Immer dem Höllen-Monster hinterher

Detail des rechten Seitenflügels des Triptychons "Garten der Lüste" zeigt ein Ohrenpaar mit Messer

Foto: akg-images/Joseph Martin

Detail aus dem rechten Seitenflügel des Triptychons "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch.

Immer dem Höllen-Monster hinterher
Hieronymus Bosch aus evangelischer Sicht
Schauerlich, abgründig, aber faszinierend. Die Bilder des apokalyptischen Endzeit-Malers Hieronymus Bosch lösen bis heute Gruselgefühle aus. Der niederländische Maler starb im August vor fünf Jahrhunderten und war damals eine Art Mega-Star. Fürsten kauften seine Bilder und Generationen von Malern versuchten Bosch zu kopieren. Am 9. August 1516 wurde Hieronymus Bosch beerdigt.

Hieronymus Boschs Bilder zeigen Fratzen mit aufgerissenem Schlund im Gestein, verunstaltete Monster, die Menschen in die Unterwelt führen und foltern. Es sind Verführer, Quaksalber, Ahnungslose zwischen Glückspielsüchtigen, Fresssüchtigen, Macht- und Geldgierigen. Ob seine Bilder eine Ermahnung sind vor allzu lasterhaftem Leben – darüber ist viel gerätselt worden.

Der Theologe und Kultur-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen meint, dass Bosch Andachtsbilder malte. "Bilder, in die man sich meditativ hineinversenkt hat, um sich auch religiös zu erbauen", sagt er. Zwar könne man sich das heute schwer vorstellen. Weil die Bilder nicht den Klischees entsprechen, die man sich von heiligen Bildern macht; mit der holden Maria und dem lieben Herrn Jesus. Bosch-Bilder seien eben "krass, abstrus und verrückt" und erinnerten mehr an Comics und Wimmelbilder.

Ein Beispiel für den meditativen Charakter: Boschs Bild "Der Heuwagen" zeigt eine Prozession von Menschen, auch Fürsten und Kleriker sind dabei. Sie alle folgen einem riesigen schwer beladenen Heuwagen. Einige Bauern versuchen noch etwas von dem Heu zu stehlen. Doch die Prozession wird ganz vorne von Monstern gesteuert. Die Parade führt geradewegs in die Hölle hinein. Vermutlich stand das Heu schon damals sinnbildlich für Geld, Gier und Macht.

Im August vor 500 Jahren starb Hieronymus Bosch in den Niederlanden. Seine Bilder wirken heute noch rätselhaft und erschreckend zugleich – wie "Der Heuwagen".

Claussen sagt, dass man den Heuwagen, auch als "Bild für ein verfehltes Leben" sehen kann, das ganz im Irdischen verbleibt. Das Heu als Inbegriff dessen, was verwelkt, was gemäht wird, was gefressen wird. Es sei zwar Besitz, aber wie alles Irdische auch "hohl, leer und gedroschen". Heute seien die Menschen zwar "nicht mehr so heuorientiert, aber geldorientiert". Insofern wäre das "eine schöne ironische Betrachtung, den Heuhaufen als einen großen Geldhaufen zu sehen". Man könnte das noch moderner denken: Menschen, die absurde Börsengeschäfte einfädeln, die andere massiv schädigen oder Spekulationen über Getreidepreise, die die Bauern plötzlich ins Unglück stürzen.

Der Weg in den Abgrund

Was an dem Bild "Der Heuwagen" so bedrückt, ist die Entschlossenheit mit der sich die Menschen dieser Prozession in die Hölle anschließen - den eigenen Untergang vor Augen. Den Theologen Claussen wundert das nicht: Das sei "eine der erstaunlichsten und schrecklichsten Menschheitserfahrungen. Und die machen wir heute auch. Die Menschen sehen ja, was ist. Sie sehen die Probleme. Sie sehen den Abgrund, sie sehen die Fehlorientierung, sie gehen aber trotzdem hinein." Das werden vielleicht spätere Generationen über uns sagen. Die Zeichen seien an die Wand gemalt: die ökologische Katastrophe, Völkerwanderungen, große Kriege und Unsicherheit. "Und doch findet keine Kehrtwende statt. Es geht so weiter in den Abgrund hinein."

Vor diesem Hintergrund kann man Bosch auch als getriebenen Menschen wahrnehmen. Vielleicht wollte er diese inneren Bilder, diese Gefahren auf die Leinwand bannen, um sie besser zu beherrschen. Claussen schätzt, dass Bosch ein sehr freier Denker war. "Auch wenn er sehr fromm gewesen sein mag, er war ein ganz feiner, auch kühl auf die Menschen guckender, souveräner Geist." Bosch sei jemand, der nicht nur eine "überbordende Fantasie hatte. Er hatte Bilder in sich, die ihn "gefesselt, gepeinigt und angetrieben" hätten. Darin sei er Franz Kafka sehr ähnlich, so Claussen, der immer aus einem Bilderlebnis herausgeschrieben habe. Der verwandelte Käfer, die Höllenfuttermaschine, die singende Mausekönigin. Ähnlich könnte auch Bosch seine Bilder wie in einem Rausch gemalt haben.

Bosch zeigt immer wieder geschundene Körper. Er zeigt Schmerz und Leiden, auch sexuelle Fantasien. Lust oder das Leiden an der Lust. Er zeigt Verformungen des Menschlichen und vor allem Angst. Johann Hinrich Claussen möchte das nicht gleich pädagogisch funktionalisieren, sondern alleine dem Bild einen Raum geben, "was wir in unserem Bewussten, auch Unterbewussten in uns haben". Diese Motive in ein Bild gebracht könnten durchaus in der Kirche hängen oder in einem Andachtsraum. Man könnte Bosch auch für die persönliche Andacht in einem eigenen Kämmerlein nutzen.

Die Hamburger Hauptkirche St. Petri hat diese Idee zum 500. Todesjahr von Bosch für ihre Sommernächte aufgegriffen. Die kürzlich verstorbene Hauptpastorin Martina Severin-Kaiser wählte mit ihren Kollegen Bosch-Bilder für diese Reihe – um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen im Altarraum.

Ein "Kitzel des Horrors"

"Bosch hat mit seinen Bildern einen Nerv getroffen. Er faszinierte Menschen über die Jahrhunderte", sagte die Pastorin. "Ich glaube, dass er in Umbruchszeiten eine enorme Konjunktur hatte. Er kommt aus einer Umbruchszeit und dort stehen wir heute auch drin." Auch damals gab es eine unglaubliche Armut neben wahnsinnigem Überfluss und Reichtum – ein "Kitzel des Horrors". Und damals wie heute hätten die Menschen "Angst vor Gewalt, Krieg und eine unbändige Natur" gehabt. Sie wollte im Gespräch ergründen, ob nicht jede Generation bei bestimmten Motiven von Bosch besonders nachhakt. Statt unbändiger Natur gruseln wir uns heute vielleicht vor den Möglichkeiten kreativer Biologie, sagte sie.

Nun werden die Pastoren von St. Petri dieses Thema ohne Martina Severin-Kaiser ergründen. Wichtig war der engagierten Ökumene-Pastorin, dass bei der Betrachtung eine neue Perspektive angeboten wird. Bei allem Grusel, den der Maler bedient, man solle nicht bedrückt sondern bereichert aus den Sommernächten gehen.

Auch wenn Bosch in der Höllendarstellung wahrscheinlich zu Hause war: Mittelalterliche Endzeitvorstellungen sind den Menschen heute eher fremd. Gerade Boschs Spurensuche fortzusetzen, mache aber den Reiz aus, sagt Johann Hinrich Claussen. Bosch sei ungeheuer modern – denn die Aufgabe moderner Kunst sei es zu irritieren, Bilder zu brechen, Vorstellungen in Frage zu stellen. Und das schafft von den vormodernen Malern kaum einer so wie Hieronymus Bosch.

Die Hamburger Hauptkirche St. Petri widmet dem Maler Bosch und seinen Werken vier Sommernächte. Am 28. Juli, 5.,12. und 19. August 2016 von 21 bis 23 Uhr, stellen die Pastoren Kunstwerke vor, laden zu Diskussion ein. Ergänzt von Filmen, musikalischen Interpretationen auf Harfe oder Akkordeon, Gitarre und Saxophon.