Gedenkstättendirektor bemängelt Bildungsdefizite

Schüler besichtigen das Konzentrationslager Auschwitz in Polen.

Foto: epd-bild / Paul Schulz

Schüler des Geschichtsleistungskurses Oberstufe der Friedrich-von-Bodelschwinghschulen in Bielefeld bei einem Besuch des früheren Konzentrationslagers Auschwitz in Polen.

Der scheidende Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, sieht Defizite in den Schulen bei der Vermittlung der Zeit des Nationalsozialismus. Das Allgemeinwissen vor allem bei Jugendlichen habe stark abgenommen, sagte Morsch dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". So würden bei Führungen Basisfragen gestellt wie etwa "Was ist die NS-Diktatur" oder worin unterscheide sich die SA von der SS.

Morsch, der seit 25 Jahren die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen leitet und Dozent an der Freien Universität Berlin ist, forderte: "Die Zeitgeschichte muss wieder mehr Raum bekommen im Unterricht." Dabei sollte man sich aber nicht nur auf die Vernichtung des europäischen Judentums konzentrieren. "Natürlich ist der Holocaust ein singuläres Verbrechen." Die Vernichtungspolitik habe aber "unendliche Kreise" gezogen: Juden, Kranke, Missliebige, Homosexuelle und sogenannte slawische Untermenschen seien davon betroffen gewesen. "In Sachsenhausen hatten zeitweise sogenannte Asoziale die höchste Todesrate", unterstrich der Historiker, der Ende Mai in den Ruhestand geht. 

Morsch zeigte sich auch besorgt über die politische Entwicklung in Deutschland und Europa. Er sei froh, dass die meisten ehemaligen KZ-Häftlinge nicht mehr erleben, was im Moment in Europa und auch im Bundestag los sei, sagte der Gedenkstättendirektor mit Blick auf den Rechtspopulismus. Die ehemaligen KZ-Häftlinge hätten wirklich geglaubt, dass die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten ein Zivilisationsbruch war, der die Menschheit zur Umkehr bewegen würde.



Heute gebe es Kräfte, "die beleben genau das neu, was wir glaubten, überwunden zu haben: Ausgrenzung, Nationalismus, Verachtung der Demokratie". Eine Ursache dafür sei die globalisierte, neoliberale Wirtschaft, sagte Morsch. Sie setze ähnlich wie die industriellen Umwälzungen im 19. Jahrhundert Prozesse frei, "in denen alte Identitäten verschwinden und die große Frage aufgeworfen wird: Was hält die Gesellschaft zusammen".