"Auf Wiedersehen im Himmel!"

Sinti und Roma-Häftling

Foto: epd-bild/akg-images

Erkennungsdienstliches Foto eines weiblichen Sinti und Roma-Häftlings aus dem KZ-Auschwitz auf einem Foto um 1943. Rund 23.000 Sinti und Roma starben während des NS-Gewaltherrschaft in Gaskammern, verhungerten oder starben an Seuchen.

"Auf Wiedersehen im Himmel!"
Vor 75 Jahren besiegelte der "Auschwitz-Erlass" den Mord an den Sinti und Roma
Seit 1994 wird am 16. Dezember der verfolgten und ermordeten Sinti und Roma gedacht. Heinrich Himmlers "Auschwitz-Erlass" leitete vor 75 Jahren den Genozid im Vernichtungslager ein.

Sie kamen in Gaskammern ums Leben, verhungerten oder starben an Seuchen. Während der NS-Gewaltherrschaft wurden in Europa bis zu 500.000 Roma und Sinti ermordet. Am 16. Dezember 1942, vor 75 Jahren, besiegelte das NS-Regime den Völkermord formell: Im nicht erhalten gebliebenen "Auschwitz-Erlass" ordnete SS-Führer Heinrich Himmler die Deportation aller noch im Reich lebenden Sinti und Roma an. Am 15. Dezember erinnerte der Bundesrat in einer Gedenkstunde an die Opfer.

Der Befehl stellte eine Zäsur in der Verfolgung dar, betont Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas: "Die Einweisung in das eigens eingerichtete 'Zigeunerfamilienlager' in Auschwitz-Birkenau bildete den Auftakt für ihre systematische Ermordung ab 1943."

Himmlers Rundschreiben war der grausame Tiefpunkt einer über Jahre andauernden Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung. Schon Ende der 30er Jahre waren Sinti und Roma in Lagern interniert, ab 1940 in Konzentrationslager und Zwangsarbeiterlager deportiert worden. Zehntausende Roma wurden in den besetzten Gebieten in Polen, der Sowjetunion und in Südosteuropa systematisch ermordet. In Rumänien waren bis Herbst 1942 rund 25.000 Menschen getötet worden.

Vernichtung aller Sinti und Roma ohne jede Ausnahme

Bereits die Nürnberger Rassegesetze von 1935 stuften die Sinti und Roma zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten herab. Im November 1936 entstand im Reichsgesundheitsamt in Berlin ein sogenanntes "Rassenhygieneinstitut" unter der Leitung des Tübinger Kinder- und Nervenarztes Robert Ritter.

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Holocaust-Gedenkstätten gestern und heute
Holocaust-Gedenkstätten gestern und heute

Diese Behörde leistete die Vorarbeit zur Massentötung der Sinti und Roma. Die Mitarbeiter erstellten rund 24.000 "Rassengutachten" - Dossiers, die fast immer einem Todesurteil gleichkamen, denn auf ihrer Grundlage erfolgte die Deportation in die Konzentrationslager. Für Ritter waren weit mehr als 90 Prozent aller als "Zigeuner" geltenden Menschen im NS-Jargon "Mischlinge", die ihre Partner unter Menschen "minderwertiger Herkunft" gefunden hätten, wie der Historiker Frank Sparing schreibt.

Adolf Hitler wollte ausdrücklich die Vernichtung aller Sinti und Roma ohne jede Ausnahme. Von den 35.000 bis 40.000 erfassten deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden etwa 23.000 ermordet. Die Zahl der getöteten Jenischen, die der NS-Staat als "Zigeuner" ebenfalls verfolgte, ist nicht bekannt.

"Es war die Hölle auf Erden"

Nach Himmlers Auschwitz-Erlass wurden die Deportierten in das "Zigeunerfamilienlager" des Vernichtungslagers gebracht, ein Bereich, der Ende 1942 neu errichtet worden war. Jede der 32 Baracken war völlig überbelegt, so dass sich jeweils zehn Menschen eine Pritsche teilen mussten, Epidemien breiteten sich aus. Innerhalb weniger Monate starben mehr als 10.000 Menschen.

Blick durch Stacheldraht auf das Torhaus des früheren Vernichtungslagers "Auschwitz-Birkenau" in Polen.

Über die Zustände im Krankenbau berichtete der überlebende Häftlingsschreiber Hermann Langbein: "Der Boden in der Baracke war gestampfte Erde, es gab keinerlei hygienische Einrichtungen. Da liegen auf einem Strohsack sechs Babys, sie können erst ein paar Tage alt sein. Wie schauen sie aus. Dürre Glieder und einen aufgetriebenen Bauch. Auf den Pritschen nebenan liegen Mütter, ausgezehrt, brennende Augen. Eine Frau singt leise vor sich hin. 'Die hat's am besten, sie hat den Verstand verloren', sagt mein Begleiter."

"Wir drückten uns alle zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen. Der große Hunger machte uns halb wahnsinnig", erinnerte sich die Zeitzeugin Barbara Adler: "Eltern, die Babys hatten, hatten keine Nahrung für sie, und diese waren schon mehr dem Tode als dem Leben geweiht. Das Schreien der Kinder schallte durch den Block, es war die Hölle auf Erden; keiner konnte helfen, keiner griff ein: Alles, was hier geschah, war unfassbar."

Vermutlich im April 1944 traf Himmler nach Rücksprache mit dem Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, die Entscheidung, die arbeitsfähigen Häftlinge im Lager auszusondern und die übrigen vergasen zu lassen. Doch als die SS-Wachsoldaten die Menschen am 16. Mai 1944 aus den Baracken treiben wollten, stießen sie auf unerwarteten Widerstand. Die Häftlinge hatten sich mit Steinen, Knüppeln und Werkzeugen bewaffnet und verbarrikadierten sich in den Baracken. Vorerst konnten sie ihre drohende Ermordung abwenden.

Die SS reagierte umgehend und schickte zunächst alle arbeitsfähigen Häftlinge in andere Lager. Die zurückgebliebenen 2.900 Frauen, Kinder und meist älteren Männer wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern ermordet.

Von Hoffnung und Todesangst, von Verzweiflung und unerschütterlichem Glauben berichten viele Briefe von Häftlingen. Ein besonders ergreifendes Dokument ist der kurze Abschiedsbrief von Robert Reinhardt, der im Alter von 14 Jahren aus Pirmasens nach Auschwitz verschleppt und ermordet wurde. In seinen letzten Zeilen schrieb der Junge: "Ich habe meine Eltern und Geschwister wieder gefunden. Wir sind auf dem Transport in das Konzentrationslager. Ich weiß, was uns bevorsteht, meine Eltern wissen es nicht. Ich habe mich nun innerlich so weit durchgerungen, dass ich auch den Tod ertragen werde. (...) Auf Wiedersehen im Himmel! Euer Robert."

Karola Frings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit, Verlag C.H. Beck, 2017. 8,95 Euro