"Ich wollte immer noch ein Tor machen"

WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose über die Frage, wie stark ein Fußballer sein muss
Miroslav Klose

Foto: dpa/Bernd Thissen

Miroslav Klose, früherer Nationalspieler.

Im Sport existiert der Leistungswille in Reinform. Kaum ein Fußballer hat ihn so verkörpert wie der WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose. Bis zu welchem Punkt sind Leistung und Erfolg wünschenswert und wann sind sie kritisch zu betrachten?

Miroslav Klose (39) ist mit 71 Toren erfolgreichster Torjäger der deutschen Nationalmannschaft. Er bestritt 137 Länderspiele und arbeitet jetzt im Trainerteam des DFB, wo er seine Erfahrungen an die nächste Generation weitergibt. Am 22. Februar hält er in der Regensburger Kirche St. Emmeram eine Fastenpredigt zum Thema "Ohne Fleiß kein Preis".

Herr Klose, es gab bei Ihnen viele dieser Momente: Das Spiel musste gedreht werden und Sie haben nicht eher lockergelassen, bis das Ding reingemacht war. Was ging da in Ihnen vor?

Miroslav Klose: Das ist sportlicher Ehrgeiz, dass man immer an das Gute glaubt, sprich: an die nächste Chance. Ich habe immer an diesen einen Ball geglaubt. Und wenn ich schon ein Tor gemacht hatte, dann wollte ich schon immer das zweite. Das ist das Feuer, das in meiner ganzen Karriere in mir gelodert hat. So habe ich mich immer selbst motiviert und Kraft daraus gezogen. Aber das ist nichts Besonderes, das müsste eigentlich jeder Fußballer haben.

Ich weiß also, was harte Arbeit ist

Woher kommt dieser Ehrgeiz?

Klose: Ich habe Zimmermann gelernt und noch kurz als Geselle gearbeitet. Ich weiß also, was harte Arbeit ist. Heutzutage ist der Nachwuchs in Leistungszentren, wo es meistens nur Schule und Training gibt. Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, Fußball zu spielen, war das noch eine andere Zeit: Ich wollte immer Fußballer werden, aber von meinen Eltern gab es die Vorgabe, erst einmal einen 'richtigen Beruf' erlernen zu müssen. 

Wie hält man das aus, so stark und vor allem so diszipliniert sein zu müssen?

Klose: Ich habe Fußball immer geliebt. Egal wer mich gefragt hat: Ich sagte, ich werde Profi-Fußballer. Und wurde oft ausgelacht. Aber wenn man eine Vision hat, dann ist es leichter, dafür zu leben und zu Dingen wie Alkohol und Rauchen Nein zu sagen. So ging es Stück für Stück nach oben, bis ich gemerkt habe, ich kann es wirklich schaffen. Dann war ich noch besessener, hatte Blut geleckt und wollte das Optimum erreichen.

Wie viel Stress, Druck und Schmerz muss man als Fußballer aushalten?

Klose: Es kommen Verletzungen auf einen zu, Stress durch verlorene Spiele. Oder man erlebt Trainingseinheiten, die man nicht so gestalten konnte, wie man es sich vorgestellt hat, weil man sich körperlich nicht gut gefühlt hat oder der Gegner zu stark war. Oder wenn die Presse keine positiven Sachen über einen schreibt. Viele Faktoren spielen im Fußball eine Rolle. Jeder geht anders damit um. Aber letztendlich hat man im Fußball die Möglichkeit, es alle drei Tage besser zu machen, und das letzte Spiel, das nicht so gut war, damit vergessen zu machen.

Die Jungs müssen Spaß haben bei dem, was sie tun, nur dann werden sie sich positiv entwickeln

Gab es irgendwann in Ihrer Karriere einen Punkt, wo Sie gesagt haben: Stopp, ich kann nicht mehr?

Klose: Nee, nie! Ich habe alle Rückschläge und Verletzungen weggesteckt. Ich war überzeugt, der Körper hat diese Auszeit gebraucht. Ich wusste immer, ich komme stärker zurück. Der Wille, die Mentalität spielen eine wichtige Rolle in diesem Geschäft.

Wenn nur noch ein Foul die Rettung war: Wieweit sind Sie gegangen?

Klose: Meine Aktionen gingen immer gegen den Ball. Ich war nie einer, der den Gegner absichtlich umgrätschen wollte. Das gehört sich nicht. Natürlich kann man mal die Notbremse ziehen, jemanden festhalten. Dafür bekommt man auch Gelb oder Rot, aber der Gegner wird an der Torchance gehindert. Ich kann von mir sagen, dass ich nie jemandem absichtlich wehtun wollte.

Was sagen Sie Ihren beiden Söhnen, wenn sie einmal nicht perfekt sind oder einen Misserfolg haben?

Klose: Wir reden viel miteinander. Ich habe jetzt mehr Zeit, ihre Trainingseinheiten zu sehen und kann ihnen etwas mit auf den Weg geben. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, ich tue mich da wirklich schwer. Ich war immer so ein Perfektionist. Wenn die Jungs, was in dem Alter normal ist, nicht so richtig konzentriert sind, ist es nicht immer einfach. Dann frage ich mich schon, warum das so ist. Ich muss lernen, viel geduldiger zu sein. Ich will zu viel und zu schnell. Aber die Kinder wissen, wie ich so bin. Wenn ich mal nichts sage, dann ist das schon Lob genug. Die Jungs müssen Spaß haben bei dem, was sie tun, nur dann werden sie sich positiv entwickeln. Sie müssen definitiv keine Fußballprofis werden.