Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten

Eine Schulklasse besichtigt das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Ein Besuch von KZ-Gedenkstätten regt zum Nachdenken an, aber muss es ein Pflichtbesuch sein? Eine Schulklasse besichtigt das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten
Vor dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist die Debatte um verpflichtende Besuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten wieder aufgelebt.

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) verlangte angesichts antisemitischer Übergriffe, dass jeder, der in Deutschland lebe, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besuchen müsse. Zustimmung findet der Vorschlag unter anderem beim Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und der islamischen Religionspädagogin Lamya Kaddor. Historiker wie der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, und der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, lehnen Pflichtbesuche dagegen ab. Im Pro und Kontra des Evangelischen Pressedienstes legen Kaddor und Wagner ihre Argumente dar.

PRO

Die islamische Religionspädagogin und Publizistin Lamya Kaddor spricht sich für verpflichtende Besuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten aus. Gerade unter Jugendlichen mit türkischem oder arabischem Hintergrund sei der Antisemitismus virulent, sagte sie. Das Wissen von Jugendlichen über die deutsche Geschichte, die Judenverfolgung und vor allem das heutige jüdische Leben sei aber auch ganz allgemein sehr beklagenswert. "Deshalb muss jeder Neuzuwanderer und jeder alteingesessene Deutsche sich jetzt und in Zukunft damit auseinandersetzen."

Sie habe erst kürzlich mit Teilnehmern eines Integrationskurses ein ehemaliges Gestapo-Gefängnis besucht, berichtete Kaddor. "Die Schüler waren tief beeindruckt. Es ist etwas anderes, das gesehen zu haben, als nur davon zu lesen. Die waren mucksmäuschenstill." Richtig aufbereitet könnten solche Besuche zugleich die Demokratiefähigkeit stärken. Wichtig sei es, zu begreifen, wie es zur Ausgrenzung, der systematischen Verfolgung und schließlich der Ermordung von Menschen kommen könne. Die Mechanismen der Ausgrenzung seien bis heute gefährlich. Das gelte auch mit Blick auf andere Feindbildkonstruktionen wie Rassismus, Islamfeindlichkeit, Antiziganismus oder Homophobie.

Allerdings müsse der Besuch einer Gedenkstätte pädagogisch gut vor- und nachbereitet werden, betonte die Tochter syrischer Einwanderer. "Dafür genügt die historische Abhandlung des Holocaust nicht. Es muss um alle Formen des Antisemitismus gehen - auch um den importierten muslimischen Antisemitismus, damit man die Schüler allesamt erreicht."

Lehrer scheuen nach ihrer Beobachtung aber vor diesem Thema zurück, besonders da es dann auch um heikle Themen wie den Nahost-Konflikt gehen müsse, sagte die frühere Leiterin und Mitbegründerin des Liberal-Islamischen Bunds, die derzeit ein Forschungsprojekt an der Uni Duisburg-Essen leitet. Sie hätten Angst, angefeindet zu werden, wenn sie Haltung zeigten.

KONTRA

Der Historiker Jens-Christian Wagner hält es für falsch, den Besuch von Gedenkstätten an die NS-Opfer zur Pflicht zu machen. Verordnete Besuche etwa von ehemaligen Konzentrationslagern führten nicht automatisch zu einem besseren Verständnis der NS-Geschichte und schützten auch nicht vor Judenfeindlichkeit, erläuterte der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten mit Sitz in Celle.

"Jemand mit gefestigtem antisemitischen oder rassistischen Gedankengut kommt nicht nach zwei Stunden Bergen-Belsen als geläuterter Demokrat heraus", sagte Wagner, der auch die niedersächsische KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen leitet. Er halte auch nichts davon, solche Besuche für Flüchtlinge in Integrationskursen zur Pflicht zu machen. Freiwilligkeit sei eine Grundvoraussetzung für politische Bildung.

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"Das heißt natürlich nicht, dass Gedenkstättenbesuche sinnlos sind." Es sei aber mehr nötig als eine verpflichtende Kurzführung. Die Besuche müssten vor- und nachbereitet und inhaltlich auf die Zielgruppe abgestimmt werden, sagte Wagner. Die Gedenkstätten setzten deshalb zunehmend auf längere und intensivere Formate: "Wir wollen ein kritisches Bewusstsein fördern." Dabei müsse aufgezeigt werden, wie eine radikal rassistische Gesellschaft wie die des Nationalsozialismus funktioniere.

Ein aktuelles Beispiel für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit seien manche Argumente in der Diskussion um die angebliche Kriminalität von Flüchtlingen, erläuterte Wagner. "Dazu gehört es, wenn Zuwanderern per Generalverdacht zugesprochen wird, sie seien Vergewaltiger und Diebe." Wenn solche Zusammenhänge aufgezeigt würden, sei dies für Deutsche und Zuwanderer gleichermaßen nachvollziehbar.

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