NSU in Deutschland: Täter, Opfer und Ermittler

Drei Menschen sitzen gemeinsam auf dem Sofa

Foto: SWR/Stephan Rabold

"Mitten in Deutschland: NSU": Der erste Teil befasst sich mit der Radikalisierung Jugendlicher in der Nachwendezeit.

NSU in Deutschland: Täter, Opfer und Ermittler
Das lohnt sich im Fernsehen vom 9. bis 14. April
Im Fernsehen laufen in der Woche vom 9. bis zum 14. April beeindruckende Dokumentationen, die es sich zu sehen lohnt.

9.4., ARD, 17.30 Uhr: "Gott und die Welt: Eine Rentnerin rettet die Welt"

Kurz nach ihrem letzten Arbeitstag beginnt für Brigitte Fischer-Brühl ein großes Abenteuer. Für ein Jahr geht die 64-Jährige für die Hilfsorganisation "Peace Brigades International" nach Guatemala. Thorsten Ernst und Jana Gebhard haben sie nach Südamerika begleitet, wo die Rentnerin Menschen in Not helfen und etwas zurückgeben will: "Mit zunehmendem Alter ist mir klar geworden, was das für ein Glück ist in Deutschland zu leben und dass es Zufall ist, wo man geboren wird und wo man aufwächst." Der Alltag in Guatemala ist geprägt von Kriminalität, Gewalt und Korruption. Die Zivilgesellschaft dabei zu unterstützen, die eigenen Rechte einzufordern – das ist Brigittes Aufgabe. Als sogenannte Friedensbegleiterin steht sie zum Beispiel Dorfbewohnern bei, die gegen die Verschmutzung ihres Trinkwassers durch eine Minengesellschaft kämpfen. Gemeinsam mit einem internationalen Team von Freiwilligen arbeitet und lebt die Rentnerin für zwölf Monate am anderen Ende der Welt – weit weg von Familie und Freunden. Ein Jahr lang beobachten Ernst und Gebhard Brigitte in ihrer neuen Umgebung. Wie wird sie mit den Schwierigkeiten des Alltags zurechtkommen? Die fremde Sprache, die jungen Kollegen, die allgegenwärtige Armut und die bedrohliche Kriminalität? Hinzu kommt die anspruchsvolle Aufgabe als Friedensbegleiterin im alltäglichen Konfliktfeld der guatemaltekischen Gesellschaft, die sich nach einem 36 Jahre währenden Bürgerkrieg immer noch im Umbruch befindet. Wird sie diesen Aufgaben gewachsen sein? Auch wenn sich Brigitte sicher ist und sagt: "Ich schaffe das!" - die Zeit in der Fremde wird sie fordern und verändern.

9.4., ZDF, 19.30 Uhr: "Terra X: Mohammeds verfeindete Erben"

Als der Prophet Mohammed stirbt, entbrennt unter seinen Anhängern ein erbitterter Kampf um die Nachfolge, dessen Auswirkungen bis heute für Konflikte sorgen. Die muslimische Welt teilt sich in Sunniten und Schiiten. Beide Gemeinschaften beanspruchen für sich, die wahren Nachfolger des Propheten Mohammed zu sein. Ein Konfliktpotenzial, das die Welt des Nahen Ostens bis heute in Atem hält. Weil der Prophet Mohammed vor seinem Tod keinen Nachfolger bestimmt, kommt es unter seinen Familienangehörigen und Freunden zum Streit um die rechtmäßige Nachfolge. Die einen sind davon überzeugt, dass nur ein Verwandter des Propheten dazu befähigt ist, dessen Nachfolge anzutreten, während die anderen den Fähigsten wählen wollen. Die Gemeinschaft der Gläubigen zerfällt in die Anhänger von Mohammeds Schwiegersohn und Neffen Ali, die "Schiat Ali", die Partei Alis - als Schiiten bekannt - und die Gruppe der Sunniten, zu der heute die Mehrzahl der Muslime gehört. Doch hinter dem religiösen Konflikt stehen auch politische Interessen. Längst ist der Kampf um Mohammeds Erbe zu einem Kampf um die Vormacht in der islamischen Welt zwischen dem sunnitisch geprägten Saudi-Arabien und dem von Schiiten beherrschten Iran geworden.
Auch die westliche Welt hat ihren Anteil an den Konflikten. Nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilen Frankreich und Großbritannien den Bereich nach ihren eigenen wirtschafts- und machtpolitischen Interessen auf. Es entsteht ein Flickenteppich aus Staaten, der keine Rücksicht auf die Verteilung von Ethnien und religiösen Strömungen in der Region nimmt. "Mohammeds Erben" spürt die entscheidenden Momente in der Geschichte des Islam nach. Sie bestimmen die Geschicke der Länder des Nahen und Mittleren Ostens bis heute.

10.4., ARD, 22.45 Uhr: "Die Story im Ersten: Marine le Pen"

Die französischen Präsidentschaftswahlen im Mai könnten ein politisches Erdbeben auslösen: Denn gewinnt Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National, wird das Folgen haben für ganz Europa. Die Frontfrau der europäischen Rechten propagiert "Frankreich zuerst", will den Franc wieder einführen und verspricht eine Abstimmung über den Austritt aus der EU schon bald nach der Wahl. Dass sie den Einzug in die entscheidende Stichwahl schaffen wird, darüber sind sich die Forscher einig. Noch sehen die Umfragen den unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron im zweiten Wahlgang als Sieger. Doch der Front National setzt auf den "Trump-Effekt", eine Überraschung auch diesseits des Atlantiks. Ein Autorenteam hat sich für "Die Story im Ersten" auf einen Roadtrip begeben: Sie finden einen Aussteiger, der berichtet, wie es beim Front National hinter den Kulissen aussieht. In Moskau treffen sie einen Putin-Vertrauten, der sich zum ersten Mal zu den Hintergründen des russischen Kredits an den Front National äußert. Und vor den Toren von Paris begegnen sie dem Gründer der Rechtspartei Jean-Marie Le Pen.

10.4., ARD, 23.30 Uhr: "Geschichte im Ersten: Schatten auf der Völkerfreundschaft"

"Schlagt die Algerier tot!" Mit diesem Ruf hetzen im August 1975 Gruppen junger Männer drei Tage lang Nordafrikaner durch Erfurt. Schon in den Monaten zuvor hatte es in der damaligen DDR-Bezirksstadt immer wieder tätliche Auseinandersetzungen zwischen Deutschen, Ungarn und Algeriern gegeben. Die sogenannten Vertragsarbeiter waren von der DDR-Führung angeworben und ins Land geholt worden, um den Arbeitskräftemangel zu beseitigen. Die ersten kamen Mitte der 1960er Jahre. Ihr Aufenthalt war fast immer zeitlich befristet. Sie lebten getrennt von den Einheimischen in Wohnheimen, durften keine Familienangehörigen mitbringen und mussten nach Ablauf der Vertragszeit das Land wieder verlassen. Private Beziehungen zwischen Vertragsarbeitern und Einheimischen waren nicht vorgesehen und wurden oft unterdrückt. 1989 lebten 94.000 Vertragsarbeiter in der DDR. Die Hetzjagd von Erfurt war kein Einzelfall, wie Christian Bergmann und Tom Fugmann in ihrer Dokumentation zeigen. Drei Jahre später jagen Volkspolizisten in Freyburg in der Nähe von Halle ihre abgerichteten Schäferhunde auf Kubaner. Es kommt zu tiefgehenden diplomatischen Verstimmungen zwischen den Regierungen in Havanna und Ostberlin. Fidel Castro protestiert energisch bei Erich Honecker und droht mit ernsten Konsequenzen für das Verhältnis beider Staaten sollte sich so etwas wiederholen. Übergriffe gegenüber Ausländern und Hetzjagden passten nicht zum offiziellen Selbstverständnis der Partei- und Staatsführung. Denn nach ihrer Lesart bauten DDR-Bürger Seite an Seite mit ausländischen Werktätigen und Studenten den Sozialismus auf - und zwar ganz im Geiste des proletarischen Internationalismus. Der Historiker Harry Waibel hat jahrelang geforscht und entsprechende Stasi-Akten ausgewertet. Demnach forderten rassistisch motivierte Gewalttaten mehrere tausend Verletzte und sogar Todesopfer. Der Film geht den Spuren der damaligen Verbrechen nach. Bis heute sind die genauen Umstände vieler Taten unklar. Selbst Todesfälle wurden nur halbherzig oder gar nicht aufgeklärt. Täter gingen straffrei aus. Die Autoren stoßen auf Unglaubliches: Angehörige wurden bis heute über die Verbrechen völlig im Unklaren gelassen und Ermittlungen damals auf Anweisung von ganz oben eingestellt.

10.4., 3sat, 23.55 Uhr: "37 Grad"

Es war ein Sturz ins Bodenlose. Ihr Scheitern war allumfassend, schmerzhaft und öffentlich: Jan Ullrich, Spitzensportler, und Paulus Neef, Ausnahmeunternehmer, haben alles verloren, wofür sie gekämpft haben. Anerkennung, Erfolg, Geld, ihre Glaubwürdigkeit. Wie lebt man damit? Ullrich, der Junge aus einfachen Verhältnissen, liebte es, mit dem zu glänzen, was ihm am allermeisten Spaß machte - Radfahren. Er genoss die Bewunderung seiner Fans, die Möglichkeiten, die sich ihm boten. Sein historischer Sieg bei der Tour de France 1997 machte ihn über Nacht zum Star. Zugleich stellte dieser sportliche Meilenstein einen Erfolg dar, an den er bis zu seinem unrühmlichen Karriereende immer wieder anzuknüpfen versuchte. Aber es gab auch viele Negativschlagzeilen: Verletzungen, Gewichtsprobleme, Trainingstiefs, Alkoholfahrten, Aufputschpillen, verpatzte Wettkämpfe. Auch Pixelpark-Gründer Paulus Neef konnte die Menschen begeistern und für seine unternehmerischen Pläne gewinnen. Doch emotional blieb er davon merkwürdig unberührt. Er fühlte sich wie im goldenen Käfig; Beziehungen scheiterten, seine Ehe ging in die Brüche. Heute sind beide der Meinung, sie seien für ihre Ziele zu weit gegangen. Ihre Karrieren endeten mit kapitalen Abstürzen: Ullrich wurde 2006 des Dopings beschuldigt und gesperrt, Neef wurde 2002 nach dem Börsencrash von Pixelpark und vermeintlicher Veruntreuung aus seiner eigenen Firma geworfen.

10.4., Hessen Fernsehen, 20.15 Uhr/21.45 Uhr: "Auf dem Jakobsweg in NRW"/"Pilgern für Leib und Seele"

Das dritte Programm des Hessischen Rundfunks befasst sich 135 Minuten lang mit dem Jakobsweg. Zum Auftakt wiederholt der HR eine Ausgabe der WDR-Reihe "Wunderschön!". Was viele nicht wussten: Der Jakobsweg - Kennzeichen: gelbe Muschel auf blauem Grund - zieht sich wie ein Spinnennetz durch Deutschland. Stefan Pinnow schnürt Schuhe und Rucksack, nimmt den Wanderstab und folgt den zehn "Gehboten" durch NRW. Auf dem Weg von Westfalen ins Rheinland begegnet er vielen interessanten Menschen, die ihn manchmal ein Stück begleiten. Im Anschluss folgt "Pilgern für Leib und Seele" (21.45 Uhr). Die Reisereportage präsentiert Entdeckungen am spanischen Jakobsweg. Er endet in Santiago de Compostela; die Kathedrale des galizischen Städtchens ist das Ziel zahlloser Pilger. Im Winter kommen hier täglich Hunderte, im Sommer Tausende aus aller Welt an. Die Zielregion, die spanische Provinz Galizien, ist touristisch zwar erschlossen, aber alles andere als überlaufen. Die Rieras, oft Dutzende von Kilometern ins Landesinnere reichende Flussmündungen, prägen die hügelige, bisweilen bergige Landschaft. Der Jakobsweg führt durch ein aufregend unbekanntes Spanien.

11.4., ARD, 23.00 Uhr: "Die Luther Matrix"

Die Idee ist nicht schlecht und hat schon öfter funktioniert: Um auch Menschen zu erreichen, die Dokumentationen eher meiden, werden Informationen im Rahmen einer Spielhandlung vermittelt. Meist nutzen die Sender dafür die Form des Dokudramas, eine Mischung aus Interviews, Archivmaterial und Spielszenen. Für "Die Luther Matrix" hat der SWR im Auftrag der ARD-Koordination Kirchliche Sendungen eine ähnliche, aber doch etwas andere Methode gewählt: Nun sind auch die Interviews Teil der Inszenierung. Die Rahmenhandlung ist ebenfalls interessant: Ein geheimnisvoller Hacker hat brisantes Datenmaterial aus dem Bundeskanzleramt gestohlen. Es stellt sich raus, dass es sich bei dem Datendieb ausgerechnet um den IT-Chef (Marek Harloff) des Amts handelt. Als der Staatsschutz ihn verhaftet, zitiert er Martin Luther: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen." Um den Bezug zum großen Reformator zu enträtseln und die Motive des Mannes zu verstehen, wird eine BKA-Kommissarin (Annett Fleischer) auf Recherche-Reise geschickt. Die Frau gibt sich als Journalistin aus und lässt sich von echten Experten über Luther informieren (darunter Friedrich Schorlemmer und Margot Käßmann). Die informative Ebene ist hochinteressant; woran es hapert, ist die Verpackung. Der Versuch, die Motive des Computerhackers mit Luther in Verbindung zu bringen, ist nur in der Theorie plausibel; in der Inszenierung (Buch und Regie: Tom Ockers) wirkt der Ansatz allerdings längst nicht mehr so überzeugend. Der Film hat seine Momente, aber von einem "spannenden Doku-Thriller", wie ihn die ARD verspricht, kann keine Rede sein.

11.4., ZDF, 22.15 Uhr: "37 Grad: Helfen ist die halbe Miete"

So was nennt man eine "Win-Win"-Situation. Student und Rentner unter einem Dach – einkaufen, mit dem Hund Gassi gehen oder den Älteren auch nur Gesellschaft leisten: Wer sich sozial engagiert, kann günstiger wohnen. Senioren brauchen oft Hilfe im Alltag. Die Jungen suchen häufig erfolglos ein Zimmer, das bezahlbar ist. Der Deal: Privatpersonen stellen Studenten für eine reduzierte Miete oder kostenlos ein Zimmer. Florian Hartung hat Studenten und Rentner begleitet, die zusammenleben, und hat nach ihren Wünschen, Erwartungen und Erfahrungen gefragt. Dabei sind die Autoren auf beeindruckende und überraschende Konstellationen gestoßen. Mustafa zum Beispiel ist vor einigen Monaten bei Josef eingezogen. Seitdem waschen und essen sie gemeinsam, treiben Sport und teilen sogar das Bad. Eine WG aus Bewohnern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mustafa ist 24, stammt aus Iran und studiert Wirtschaftsingenieurwesen. Josef ist 92, hat schon immer im bayerischen Aschaffenburg gewohnt und beschäftigt sich vor allem mit regionaler Geschichte.
Doch nicht immer sind die Grenzen ganz klar. Das Miteinander der Generationen will geübt sein, die finanzielle Abhängigkeit kann Konflikte auslösen. Wie viel muss ich geben - und was kann ich vom anderen erwarten? Sind wir nur eine Zweckgemeinschaft - oder sind wir so etwas wie Großeltern und Enkel? Und was ist, wenn das Studium abgeschlossen ist und die Jungen weiterziehen?
Vor dieser Frage stehen auch Felizitas und Klaus - nach zwei gemeinsamen Jahren in ihrer WG. Die 24-jährige Studentin im Fach Vermessungswesen macht bald ihr Examen. Klaus, 70 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und kommt nur noch schwer allein zurecht. Die beiden sind ein eingespieltes Paar. Sie erledigt das Bürokratische, kauft ein und wäscht. Er versucht, so viel allein zu meistern, wie es sein Körper zulässt. Doch der Auszug von Felizitas könnte bedeuten, dass auch er das Haus verlassen und ins Pflegeheim ziehen muss.

11.4., 3sat, 23.55 Uhr: "Kinder des Krieges"

 Wie ist das, wenn man plötzlich weg muss, wenn das Haus zerbombt und es keine Zukunft in der Heimat mehr gibt? Das Mädchen Mais, damals elf Jahre alt, ist mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Seine Großfamilie, zehn Erwachsene und sieben Kinder, lebt seit der Ankunft im Herbst 2013 in der Schweiz. Die Platzverhältnisse im Durchgangszentrum sind eng, doch alle sind zuerst einfach nur glücklich, in Sicherheit zu sein. Mit dem Alltag kommen dann auch Probleme: Wie ist es für Kinder, bereits in jungen Jahren wieder neue Wurzeln schlagen zu müssen - und das in einem Land, von dem man vorher noch nie gehört hat und in dem man zuerst einmal kein Wort versteht?
Reporterin Andrea Pfalzgraf hat die Großfamilie Nasser während der vergangenen drei Jahre in der Schweiz mit der Kamera begleitet. Entstanden ist eine zweiteilige Reportage. Im ersten Teil richtet sie den Fokus auf die Familie der heute 14-jährigen Mais. Anfänglich sehr scheu entwickelte sich das Mädchen rasch zur Übersetzerin für die ganze Familie. Heute ist sie, wie viele Teenager, am liebsten mit ihren Freundinnen unterwegs. Aber wenn sie über Syrien erzählen soll, dann kann sie nicht mehr sprechen: Die Wunden sind noch nicht verheilt. Ein berührendes Schicksal, stellvertretend für mittlerweile rund 4,8 Millionen Syrerinnen und Syrer auf der Flucht. Den zweiten Teil zeigt 3sat am 18. April um 0.05 Uhr.

11.4., Arte, 20.15 Uhr: "Europas Muslime"

Es sind aufgeladene Zeiten. Selten zuvor wurde so viel über den Islam gestritten wie im Jahr 2016, nach den Terroranschlägen von Paris, Nizza, Brüssel, Berlin und Istanbul. Ist der Islam eine Religion der Gewalt? Im Sommer 2016 haben sich die Journalistin Nazan Gökdemir und der renommierte Islamkritiker und Schriftsteller Hamed Abdel-Samad auf eine Reise durch Europa begeben, um mit den Menschen, den Muslimen selbst zu sprechen. Im Kopf: viele Fragen, viele Ansichten, viel Unsicherheit und eine Menge Gesprächsbedarf. Was wissen wir heute eigentlich über den Islam und die Muslime? Wie leben sie? Welche Rolle spielen Tradition, Glaube, Regeln, Familie und Politik? Was bewegt sie? Und wie sehen sie sich selbst in Europa? In Berlin treffen Gökdemir und Abdel-Samad unter anderem auf den Islamologen Bassam Tibi, der einst die Vision eines "Euro-Islam" entwarf. Sie sprechen mit der Autorin Sineb El Masrar ("Muslim Girls") über Emanzipation im Islam und treffen in Paris den ehemaligen Großmufti von Marseille und Verfechter des französischen Laizismus, Soheib Bencheikh. Gemeinsam mit dem Brüsseler Polizisten Hamid Benichou ziehen sie durch den berüchtigten Stadtteil Schaerbeek, der zuletzt als Hort des Terrorismus in die Schlagzeilen geriet. Und sie besuchen die Große Moschee im spanischen Granada – dort, wo die Muslime im 8. Jahrhundert erstmals ihren Weg über die Iberische Halbinsel nach Europa fanden.

11.4., Bayerisches Fernsehen, 22.30 Uhr: "Mitten in Deutschland: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage"

Der kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Film bildet den Auftakt einer Reihe, in der sich drei Regisseure mit den Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds" auseinandersetzen. Teil zwei gilt den Opfern, Teil drei den Ermittlern. Der erste Film erzählt jedoch nicht von den Taten, sondern von der Vorgeschichte. Die Handlung beginnt nach der "Wende", Helmut Kohl prophezeit blühende Landschaften, aber die Menschen in Jena schauen sich um und sehen nur Tristesse; viele sind mit der Suche nach Orientierung überfordert. Drei von ihnen stellt der Film vor. Zentrale Figur ist zunächst Beate, eine junge Frau aus Jena, die ziellos durch ihr perspektivloses Dasein treibt, bis sie dem etwas älteren Uwe begegnet. Anfangs wirkt er völlig harmlos, aber nach und nach kristallisiert sich seine rechtsextremistische Haltung heraus, die immer radikaler wird; Beate lässt sich von seinem Charisma willig mitreißen. Gemeinsam mit einem zweiten Uwe bilden sie schließlich ein verschworenes Trio, das den Umsturz plant. Ein erstes Zeichen wollen sie mit einem Anschlag auf die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald setzen. Aber die rechte Szene ist mit Spitzeln durchsetzt, der Plan fliegt auf, und das Trio verschwindet im Untergrund. Der Film endet mit dem ersten Mord, dem neun weitere folgen sollten.

11.4., WDR Fernsehen, 22.10 Uhr: "Mitten in Deutschland: NSU – Die Opfer"

Der zweite Film der "NSU"-Trilogie, "Die Opfer", beginnt mit der ersten Tat. Dieser Beitrag zur Trilogie auch der bedrückendste. Das Drehbuch von Grimme-Preisträgerin Laila Stieler ("Die Polizistin") basiert auf den Erinnerungen von Semiya Şimşek. Sie war 14, als ihr Vater Enver, ein türkischstämmiger Blumenhändler aus dem hessischen Ort Schlüchtern, im Herbst 2000 erschossen wurde. Enver Şimşek war das erste Opfer der beiden heimtückischen Mörder, aber was seine Familie nach der Tat durchmachen musste, ist fast noch erschütternder: Die Polizei machte das Opfer zum Täter und suchte nach Hinweisen für Drogenschmuggel. Später wurde eine Schutzgelderpressung infrage gezogen. Dass der feige Mord einen ausländerfeindlichen Hintergrund haben könnte, ist offenbar nie in Erwägung gezogen worden. Semiya Şimşek hat alle diese Erfahrungen in ihrem Buch "Schmerzliche Heimat" beschrieben. Züli Aladags Film erzählt ihre Geschichte, sie ist das emotionale Zentrum. Dieser Film ist vielleicht der wichtigste Teil der Trilogie, denn er gibt den Opfern endlich eine Stimme. An Karfreitag zeigt der SWR um 23.15 Uhr den dritten Teil.

12.4., ARD, 20.15 Uhr: "Freistatt"

Vor einigen Jahren hat das ZDF mit dem düsteren Film "Und alle haben geschwiegen" an die verdrängte Geschichte der deutschen Heimkinder in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erinnert. Das Drama basierte auf dem Sachbuch "Schläge im Namen des Herrn" von Peter Wensierski. Auch Marc Brummund hat sich für seinen Film "Freistatt" durch den "Spiegel"-Autor inspirieren lassen. Pate für seinen Kinofilm war allerdings Wolfgang Rosenkötter. Er war ein Zögling der Diakonie Freistatt im niedersächsischen Kreis Diepholz. Das kirchliche Fürsorgeheim galt als eines der härtesten seiner Art: Die oft aus fadenscheinigen Gründen eingelieferten Jugendlichen mussten bis zur Erschöpfung Torf stechen und waren der Willkür ihrer Aufseher ausgeliefert, die mit Pädagogik wenig im Sinn hatten. Brummund siedelt die Handlung in den späten Sechzigerjahren an. Der Film beginnt mit viel Zeitgefühl und Aufbruchstimmung; das ändert sich abrupt, als Wolfgang nach Freistatt kommt, weil sein gewalttätiger Stiefvater ihn loswerden will. Die Geschichte ist freudlos, aber der Film ist hervorragend. Neben der ausgezeichneten Bildgestaltung und der vortrefflichen Musik beeindruckt "Freistatt" vor allem durch die Führung der Darsteller.

12.4., ARD, 21.45 Uhr: "Endstation Freistatt"

De oft unvorstellbaren Lebensbedingungen, unter denen Tausende von Kindern und Jugendlichen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in kirchlichen Heimen und staatlichen Fürsorgeanstalten aufwuchsen, gehören zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Eines dieser Häuser war die Anstalt Freistatt im Kreis Diepholz. Abgelegen von der nächsten Ortschaft wurden die Jugendlichen hier als billige Arbeitskräfte in der Schlosserei oder beim Torfstechen im Moor eingesetzt. Wer nicht spurte, wurde von den Diakonen verprügelt und trug fortan selbst beim Kirchgang Kettenhosen, die nur Trippelschritte ermöglichten. Diese Missstände herrschten in der Zweigstelle der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis Anfang der Siebziger. Noch heute leiden die damals dort "verwahrten" jungen Menschen an den Folgen. Sascha Schmidt erzählt in seiner Dokumentation die Geschichte von drei ehemaligen "Zöglingen" und zeigt, wie die Zeit in Freistatt ihr Leben bis heute geprägt hat. Wolfgang Rosenkötter ist einer von ihnen. Er verbrachte Ende der Fünfzigerjahre 13 Monate in Freistatt und floh mehrmals zu seinem Vater. Doch der glaubte ihm nicht, wenn er von den schlimmen Erlebnissen berichtete, und brachte ihn immer wieder zurück. Die Autoritätshörigkeit der Elterngeneration und die aufkeimende Rebellion der Jugendlichen traten in Heimen wie Freistatt besonders deutlich zutage. Parallel zu den persönlichen Lebensgeschichten der ehemaligen Zöglinge skizziert der Film anhand von Archivaufnahmen und Interviews mit Zeitzeugen (darunter die ehemalige RAF-Terroristin Astrid Proll) die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit: Wirtschaftswunder und Verdrängung der Nazizeit treffen auf Rock'n'Roll und Jugendliche, die sich als "Halbstarke" gegen die starren Strukturen auflehnen. Mit der Studentenbewegung kam erstmals auch Kritik an den Verhältnissen in den Kinder- und Jugendheimen auf. Ein besonderer Schwerpunkt des Films liegt dabei auf dem Engagement der späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Astrid Proll für die Fürsorgezöglinge. Dabei wird aufgezeigt, dass die Geschichte der Heimkinder auch ein Stück Nachkriegsgeschichte und untrennbar mit der 68er-Generation verbunden ist.

12.4., ZDF, 23.15 Uhr: "Bürokratie statt Integration"

Ein syrischer Zahnarzt arbeitet in der Spülküche, eine iranische Hebamme sitzt arbeitslos zu Hause. Ein Frisör soll noch mal eine dreijährige Ausbildung machen. Rita Knobel-Ulrich sucht in ihrer Dokumentation nach Antworten auf brandaktuelle Fragen: Behindern Regelungswut und Bürokratie die Eingliederung von Asylbewerbern? Wo steht Deutschland im Jahr drei des Flüchtlingszustroms? In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Dabei sind laut Bundesarbeitsministerium zirka 15 Prozent der Asylbewerber gut qualifiziert. Das Integrationsgesetz verspricht Deutschkurse und schnelles Ankommen in der Arbeitswelt. Wenn da nicht die Bürokratie wäre. Auch im dritten Jahr des Flüchtlingszustroms sitzen die Menschen immer noch monatelang in Unterkünften, ohne dass sie gefördert oder gefordert werden. Erst nach der Anerkennung ihres Asylantrags, die viele Monate dauern kann, fragen Jobcenter nach Beruf und Ausbildung und werden Deutschkurse verpflichtend.
Asylbewerber, die mehr wollen als essen, schlafen und warten, werden immer noch ausgebremst. Behörden, Berufsverbände, Handwerkskammern, Innungen zeigen sich unflexibel, prüfen monatelang Zeugnisse und verweigern mit Paragraphen-Reiterei die Berufsanerkennung. Der Film geht der Frage nach, ob wir uns das wirklich leisten können.

13.4., WDR Fernsehen, 22.40 Uhr: "Wenn der Hund stirbt - Wie Menschen um Tiere trauern"

Eine Bestattung auf einem Friedhof in Dortmund: Drei Frauen stehen weinend an der vorbereiteten Grabstätte und sehen zu, wie der kleine, mit bunten Blumen verzierte Sarg in Kindergröße langsam hinabgelassen wird. Der Verstorbene ist ihr Hund. Wie kommt es dazu, dass immer mehr Hundehalter den Tod ihres Tieres betrauern, als hätten sie ihr eigenes Kind verloren? Wie artgerecht ist es, wenn sie ihr Tier Zeit seines Lebens auch genau so behandeln: wie einen geliebten Menschen? Mit diesen Fragen und gemischten Gefühlen macht sich Reporter Martin Buchholz auf den Weg, begleitet die trauernden Hinterbliebenen bei der Beisetzung ihres Hundes, trifft professionelle Tierbestatter und passionierte Hundeliebhaber wie Manfred Baum, der sagt: "Hunde sind die besseren Menschen. Sie enttäuschen Dich nie." Der Rentner möchte später gemeinsam mit der Urne seines Dackels Muck beerdigt werden. Dafür hat die katholische Kirche seines Ortes nun schon mit bischöflicher Genehmigung die Friedhofsordnung geändert. "Für immer mehr Menschen ist ihr Hund ein hundertprozentig vollwertiges Familienmitglied", meint WDR-Moderatorin Simone Sombecki ("Tiere suchen ein Zuhause"); "darum macht es für viele tatsächlich keinen Unterschied, ob ihr Partner oder ihr Hund stirbt. Schmerz und Trauer sind die gleichen."

13.4., WDR Fernsehen, 23.10 Uhr: "Menschen hautnah: Leihmutter, Eimutter und zwei Väter"

Die siebenjährige Greta hat zwei Väter und zwei Mütter: die beiden Deutschen Jens und Andreas, Leihmutter Susan und Eizellspenderin Rose aus den USA. Das schwule Paar Jens und Andreas aus Essen gehört zu den ersten Deutschen, die auf diesem Weg ein Kind bekamen und es aus den USA nach Deutschland brachten. Weil Leihmutterschaft und Eizellspende bei uns verboten sind, sind Jens und Andreas im Sommer 2013 wieder in die USA geflogen. Der Plan: ein Geschwisterkind für Greta. Die Eizellen werden wieder von Rose gespendet, denn beide Kinder sollen dieselbe biologische Mutter haben. Leiblicher Vater soll dieses Mal Andreas sein, weil Jens schon Gretas Vater ist. "Menschen hautnah" hat Jens und Andreas sieben Jahre lang von Gretas erstem Geburtstag bis zur Geburt ihres Bruders Henri begleitet. Dabei lernen die Zuschauer auch die Leihmutter und die Eizellspenderin kennen. Der Film gewährt Einblick in die Welt von Frauen, die für Geld anderen Menschen ihren Kinderwunsch erfüllen: Wie wird Leihmutter Susan damit fertig, ein Kind nach neun Monaten Schwangerschaft abzugeben? Und wie geht Eizellspenderin Rose damit um, dass sie die biologische Mutter von Kindern ist, die sie kaum kennt?

14.4., ARD, 10.00 Uhr: "Evangelischer Gottesdienst zum Karfreitag"

Der Bayerische Rundfunk überträgt den diesjährigen Gottesdienst zum Karfreitag aus St. Sebald in Nürnberg. Dort kommt es zur Uraufführung von "Wahrlich, ein Mensch". Die Passion des Jesus von Nazareth ist eine Geschichte von Anklage, Verurteilung, Verspottung und Hinrichtung. Nur wenige Beobachter haben eine Ahnung davon, dass hier etwas Größeres passiert, darunter ausgerechnet der römische Statthalter Pilatus, der das Todesurteil verhängt. Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Und wo ist Gott, wenn Menschen Unrecht leiden? Den von Regionalbischof Stefan Ark Nitsche zusammengestellten biblischen Texten gibt der Komponist Peter Wittrich eine aktuelle Klangfarbe. Die Liturgie feiert Pfarrer Jonas Schiller, die Dialogpredigt halten die Nürnberger Regionalbischöfe Elisabeth Hann von Weyhern und Stefan Ark Nitsche. An der Uraufführung wirken unter der Leitung von Bernhard Buttmann die Sebalder Vocalisten und ein Blechbläserquintett mit Schlagzeug mit.

14.4., ZDF, 19.30 Uhr: "Der große Anfang – 500 Jahre Reformation"

In der dreiteiligen Dokumentation beschäftigt sich Moderator Harald Lesch mit Martin Luther und seiner Zeit voller Widersprüche, ungeahnter Zusammenhänge und Weichenstellungen, die bis heute unser Leben bestimmen: Damals wurde Amerika entdeckt, der Buchdruck erfunden, Banken gewannen an Macht, die Renaissance erreichte ihren Höhepunkt ; es war eine Zeit, in der sich der Mensch neu erfunden hat. Martin Luther findet sich unerwartet auf der großen Bühne der Weltpolitik wieder, bewundert, gefürchtet und verhasst. Denn er bringt das uralte Machtgefüge der katholischen Kirche ins Wanken und bereitet den Weg für ein neues Denken. Hinter der Reformation versammeln sich mächtige Protagonisten dieser Zeit. Für sie kommt der rebellische Mönch aus Wittenberg wie gerufen. Luther wird zur Galionsfigur der Erneuerer und zum Feindbild des Papstes. Denn die Thesen Martin Luthers vom Oktober 1517 markieren den Beginn einer Revolution, durch die sich für die Menschen viel mehr ändert als nur das Verhältnis zur Kirche. Die Dokumentation schlägt einen Bogen von der Zeit der Renaissance bis heute. Moderator Harald Lesch zeigt, wie die Folgen der Reformation unsere Welt bis heute prägen. Warum zum Beispiel gibt es in Deutschland Bundesländer? Ist es Zufall, dass es bis heute nur einen einzigen katholischen US-Präsidenten gab? Und wieso trägt der berühmte Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. den Reformator sogar in seinem Namen? Im ersten Teil der Dokumentation wandert Lesch über die Alpen - wie der junge Augustiner-Eremit Martin Luther im Jahr 1510. Der Mönch wird in einer wichtigen Ordensangelegenheit nach Rom geschickt. Unterwegs macht er Station in Florenz, damals ein Zentrum der Kreativität.
Als Luther schließlich Rom erreicht, besteht die "Ewige Stadt" halb aus antikem Schutt, halb aus entstehenden Prunkbauten. Für deren Finanzierung - vor allem für den Petersdom - ziehen die Päpste damals in großem Stil Ablasshandel auf. Das wird Luther noch später beschäftigen. Sein Orden organisiert die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle durch Michelangelo. Waren also Martin Luther und Michelangelo zur selben Zeit in Rom? Lesch geht der Frage nach, ob Luther vielleicht doch von dem Kunstwerk beeinflusst war. Die Teile zwei und drei zeigt das ZDF am Ostersonntag und am Ostermontag.

14.4., Bayerisches Fernsehen, 21.10 Uhr: "Papst Franziskus betet den Kreuzweg"

Demut, Barmherzigkeit, Engagement für die Armen: Das sind die Prinzipien, nach denen der erste Papst aus Lateinamerika handelt. Er lebt, was er verkündet, und gibt seiner Kirche seit seiner Wahl im März 2013 in Worten und Gesten "Nachhilfeunterricht". Die Kirche, die er will, kreist nicht um sich selbst, sie ist offen und nah bei den Menschen. Wie seine Vorgänger betet auch Papst Franziskus den Kreuzweg am Karfreitag im römischen Kolosseum. In Erinnerung an den Leidensweg Christi, von der Verurteilung durch Pontius Pilatus bis zur Abnahme vom Kreuz, sind im Kolosseum, der antiken Kampfarena, auch in diesem Jahr 14 Stationen aufgebaut. Es ist eine beeindruckende Kulisse, in der der Kreuzweg das Karfreitagsgeschehen vergegenwärtigt. Christen aus den Krisengebieten der Welt begleiten Papst Franziskus auf seinem Weg und tragen das Kreuz von Station zu Station.

14.4., SWR, 12.45 Uhr: "Das Weib soll schweigen – Die Reformatorin Katharina Schütz-Zell"

Der SWR würdigt mit diesem Film eine Frau, die weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Am Vorabend der Reformation stehen die Geistlichen Straßburgs bei der Bevölkerung in keinem großen Ansehen: Man wirft ihnen Habgier, Hurerei und Vernachlässigung ihrer seelsorgerischen Pflichten vor, und so fallen die Lehren der Reformatoren auf fruchtbaren Boden. Erste Auswirkungen sind schon 1517 nachweisbar in der Freien- und Reichsstadt Straßburg, dem wirtschaftlichen Zentrum im Südwesten, das sich auch als Druckerstadt einen Namen gemacht hat. Die Straßburgerin Katharina Schütz sucht wie Martin Luther einen gnädigen Gott. Sie ist die erste Bürgerin, die einen Priester heiratet, den ihr seelenverwandten Münsterprediger und Reformator Matthäus Zell. Frauen dürfen erst 400 Jahre später studieren, und so erarbeitet sich Katharina Schütz-Zell durch Predigtbesuche, das Lesen reformatorischer Schriften und die Diskussion mit durchreisenden Reformatoren, die sie beherbergt, theologischen Sachverstand. Die Briefe, die sie an den Bischof, an verfolgte Reformationsanhänger und die Bürger der Stadt schreibt, lässt sie drucken und verbreiten. Um die Reformation in der Bevölkerung zu verankern, veröffentlicht Katharina Schütz-Zell ein Gesangbuch, auf "dass die Lieder der Handwerksgesell bei der Arbeit, die Dienstmagd beim Schüsselwaschen, der Rebmann auf dem Acker und die Mutter dem weinenden Kind in der Wiege singe". Die Reformatorin ist sicher: Das Leben muss den Glauben bezeugen. Nachdem die Klöster in der Stadt aufgegeben werden und damit auch die Armenpflege, hilft sie mit, eine neue soziale Versorgung in der Stadt aufzubauen. Sie nimmt Mittellose auf und wirbt bei anderen Bürgern für Unterkünfte und Spenden. Als 1524 im Bauernkrieg vor der Stadt 3.000 Bauern massakriert werden, hält Straßburg die Stadttore offen für die Überlebenden und die Frauen und Kinder. Katharina beherbergt um die 100 Flüchtlinge im Pfarrhaus, teils monatelang. Im Abendmahlsstreit, der die Reformation spaltet, reist sie mit ihrem Mann zu Luther nach Wittenberg, um für eine Verständigung mit Zwingli zu werben. Doch erst gut 400 Jahre später wird diese Spaltung aufgehoben. 1562 stirbt Katharina Schütz-Zell, die Frau, die sich nicht an die biblische Anweisung gehalten hat: "Das Weib soll schweigen". Der Film lässt mit digitalen Zeichnungen, Originaltexten und dokumentarischen Episoden das Bild einer Frau erstehen, von der es kein authentisches Bildnis gibt. Bei der Grafik wurde die Zeichentechnik nach Art der Alten Meister in die digitale Welt "übersetzt" und in die Filmhandlung eingebaut.