Drei Dinge, über die wir nach Münster reden sollten

Kommentar

Illustration: evangelisch.de/Simone Sass

Deutschland spricht 2019
Drei Dinge, über die wir nach Münster reden sollten
Wie nennen wir einen Gewalttäter? Was läuft bei uns gerade falsch? Und wie gut war es wirklich, einen Gottesdienst zu haben? Drei Gedanken aus der evangelisch-de-Redaktion zur tödlichen Amokfahrt in Münster.

Wie nennen wir einen Gewalttäter?

"Der Täter war ein Deutscher" lief schon kurz nach dem Mehrfachmord in Münster durch verschiedene Schlagzeilen und Tweets. Das stieß auch direkt auf Widerspruch. Denn natürlich war damit im ersten Moment gemeint: Es war kein Muslim! Eine gute Nachricht? Nein, vor allem erstmal eine falsche.

"Deutsch" ist nicht das Gegenteil von "muslimisch", genauso wie "deutsch" nicht das Gegenteil von "christlich" ist. Korrekt ist, wie die "Welt am Sonntag" nach den ersten Ermittlungsergebnissen dann titelte, dass es kein islamistischer Anschlag war. Aber selbst das stellt die Gewalttat in einen religiösen Kontext, mit dem sie nichts zu tun hatte.

Für Menschen in Medien ist der Mehrfachmord von Münster ein Anlass, darüber nachzudenken, in welchem Bezugsrahmen solche Taten präsentiert werden. Worte wie "Anschlag" und "Terrorismus" werden erst dann richtig, wenn die Intention hinter einer Tat zu diesen Worten passt. Gerade in den ersten 36 Stunden danach, in denen die Motivation einer Tat meist noch schwammig ist und die Ermittlungen der Behörden noch nichts konkretes ergeben haben, empfiehlt sich, einfach zu beschreiben, was passiert ist. Eine Schlagzeile wie "Zwei Menschen in Münster ermordet, 25 verletzt" ist auch akkurat und regt nicht weniger zum Lesen an als Varianten mit einer religiösen Zuschreibung.

Wer selbst zu Unglückszeiten posten möchte, dem seien als gutes Hilfsmittel die Regeln #gegendiepanik ans Herz gelegt.

Es ist aber bitter, dass in einem Staat mit so großer Religionsfreiheit wie Deutschland der gefühlte Gegensatz zwischen Staatsangehörigkeit und Religion vielen Menschen so leicht von der Zunge geht. Wir hatten in Deutschland schon mal eine Zeit, in der eine Religionsgemeinschaft nicht zum Volk gehören sollte, obwohl sie deutsche Pässe hatten. Für die Nationalsozialisten gehörten Juden zwischen 1933 und 1945 auch nicht zum deutschen Volk. Für die politische Rechte heutzutage gehört der Islam auch nicht zu Deutschland. Darüber müssen wir (weiter) reden, das haben die ersten Reflexe auf die Morde von Münster auch gezeigt.

"Deutsch" ist übrigens auch kein Gegensatz zu "Terrorist", siehe NSU. Wie wir die Person nennen, die eine Gewalttat begeht, hängt immer von ihrer Motivation ab. Bis wir die tatsächlich kennen, ist sie genau das: ein Gewalttäter.

Hanno Terbuyken, Portalleiter von evangelisch.de

Was läuft falsch bei uns?

Weil der Mensch in dem Kleinbus in Münster kein Muslim war, weil er aus Deutschland stammt und weil er von seiner Verzweiflung geschrieben hat, könnte unsere Gesellschaft sich endlich wieder den Fragen zuwenden, die uns weiterhelfen, wenn wir Gewalt erfahren. Der Ton der öffentlichen Diskussion ist nicht so hysterisch wie nach terroristischen Anschlägen. Wir können uns denen zuwenden, die jetzt Trost brauchen, ohne dass wir ihnen zuerst einschärfen, wer an ihrem Unglück Schuld trägt.

Wir können uns ernsthaft fragen, was wir tun könnten, um Gewaltausbrüche zu verhindern, ohne zuerst neue Poller an öffentlichen Plätzen auszustellen. Weil wir den Täter von Münster als "einen von uns" anerkennen, haben wir wieder die Chance, danach zu fragen, was bei uns falsch ist.

Wir können nach echten Hilfen für kranke Seelen und Geister fragen, anstatt auf andere zu zeigen. Niemand wird als Gewalttäter oder Terrorist geboren. Ich wünsche mir, dass wir diese Haltung bewahren können, dass es immer "einer von uns" ist, wenn Gewalt ausbricht. Denn dann können wir uns überlegen, was wir selbst tun können, um Gewalt zu verhindern.

Frank Muchlinsky, Pastor bei evangelisch.de

Wie gut war es, einen Gottesdienst zu haben?

Nach einem schrecklichen Ereignis rücken die Menschen zusammen. Schon bald nach der Gewalttat konnten mancherorts in Münster keine Blutspenden mehr angenommen werden - die Kapazitäten waren schlicht erschöpft, so groß war die Hilfsbereitschaft. Am Sonntagabend dann kamen rund 1500 Menschen in Münster zusammen. Und zwar zu einem Gedenkgottesdienst in den Paulusdom. In einem Radiobeitrag darüber heißt es: "Nach dem Gottesdienst verließen die Menschen den Dom, still, nachdenklich - und auch ein wenig erleichtert, dass sie in dieser schwierigen Situation nicht alleine sind." Warum, das sagt eine Besucherin wenig später im O-Ton: "So kann man das schon wesentlich besser verarbeiten."

Es geht um Trost in der Gemeinschaft, um gemeinsames Trauern - und sogar um Dankbarkeit. So sagt eine Teilnehmerin ins Mikrofon: "Ich war drei Meter von dem Auto entfernt. Ich bin davongekommen und hab' mich einfach jetzt in der Kirche bedankt und das ist in einer Gemeinschaft schon eine gute Sache."

Es geht um Gemeinschaft, es geht darum, mit dem Erlebten nicht alleine zu sein. Auch wenn sich oft keine passenden Worte für das Schreckliche finden lassen, wenn es unaussprechlich bleibt: Die Gewissheit, dem Unglück gegenüber nicht auf sich gestellt zu sein, gibt Halt. Und das passiert nunmal zuallererst in Gottesdiensten, die auf das Geschehene reagieren und eingehen, nicht auf Demonstrationen, Versammlungen oder Gedenkveranstaltungen - das kommt meist später.

Denn das ist schließlich ein Kerngedanke christlicher Botschaft: Dass Gott bei den Schwachen und Leidenden ist, dass er mitten unter denen ist, die Trost brauchen. Das zu vermitteln, ist sozusagen eine christliche Kernkompetenz. Und es ist gut, dass das den christlichen Kirchen offenbar (noch immer) zugetraut wird - und dass das zudem auch öffentlich so wahrgenommen wird. Das ist ein Segen und eine große Verantwortung zugleich!

Claudius Grigat, Redakteur bei evangelisch.de

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