Karsai fordert Neuausrichtung der Afghanistan-Politik

Karsai fordert Neuausrichtung der Afghanistan-Politik
Der frühere afghanische Präsident Hamid Karsai fordert von der US-Regierung unter Donald Trump eine Neuausrichtung der amerikanischen Afghanistan-Politik.

Eine Friedenslösung sei nur dann möglich, wenn die Nachbarstaaten China, Pakistan und der Iran unter Einbeziehung von Russland als auch Indien in die Gespräche einbezogen würden, sagte Karsai am Freitagabend im westfälischen Schwerte. Dazu müsse die US-Administration allerdings zunächst zur Einsicht gelangen, dass die USA den Konflikt militärisch nicht gewinnen könnten.

Ziel der Verhandlungen mit den Anrainerstaaten müsse ein neuer gemeinsamer Vertrag sein, über dessen Festlegung und Sicherheitsgarantien auch das afghanische Volk mit abstimmen müsse, erklärte Karsai auf der 31. Afghanistan-Tagung in der Evangelischen Akademie Villigst. Alternativ sei die Einberufung der "Loja Dschirga" denkbar, der großen Ratsversammlung aller ethnischen Gruppen Afghanistans, die über die Annahme des neuen Vertrags entscheiden könnte.

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Auch von der deutschen Afghanistan-Politik erwartet Karsai, der von 2001 bis 2014 Präsident war, mehr Engagement. Die Bundesrepublik habe zwar beim Aufbau einer Polizei und von Infrastruktureinrichtungen wertvolle Arbeit geleistet, sagte er. Aber im Gegenteil zu China habe sich Deutschland an der Erschließung der Bodenschätze bislang überhaupt nicht beteiligt. Afghanistan soll nach Erkenntnissen US-amerikanischer Geologen über erhebliche Vorräte an dem Alkalimetall Lithium, das für Batterien und moderne Kommunikationsmittel benötigt wird, sowie Eisen, Kupfer, Kobalt und Gold verfügen.

Karsai kritisierte zudem die von der Bundesregierung wieder aufgenommene Rückführung von abgelehnten afghanischen Asylsuchenden nach Kabul. Er vermisse eine größere Sensibilität beim Umgang mit dem Thema, sagte der Ex-Präsident mit Blick auf die instabile Sicherheitslage in Afghanistan.

Dass sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) mittlerweile auch in Afghanistan festgesetzt habe, ist nach Ansicht Karsais "ein direktes Ergebnis der US-Politik und der Präsenz der USA in Afghanistan". Die jetzt von Washington angekündigte Verstärkung der US-Truppen sei keine Lösung, sagte Karsai der "Berliner Zeitung" (Samstag). "Im Gegenteil. Mit der Präsenz der USA in Afghanistan erreichte die Radikalisierung ihren Höhepunkt." Zusammen mit Pakistan seien die USA "die größten Hürden für den innerafghanischen Friedensprozess". Nur eine internationale Koalition könne erfolgreich im Kampf gegen den Terror sein.