihe von Diakonie und Kirche zur Digitalisierung soll noch bis in den Herbst gehen. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie sagte, Deutschland sei bereits in der Arbeitswelt 4.0 angekommen. Sie biete neue Chancen und Freiräume, auch für die Beschäftigten. Wie bei allen einschneidenden Entwicklungen werde es auch bei dieser Entwicklung Verlierer geben. Damit müssten sich auch die Diakonie und die Kirchen auseinandersetzen "und handeln", so der Diakonie-Chef.