Cyber-Psychologin: Schwer, sich digitaler Lüge zu entziehen

Cyber-Psychologin: Schwer, sich digitaler Lüge zu entziehen
Die Cyber-Psychologin Catarina Katzer warnt vor einer "Spirale der emotionalen Ansteckung" in sozialen Netzwerken. Hass, Hetze und Fake News können sich im Netz viel leichter und schneller ausbreiten, sagte Katzer dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das Internet sei durch eine "Entkörperlichung" und durch eine "De-Individuation" charakterisiert. Durch das Eintauchen in die große Masse der User herrsche zudem eine gefühlte Anonymität, hinter der sich das Individuum verstecken könnte.

"Die so geschaffene Distanz zu den Opfern aber auch zu mir selbst führt dazu, dass ich mich der Verantwortung meiner Mitmenschen gegenüber entziehen kann", sagte Katzer. Das sei der Grund, weshalb sich gerade im Internet Hassmobs schnell und mit großer Reichweite verbreiten könnten. Katzer ist Sozialpsychologin und Leiterin des Instituts für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln.

Mehr zu Fake News
Pen&Paper
Nachrichtenteams müssen im fiktiven Stadtstaat Grenida inmitten einer Staatskrise erkennen, welche Informationen rund um die Ereignisse wahr und welche falsch sind.
EKD-Denkschrift, die Orientierung gibt zu digitalem Wandel
Die evangelische Kirche will ethische Orientierung für eine weitgehend digitalisierte Gesellschaft bieten. In ihrem Grundlagentext gibt sie Denkanstöße und Impulse für Themen wie Homeoffice, Online-Dating, Online-Shopping und Fake-News.

Digitale Medien änderten zudem unsere Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung. Durch die permanente Nutzung des Smartphones seien wir darauf konditioniert, die jeweilige Aktivität zu unterbrechen. Die Konzentrationsfähigkeit lasse nach. "Dadurch entwickeln sich neue Wahrnehmungsstrategien: Wir sind nur mehr aufmerksam für kurze, kleine Häppchen im Tweet-Format." Untersuchungen zeigten, dass nur zehn bis 15 Prozent der Inhalte, die Internetnutzer angezeigt bekommen, sie auch lesen, sagte Katzer, die das Buch "Cyberpsychologie" geschrieben hat.

Man könne davon ausgehen, dass auch unsere Alltagswahrnehmung immer oberflächlicher werde. Wir würden empfänglicher für Manipulation: "Wir geben uns nur mehr Bestätigungen hin." Bereits bekannte, kognitive Strukturen lenkten unsere Aufmerksamkeit. Wenn dazu starke oder emotionalisierende Bilder kämen, Gefühle wie Wut oder Trauer und wahre Aussagen kombiniert seien mit Lügen, fiele es schwer, sich der Beeinflussung der "digitalen Lüge" zu entziehen, sagte Katzer.