Was die Kirche vom Fußball lernen kann

Fragen an den Stadionpfarrer Eugen Eckert
Stadionpfarrer Eugen Eckert

Foto: epd-bild/Heike Lyding

Eckert ist Pfarrer in der Kapelle der Commerzbank-Arena, die 2007 errichtet wurde, um Fußball-Fans einen Ort zum Innehalten zu bieten.

Am Donnerstag startet die Fußball-WM in Russland. Millionen Deutsche fiebern dann mit der Nationalmannschaft mit. "Die Kirche muss sich unbedingt etwas von dieser Begeisterungsfähigkeit abgucken", sagt Stadionpfarrer Eugen Eckert. Im Interview spricht er über die Chancen der Deutschen, hohe Ablösesummen und Fußballgötter.

Die deutsche Nationalmannschaft hat ihr erstes WM-Spiel am 17. Juni gegen Mexiko. In deren Nationalmannschaft spielen auch zwei Profis von Eintracht Frankfurt. Herr Eckert, dürfen wir für den Sieg unserer Mannschaft beten?

Eugen Eckert: In der Frankfurter Stadionkapelle beten wir nie für den Sieg. Unsere Nationalelf hat gut trainiert, und die Spieler sind Könner. Es reicht, wenn sie es schaffen, ihre beste Tagesform abzurufen. In der Kapelle beten wir stattdessen für ein faires Spiel und dafür, dass die Spieler und Zuschauer sich nicht verletzen. Auch wollen wir den Menschen mit auf den Weg geben, das Fußballspiel als Spiel zu begreifen - und zu erkennen, dass die Wahrheit des Lebens nach den 90 Minuten auf anderen Spielfeldern weiter geht. Aber natürlich habe ich nichts dagegen, wenn wir im Fußball Wundergeschichten erleben - etwa wie beim DFB-Pokalfinale der Eintracht Frankfurt gegen Bayern München, als wir sehen konnten, dass der kleine David doch gegen den großen Goliath gewinnen kann.

Profi-Fußball und Fair Play gehört für viele Menschen nicht mehr zusammen, für Sie schon?  

Eckert: Wir sehen zumindest immer wieder wunderbare Momente des Fair Play, wenn Sieger die Verlierer trösten oder Spieler sich nach einem Foul entschuldigen. Beim finanziellen Fair Play allerdings ist der Fußball außer Rand und Band geraten, wenn für einen Spieler plötzlich 222 Millionen Euro Ablösesumme auf den Tisch gelegt werden. Das müssen wir infrage stellen und auch als Kirche versuchen, kritisch Einfluss zu nehmen.

Die EKD zählt rund 22 Millionen Kirchenmitglieder, der Deutsche Fußball-Bund sieben Millionen Mitglieder. Trotzdem sind die Stadien in Deutschland besser besucht als die Kirchen. Inwiefern kann die Kirche vom Fußball lernen?

Eckert: Die Kirche muss sich unbedingt etwas von der Begeisterungsfähigkeit des Fußballs abgucken. Die gibt es manchmal bei Kirchen- oder Katholikentagen oder besonderen Gottesdiensten. In aller Regel bieten unsere Kirchen aber weder solche Überraschungseffekte, wie sie ein Fußballspiel zwischen Sieg und Niederlage verspricht, noch ist der Ausgang offen. Wenn Sie einen Gottesdienst besuchen, ist vom Orgelspiel bis zum Nachspiel alles so vorbereitet und gesteuert, dass nichts Überraschendes passiert. Die Menschen dürfen zwar Lieder mitsingen und bei Gebeten mitsprechen, sonst aber lassen sie die Feier schweigend über sich ergehen. Bei einem Fußballspiel können die Zuschauer spontan reagieren. Die Fans sind mit Leib und Seele dabei - es wäre toll, wenn auch die Kirchen das bei ihren Anhängern erreichen könnten. Dazu hat der Fußball eine große Integrationsfähigkeit: In Deutschland gibt es kaum noch einen Verein, der ohne Spieler mit Migrationshintergrund auskommt. In der typischen Kirchengemeinde ist deren Anteil jedoch verschwindend gering. Da hat die Kirche einen unglaublichen Nachholbedarf.

Es gibt Friedhöfe nur für Vereinsmitglieder, Fußball-Gottesdienste und Panini-Heftchen, die Sammlern fast so heilig sind wie Gläubigen die Bibel. Inwiefern hat Fußball etwas Religiöses?

Eckert: Fußball bedient sich ganz stark an religiösen Symbolen. Ich erkenne darin eine Sehnsucht der Menschen nach Religion. Der Gang in das Stadion, den "Fußballtempel", erinnert zum Beispiel an das religiöse Pilgern. Dort gibt es den heiligen Rasen, den nur die Spieler in "liturgischer Kleidung", nämlich ihren Vereinstrikots, betreten dürfen. Dabei haben die Fußballstars Kinder an der Hand, was an Messdiener erinnert, die mit dem Pfarrer in den katholischen Gottesdienst einziehen. Und wenn Menschen im Stadion etwas Wunderbares erleben, tauchen auch in der Sprache religiöse Überhöhungen wie die Rede vom "Fußballgott" auf. Als Kirche sollten wir diese Vergleiche weniger kritisieren, sondern viel mehr daran anknüpfen: Indem wir Menschen, die den Kontakt zur Kirche verloren haben, dort abholen, wo es Anknüpfungspunkte gibt - in den religiösen Erfahrungen beim Fußball.

"Im Fußball wie im Leben haben wir eine begrenzte Zeit zur Verfügung"

Sie haben eine "Kirche in der Arena", einen Andachtsraum in der Haupttribüne der Commerzbank-Arena. Warum braucht es Pfarrer in Bundesliga-Stadien?

Eckert: In einem Fußballstadion treffen alle Milieus unserer Gesellschaft aufeinander. Wir haben als Kirche an diesem säkularen Ort eine unglaubliche Chance, neu anzuknüpfen an verloren gegangene Kontakte. Das sollten wir viel mehr nutzen. Ich komme zum Beispiel mit Menschen aus der Ultra- und Hooligan-Szene ins Gespräch, wenn ich sie traue oder ihre Kinder taufe. Gemeinsam mit Fans kann ich ökumenische Gottesdienste beim Public Viewing im Stadion gestalten. Und es gibt viele thematische Schnittstellen: Im Fußball wie im Leben haben wir eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Es geht darum, was wir daraus machen. Wie gehen wir mit Höhen und Tiefen um, wie mit dem Foulspiel? Wann stehe ich im Abseits und wie komme ich da wieder raus? Mit welchem Einsatz spielen wir und wo sind die Grenzen?

aus dem chrismonshop

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