Die Lutherbibel 2017: "Ein Stück deutsche Buchkultur"

Andruck der neuen Lutherbibel am 16.06.2016 in der Druckerei C.H. Beck in Nördlingen

Foto: epd-bild/Annette Zoepf

Andruck der neuen Lutherbibel in der Druckerei C.H. Beck in Nördlingen.

Die Lutherbibel 2017: "Ein Stück deutsche Buchkultur"
Fünf Jahre lang wurde intensiv am Text für die neue Lutherbibel 2017 gearbeitet. Vier Monate blieben für Druck, Bindung und Vertrieb bis zum Verkaufsstart am 19. Oktober 2016. Eine aufregende und arbeitsreiche Zeit für die Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart.

"Ich weiß bald nicht mehr wohin mit dem ganzen Papier", sagt Volker Mehnert. Der Mann im weißen Hemd ist Herstellungsleiter bei der Deutschen Bibelgesellschaft, die das Verlagsrecht für die neue Lutherbibel 2017 hat. Mehnert ist ein besonnener Typ, doch in diesem Sommer wird selbst er ein kleines bisschen nervös. In seinem Büro stapeln sich Probeseiten, Blinddrucke und Buchdeckel der Lutherbibel 2017. Am Nachmittag will er in die Druckerei C.H. Beck nach Nördlingen fahren, "einfach nochmal zur Beruhigung", denn die Bindung der großen grauen Altarbibel beginnt. "Die Altarbibel ist die hochwertigste Ausgabe, da sollte einfach alles passen", sagt Mehnert. Generalsekretär Christoph Rösel findet die Sorgfalt nicht übertrieben: "Wir sind der Überzeugung, eine Bibel sollte auch wirklich ein qualitativ hochwertiges Buch sein, damit sie gerne in die Hand genommen wird. Das ist ja auch ein Stück deutsche Buchkultur."

Foto: Hanno Terbuyken/evangelisch.de
Volker Mehnert hat vom Satz bis zum Druck den Überblick und die Verantwortung. "Das Schwierigste ist, das große Volumen jetzt auf den Punkt hin zu produzieren", sagt er. Die Startauflage beträgt 260.000, darunter die Standardausgabe, Gemeindebibeln, die Jubiläumsausgabe und Altarbibeln - insgesamt 14 Ausgaben. Bisher lief es weitgehend glatt, nur einmal musste Mehnert nachjustieren, als die Farben auf dem echten Druck anders aussahen als auf dem Tintenstrahl-Probedruck. "In so einem Zweifelsfall kann ich direkt an der Maschine sagen: Hier vielleicht ein bisschen mehr Rot und ein bisschen mehr Gelb und dann passt das schon."

Mit Papier und Farben hat Lektorats-Assistentin Annette Graeber wenig zu tun. Sie bereitet die elektronischen Ausgaben der Lutherbibel 2017 vor, die auch als E-Book, App und Online erscheinen wird. Die Theologin hütet die endgültige Fassung des revidierten Textes auf ihrem Computer und hat auch die vorigen Versionen und die Protokolle aus dem Lenkungsausschuss gespeichert. Damit kann sie jederzeit nachvollziehen, welche Stelle aus welchem Grund wie geändert wurde. Stunden, Tage, Nächte hat die Theologin in den Sitzungen verbracht und bewundert das Engagement der Kolleginnen und Kollegen. "Selbst die Dienstleister stecken da ihr Herzblut rein, und das hat man gemerkt. Und wenn das nicht so gewesen wäre, dann wären wir jetzt nicht da, wo wir sind", sagt Annette Graeber.

Luther schrieb seine Theologie in die Bibel

Lektoratsleiterin Hannelore Jahr stimmt ihr zu, seufzt und lacht gleichzeitig. "Ich weiß nicht, ob wir uns getraut hätten, auf dieses Projekt zuzugehen, wenn wir wirklich vorher geahnt hätten, wieviel Arbeit es ist." Als "Durchsicht" der Lutherbibel von 1984 hatte das Projekt 2006 begonnen, doch bei der Arbeit am Text stellte sich heraus, dass es mit kleineren Korrekturen nicht getan war. Das Alte Testament war zuletzt 1964 revidiert worden, also vor der kompletten Edition der Qumran-Rollen. Für das Neue Testament hatte man 1975 ein moderne Übersetzung gewagt, und Hannelore Jahr ist bei weitem nicht deren einzige Kritikerin: "Wenn man die Lutherbibel zu sehr modernisiert, ist es nicht mehr die Lutherbibel, aber eine moderne Übersetzung ist es auch nicht. Das ist sinnlos."

1984 wurde zwar im Neuen Testament zurückrevidiert, "aber auch nicht alles über Bord gekippt was vorher im Zuge der Modernisierung passiert ist", erklärt die Theologin und Germanistin, die diesmal die Aufgabe hatte, ihre Kenntnisse über Luthers besondere Sprache einfließen zu lassen. Hannelore Jahr leugnet überhaupt nicht, dass sie "mehr Luther" in der Lutherbibel gut findet, "auch wenn heute niemand mehr so reden würde". Die Lutherbibel sei ein Sprachkunstwerk, das "Menschen emotional anspricht und in ihrer Frömmigkeit beeinflusst, und zwar, weil es diese spezielle Luthersprache ist".

Luther hat nicht immer wörtlich das übersetzt, was im hebräischen oder griechischen Text steht, sondern er hat es interpretiert. So steht zum Beispiel in Jesaja 40,2 das Verb "rufen", doch Luther wählte "predigen". "Das ist ein Begriff, den Luther auch gegen die Wörterbücher seiner Zeit so übersetzt hat, weil er damit eine bestimmte Aussage unterstreichen wollte", erklärt Hannelore Jahr. "Für Luther hieß predigen 'Evangelium verkünden', das war etwas, womit man Leute begeisterte. Der Ausdruck hatte viel zu tun mit der Gnade, die Gott den Menschen schenkt, mit der Liebe, die in Jesus Christus Mensch geworden ist." Die Theologin beginnt beinahe selbst zu predigen, als sie das erklärt, ihre Augen leuchten vor Begeisterung. "Luther hat an der Bibel seine Theologie entwickelt und er hat sie in seine Bibel zurückgeschrieben. Das war sozusagen ein hermeneutischer Prozess." Bei Schwerpunkt-Worten wie "predigen" müsse man sich deshalb "zweimal überlegen, ob man hier tatsächlich etwas verbessern will oder ob man das so stehen lässt". Ihre Vorschläge seien im Ausschuss "sehr ernsthaft diskutiert" und meistens angenommen worden, erzählt Hannelore Jahr.

Oft dauerten die Sitzungen länger als geplant, bis in die Nächte hinein, "dann bin ich beinahe verzweifelt und habe gedacht: Wie soll das denn nur fertig werden, wenn wir in dem Tempo weitermachen?" Doch als die Übersetzung abgeschlossen war, ging die Arbeit für das Lektorat erst so richtig los: "Wir haben für die 2017er Revision einen irren Korrekturaufwand betrieben", sagt Hannelore Jahr. Im ersten Durchgang wurde der Text mit den Protokollen abgeglichen: "Sind alle Änderungen, die angenommen wurden, auch so in die Datenbank eingepflegt worden?", lautete Annette Graebers Arbeitsfrage. Manche Stellen mussten im Lenkungsausschuss noch einmal besprochen werden. Dann dasselbe noch einmal am fertigen Satz, und parallel dazu wurde – aufgeteilt auf mehrere Personen – die Rechtschreibung überprüft. Die zweite Satzfahne wurde außerdem mit speziellen Prüfaufträgen nochmals gelesen: Stimmt der (diesmal nicht ganz so fette) Fettdruck der Kernstellen? Sind Trennungen richtig gesetzt, sieht die Typographie überall gut aus?

"Die spannende Frage ist: Was passiert 2018?"

"All das ist auf meinem Schreibtisch gelandet", erzählt Annette Graeber, die für diesen Job von Leipzig nach Stuttgart gewechselt ist. Wie geht es ihr mit der großen Verantwortung? "Zwischendrin sackt die Stimmung manchmal weg. Ich hab fünfmal drüber hinweg gelesen und beim sechsten Mal ist das und das aufgetaucht…" Graeber schüttelt den Kopf. "Aber im Großen und Ganzen haben wir ein gutes Gefühl, weil mit jedem Korrekturgang die gefundenen Dinge weniger oder auch unbedeutender geworden sind." Jetzt ist die Bibel im Druck, es kann nichts mehr korrigiert werden. "Ich warte auf den Tag, an dem der erste peinliche Fehler gemeldet wird. Da kann man nicht sicher sein", sagt Annette Graeber.

Sicher kann man auch nicht sein, wie schnell sich die neuen Bibeln verkaufen. Ihre Vorgängerin, die Lutherbibel 1984, ging bisher rund acht Millionen Mal über die Ladentische. "Auch die neue Lutherbibel wird eine Millionenauflage erreichen – aber wie schnell das geht, wissen wir nicht", sagt Generalsekretär Christoph Rösel. "Die spannende Frage ist: Was passiert 2018/19/20? Welche Akzeptanz findet die Lutherbibel weiterhin?" Die neue Übersetzung sei eben eine "anspruchsvolle Bibelausgabe". Zwar haben die Kirchen schon rund 10.000 Altarbibeln vorbestellt und auch Pfarrerinnen und Pfarrer werden sie brauchen, doch "der Buchhandel wird sich erst orientieren müssen", so Rösels Einschätzung. 

Was tun sie jetzt bei der Deutschen Bibelgesellschaft, während in Nördlingen die Druckmaschinen laufen? "Wir haben noch ganz  schön viel Arbeit vor uns", sagt Hannelore Jahr. Texte für die Stuttgarter Erklärungsbibel müssen überarbeitet werden, ebenso wie Sonderseiten der "Für Dich"-Ausgabe. Rufus Beck ist dabei, die Hörbibel einzusprechen, und die muss anschließend korrekturgehört werden – auch ein Profi kann sich schließlich mal versprechen. Annette Graeber bringt die Dateien für die elektronischen Ausgaben in die passenden Formate. Volker Mehnert arbeitet am Satz des E-Books und bereitet schon die nächsten Ausgaben vor: Die Großdruckbibel sowie die mit Bildern von Michelangelo und Chagall.

Besonders viel zu tun hat in den Wochen vor dem Erstverkaufstag Gisela Liedtke. Sie leitet das Marketing, bereitet Material für die Buchhandlungen vor, betreut die neue Website der Deutschen Bibelgesellschaft und macht die App bekannt. Alles läuft auf den 19. Oktober zu, Erstverkaufstag und Start der Frankfurter Buchmesse – diesmal mit doppelt so großem Stand wie sonst und mit einigen Veranstaltungen. Schließlich ist die Lutherbibel seit fast 500 Jahren im Buchhandel, "ein Buch, das von keinem anderen getoppt werden kann", ist Generalsekretär Christoph Rösel überzeugt.

Braucht die Bibel überhaupt so viel Werbung? "Für uns ist es schön, dass es mit dem Reformationsjubiläum verbunden ist, aber das ist kein Selbstläufer", sagt Gisela Liedtke. "Ich glaube, dass man inzwischen für die Einführung einer neuen Bibel richtig viel tun muss." Schließlich ist die Konkurrenz groß, es sind viele verschiedene Bibelübersetzungen auf dem Markt, nicht nur von der Deutschen Bibelgesellschaft. Gisela Liedtke bringt Broschüren, Plakate, Flyer, Filme in Umlauf – ganz Deutschland soll erfahren, dass es die neue Lutherbibel 2017 gibt.