Kirchenkonflikt in der Ukraine: Experte sieht "Schlüssel in Moskau"

Kirchenkonflikt in der Ukraine: Experte sieht "Schlüssel in Moskau"
Der Konflikt zwischen den drei großen orthodoxen Kirchen in der Ukraine um die kirchliche Oberhoheit kann dem Münsteraner Experten Thomas Bremer zufolge nur von Moskau aus gelöst werden. "So hart das für die Ukraine klingt: Der Schlüssel liegt in Moskau", sagte der katholische Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Rand einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum.

Der Streit zwischen den beiden größeren ukrainisch-orthodoxen Kirchen, der des Moskauer Patriarchats und des Kiewer Patriarchats, drehe sich um die Frage, wer die legitime Kirche des Landes sei, sagte Bremer, der in Münster eine Professur für Ökumenik, Ostkirchenkunde und Friedensforschung innehat. Nur wenn das Moskauer Patriarchat seinen Anhängern und Gemeinden in der Ukraine mehr Autonomie gewähre, werde der Kirchenstreit des Landes gelöst, sagte Bremer. Nur dann werde die internationale Orthodoxie eine orthodoxe Kirche in der Ukraine - unter Einbeziehung des Kiewer Patriarchats - offiziell anerkennen.

In der aktuellen Kriegslage sei jedoch keine Lösung dieses Streits zu erwarten. Mit dem politisch-militärischen Konflikt seit 2014 sei auch der Kirchenstreit verschärft worden, betonte Bremer. Das Kiewer Patriarchat habe sich eindeutig auf die Seite der ukrainischen Regierung gestellt: "Es bezeichnet Moskau als Aggressor und versucht damit, die Kirche des Moskauer Patriarchats zu diskreditieren."

Das Kirchenoberhaupt in Moskau sei hingegen in einer "Zwickmühle", sagte Bremer. Viele Bischöfe, Priester und Gläubige fühlten sich als Ukrainer und stimmten mit der Regierung in Kiew überein. Die Moskauer müssten auf politische Äußerungen zum Krieg verzichten, denn sonst verlören sie viele Anhänger. Der Moskauer Patriarch habe noch nie gesagt: "Die Krim ist russisch!" oder "Die Krim ist ukrainisch!", unterstrich der Kirchenexperte.

Mehr zu orthodox, Ukraine
Reaktorunglück Tschernobyl in der Ukraine
Das Reaktorunglück von Tschernobyl war auch für viele Deutsche eine Zäsur. Viele Initiativen sind mit den Jahren eingegangen. Doch manche engagieren sich bis heute für Menschen aus dem besonders betroffenen Belarus und gegen Atomkraft.
Typisches orthodoxes Ostermenü aus Ostereiern und dem Osterbrot Kulitsch
In der Ökumene gibt es einen neuen Vorstoß für ein gemeinsames Osterdatum der östlichen und westlichen Christenheit. Das 1.700-Jahr-Jubiläum des Konzils von Nizäa 2025 sei ein guter Anlass für die Kalenderreform, heißt es in einem Beitrag des orthodoxen Erzbischofs.

Das Moskauer Patriarchat konzentriere sich auf Friedensbotschaften und betone, dass es die einzige Kirche sei, die Mitglieder auf beiden Seiten der Front habe. Die Positionierung in dem militärischen Konflikt unterscheide sich von Gemeinde zu Gemeinde. Manche sammelten Kleidung und Medikamente für die ukrainische Armee, andere würben für die Zugehörigkeit umstrittener Gebiete zu Russland.

Für die Menschen sei der Kirchenkonflikt im Alltag oft weniger wichtig, sagte Bremer. Vielen sei ihre eigene Zugehörigkeit gar nicht bekannt. Sie sei nicht so streng geregelt wie in Deutschland. "Man geht in die Kirche, in die man schon immer gegangen ist oder in der man den Gottesdienst besonders schön findet."

Das Moskauer Patriarchat ist von den Gemeindezahlen her die größte Kirche in der Ukraine. Das Kiewer Patriarchat machte sich mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 von Moskau selbstständig, unterstrich Bremer. Ukrainische Politiker seien immer wieder zum Patriarchen in Konstantinopel, dem Oberhaupt der orthodoxen Christenheit, gefahren und hätten dort um die offizielle Anerkennung des Kiewer Patriarchats geworben - bislang erfolglos. Neben diesen orthodoxen Kirchen gebe es in der Ukraine noch die kleinere Autokephale Orthodoxe Kirche. Alle drei erkennen sich gegenseitig nicht an.