Das wandernde Gottesvolk in Würzburg

Swetlana Tissen (Mitte) kam als Spätaussiedlerin aus Kasachstan über die Ukraine nach Deutschland. Heute hilft sie den "Neuen" wie Stella (links) und Nadja (rechts) beim Ankommen

Foto: Jessica Siegel

Das wandernde Gottesvolk in Würzburg
Patenschaften: Spätaussiedler helfen Flüchtlingen
Im Würzburger Stadtteil Heuchelhof koordiniert Pfarrer Max von Egidy die Hilfe für Flüchtlinge. Das Besondere: Spätaussiedler aus der Sowjetunion haben Patenschaften für Flüchtlinge übernommen. Der ganze Stadtteil hilft mit. Am Sonntag feiern sie ZDF-Fernsehgottesdienst.

Der Heuchelhof ist nicht einfach ein Würzburger Stadtteil. Er ist im Grunde eine Diagnose; so ähnlich wie man das vom Vornamen Kevin sagt. Der Heuchelhof gilt als sozialer Brennpunkt, hier stehen Würzburgs anonyme Wohntürme, 50 verschiedene Nationalitäten leben hier. Die evangelische Kirche hat ihren Namen vom Garten Gethsemane. Genau wie der Heuchelhof abseits von Würzburg liegt, befand sich der Garten Gethsemane vor den Toren der Stadt Jerusalem. Die Hälfte der Gemeindemitglieder von Pfarrer Max von Egidy sind seiner Aussage nach Spätaussiedler-Familien. Als 2014 eine Notunterkunft für Flüchtlinge improvisiert wurde, sah von Egidy das als Chance: Er initiierte ein Patenschaftprojekt, in dem neben vielen altengesessene Würzburgern auch Spätaussiedler Flüchtlinge unterstützen.

Pfarrer Max von Egidy

"Viele Erfahrungen und der Kampf mit den Paragraphen sind ähnlich", sagt von Egidy. Das christliche Selbstverständnis verlange es, als "wanderndes Gottesvolk" mit Menschen aus aller Welt den eigenen Lebensweg zu teilen. "Unsere Gemeinde, das sind Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um eine neue Heimat zu finden. Wir alle haben Verantwortung."

Also brachten von Egidy und sein katholischer Kollege nicht nur Salz und Brot mit in die Notunterkunft - das ehemalige Technikum-Hotel - um die neuen Stadtteilbewohner willkommen zu heißen, sondern auch Ehrenamtliche wie Swetlana Tissen. 

Swetlana Tissen gilt als Spätaussiedlerin: In Kasachstan geboren, in der Ukraine einen Russlanddeutschen geheiratet, seit 1997 in Deutschland. Inzwischen ist der Heuchelhof ihre neue Heimat geworden – und Swetlana Tissen Patin. "Ich war am Anfang jeden Tag im Technikum", erzählt sie, die selbst bei ihrer Ankunft vor 20 Jahren kein Wort Deutsch konnte. "Es wurden ja vor allem Syrer erwartet. Darum hat keiner der Helfer Russisch gesprochen." Es kamen aber nicht nur Syrer und andere arabischsprachige Flüchtlinge, sondern eben auch russischsprachige Ukrainer - denen konnte gerade sie gut helfen.

"Manchmal muss man gar nicht viel reden. Hauptsache, jemand ist da"

"Swetlana ist eine unserer Brückenbauerinnen", sagt Pfarrer von Egidy. Der Staat versorgt die neu angekommenen Menschen mit Geld, Unterkunft und Ärzten. Die Ehrenamtlichen sorgen dafür, dass diese Unterstützung auch wirklich ankommt. Also fährt Tissen mit ihnen zum Sozialamt und vereinbart Arzttermine. "Viele kamen mit Kindern aus dem Kriegsgebiet. Die waren eineinhalb Jahre bei keinem Arzt, die Frauen nicht beim Frauenarzt." Eine zweifache Mutter, so erzählt es Tissen, habe auf der Flucht ihr drittes Kind zur Welt gebracht. "Manchmal muss man gar nicht viel reden, es reicht schon, dass jemand da ist." Tissen berichtet von hilfsbereiten Ärzten, Menschen, die sich schnell integrierten und rasch ohne ihre Hilfe auskamen.

Doch Swetlana Tissen kann auch viel über Frust erzählen. Da gibt es diesen siebenjährigen, hörgeschädigten Ukrainer, der kaum sprach. Tissen ging mit ihm zum Hörtest, begleitete ihn zur OP und zum Logopäden. Am vermeintlichen Ende scheint alles gut: Der Junge hört, geht in die erste Klasse und spricht Deutsch. Doch es ist nicht mehr 1997 und die Ukraine kein offizielles Kriegsgebiet mehr, also gilt der Erstklässler weder als Spätaussiedler noch als Flüchtling. Die Erzählung endet mit einem Siebenjährigen, der jetzt zurück in der Ukraine ist und nicht zur Schule gehen kann. Auch die beiden Ukrainerinnen Nadja und Stella haben kaum eine Chance, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, wo sie seit kaum zwei Jahren leben.

Helfer aus dem Stadtteil treffen sich im Gemeindesaal

Um die Hilfe zu koordinieren und sich auf die neuen Umstände einzustellen, treffen sich die Paten und der Helferkreis um Pfarrer von Egidy an einem Abend im September: Die Notunterkunft im Technikum soll aufgelöst werden. Eigentlich ein gutes Zeichen. Die meisten syrischen Bewohner sind nun anerkannte Flüchtlinge, sie können in eigene Wohnungen ziehen. Der Hausverwalter ist gekommen, er regelt Ein- und Auszug, verteilt Menschen auf Wohnraum. Er wäre ein guter Sündenbock. Doch die Helfer wissen, dass auch der Verwalter nur seinen Job macht und seine Anweisungen von der Regierung von Unterfranken erhält. Doch als zur Sprache kommt, dass die Bewohner keinen Besuch in ihrem Zimmer empfangen dürfen, mahnt von Egidy ernst: "Man muss auch mal einen zum Essen aufs Zimmer einladen dürfen. Das ist Gastfreundlichkeit! Die wird auch in den Herkunftsländern großgeschrieben."

Sie alle bringen sich unterschiedlich ein: Jutta hat in den ersten Tagen geholfen, täglich Brötchen für 86 Menschen zu schmieren. Mittlerweile hat sie vier Patenschaften, eines ihrer "Kinder" kommt aus Sierra Leone: "Neulich erst haben wir Kirschen geerntet. Oder wir spielen was. Das geht auch ohne Deutsch oder Englisch." Im Gitarrenkreis spielen sie die Oud, eine Lautenart: "Das ist immer ein lustiger Kreis. Und zum Schluss kriegen alle was Süßes."

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Heimat vor den Toren der Stadt
Heimat vor den Toren der Stadt

Ursula erzählt, dass ihre Schützlinge inzwischen gut zurechtkämen. "Aber seelisch geht's nicht gut. Sie haben wenig Kontakt zu Deutschen. Wenn ich anrufe und frage 'Braucht ihr was?' sagen sie meistens nur 'Nein, komm einfach vorbei!'." Karlheinz Seidel spricht von einer echten Freundschaft, die sich zwischen ihm und einem Syrer entwickelt hat: "Wir helfen uns gegenseitig!" Maria kocht mit ein paar Flüchtlingen: "Einer hat mich neulich gefragt, ob es in Deutschland erlaubt sei, mit einer 16-Jährigen zu schlafen." Auch die Frage, ob man heiraten dürfe, auch wenn man keinen Job hat, kommt auf. "Wir müssen reden, reden, reden!", weiß Maria.

Deshalb gibt es auch eine wöchentliche Patenschaftssprechstunde. Weil jetzt öfter Post von Ämtern kommt, ergeht der allgemeine Rat: "Sagt ihnen, dass sie euch alle Briefe, die ein Klarsichtfenster haben, zeigen sollen. Womöglich ist das nur Lotto-Werbung, meistens wichtige Mitteilungen vom Amt!"

Ist die Hilfe überhaupt noch nötig?

Doch es gibt auch andere Fälle, echte Problemfälle, um die sich Pfarrer Max von Egidy und der Helferkreis sorgen. Der junge Afghane etwa, der depressiv und aggressiv sei. Hier will PAKT Würzburg helfen: Weil der Staat bei nicht-anerkannten Flüchtlingen zwar die medizinische, nicht aber eine psychische Versorgung gewährleistet, bieten niedergelassene Psychotherapeuten und Psychologiestudenten ehrenamtlich therapeutische Angebote an.

Zwei Jahre nach der Eröffnung der Notunterkunft haben manche Helfer ganz neue Sorgen: Die meisten Flüchtlinge brauchen den Deutschunterricht der Ehrenamtlichen nicht mehr, weil sie in den Integrationskursen gut versorgt sind. Sätze wie "Wo können wir denn jetzt helfen?" und "Viele sind gar nicht mehr so hilfsbedürftig wie gedacht" fallen. Wie also weitermachen mit dem Patenschaftsprojekt? Manche haben weniger zu tun. Anderen wächst die Hilfe über den Kopf. Der Bedarf bleibt, er verändert sich nur. Juristische Fragen kommen dazu. "Wir müssen jetzt weniger unterkunftsbezogen denken, sondern dezentral, wenn die Leute in eigenen Wohnungen leben. Die Hilfe wird immer gezielter", sagt von Egidy. Dafür ist Koordination wichtig: Der Pfarrer pflegt den Mail-Verteiler, verschickt Einladungen zum nächsten Treffen. Die Diakonie bietet Fortbildungen für Helfer und Paten, auch PAKT Würzburg unterstützt Ehrenamtliche.

Der ehrenamtliche Helferkreis besteht nicht nur aus Gemeindemitgliedern, das betont von Egidy. Sie kommen aus dem gesamten Stadtteil, die Kirche stellt den Versammlungsort: "Ich weiß von den meisten gar nicht, welche Konfession sie haben."

Fernsehgottesdienst aus der Gethsemanekirche in Würzburg: Am Sonntag, 25. September, ab 9.30 Uhr im ZDF.

ZDF-Fernsehgottesdienst

aus der Gethsemanekirche Würzburg mit Pfarrerin Jutta Müller-Schnurr und Pfarrer Max von Egidy zum Thema "Heimat liegt vorne": Sonntag, 25. September 2016, 9:30 bis 10:15 Uhr, ZDF.

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