Fall Wendt: Evangelischer Fakultätentag für offene Diskussionskultur

Angesichts der Debatte über Grenzen der Meinungsfreiheit an Universitäten hat der Vorsitzende des Evangelisch-theologischen Fakultätentags, Bernd Schröder, dazu aufgerufen, die Regeln eines offenen akademischen Diskurses aufs Neue bewusstzumachen. Diskussionsteilnehmer sollten nicht nur aus dem Hochschulbereich kommen, sondern aus allen Lebensbereichen, ohne dass sie sich zuvor einer Prüfung auf "Rationalität" unterziehen müssten, sagte Schröder dem Evangelischer Pressedienst (epd) in Frankfurt.

Der Göttinger Theologieprofessor bezog sich damit auf den Fall des Polizeigewerkschafters Rainer Wendt, der im Oktober nicht bei einer Veranstaltung der Uni Frankfurt reden durfte. Nach Ansicht des Frankfurter Humangeographen Bernd Belina, der die Absage an Wendt vor kurzem verteidigte, sollte im Hochschulraum nur auftreten dürfen, wer im akademischen Diskurs eine Prüfung auf "Rationalität" bestanden habe. 

Auf den ersten Blick erscheine diese Forderung berechtigt, sagte Schröder, der auch der Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Bildung und Erziehung angehört: "Auf den zweiten Blick dürfte sich eine solche Prüfung als unmöglich erweisen." Denn "an welchen Kriterien wäre sie denn zu messen? An einer formalen Qualifikation oder gar einem akademischen Grad allein jedenfalls nicht", so der Theologe. Es sei vielmehr wichtig und wünschenswert, dass Positionen diskutiert würden, etwa aus Politik und Kunst, die ihrerseits nicht aus einem rationalen, wissenschaftlichen Raum stammten.

Wendt war vom Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam eingeladen worden, über "Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft" sprechen. Er wurde wieder ausgeladen, nachdem 60 Wissenschaftler in einem Offenen Brief die Absetzung der Veranstaltung gefordert hatten - mit der Begründung, Wendt habe sich "wiederholt fernab eines aufgeklärten Diskurses" positioniert und schüre Ressentiment gegen Migranten.

Der Vorsitzende des evangelischen Fakultätentags forderte, innerhalb der Uni seien Regeln wie Respekt, Transparenz von Methode und Position sowie das Ringen um das gute Argument immer neu zu reflektieren. Wenn Kritik an wissenschaftlichen Positionen etwa aus Sozialen Medien heraus "anonym, verunglimpfend oder tendenziell nötigend" geäußert werde, sei dies scharf zu kritisieren, sagte er mit Blick auf einen anonymen studentischen Blog an der Berliner Humboldt-Universität. Gegen Diffamierungen sei juristisch vorzugehen.

In dem Blog hatten sich Studenten 2015 abfällig und mit schweren Vorwürfen über den renommierten Politologen Herfried Münkler geäußert. Dabei waren Münkler anonym unter anderem "Chauvinismus" und das Verwenden "rassistischer Stereotype" vorgeworfen worden.