Glücksgefühl, Spaß und Gemeinschaft

Der "Night of the Hymns"-Projektchor bei einem Konzert im Mai 2015.

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Der "Night of the Hymns"-Projektchor bei einem Konzert im Mai 2015.

Glücksgefühl, Spaß und Gemeinschaft
Im ZDF-Gottesdienst am 24. Juli werden Hymnen zu hören sein
Singen macht Freude. Gemeinsames Singen verbindet. Und das Singen von Kirchenhymnen kann sogar den Glauben stärken. Das findet zumindest der Münsteraner Popkantor und Musikproduzent Hans Werner Scharnowski. Zusammen mit dem Komponisten Christian Schnarr hat er das Hymnen-Projekt initiiert - eine Sammlung älterer und neuerer geistlicher Hymnen. Einige der Stücke werden beim ZDF-Fernsehgottesdienst (24. Juli ab 9.30 Uhr) in der Stuttgarter Leonhardskirche zu hören sein.

Herr Scharnowski, was sind geistliche Hymnen eigentlich genau?

Hans Werner Scharnowski: Geistliche Hymnen sind Lieder mit einer ganz großartigen Melodie. Eine, die sehr angenehm und eingänglich klingt. Und das ganze verbunden mit einem geistlichen Text. Diese Kombination aus großen Melodien und starken Inhalten: Das macht für mich eine geistliche Hymne aus. Beispiele dafür sind etwa Alberts Freys "König Jesus", Stuart Townends "In Christ alone" und "Unser Vater" von Christoph Zehendner.

Haben Hymnen auch bestimmte musikalische Kennzeichen?

Scharnowski: Ja, sie zeichnen sich durch einen hohen Anteil an melodischer Qualität aus. Viele moderne Lieder leben ja eher von einem ganz starken Rhythmus und von eher weniger melodischen Anteilen. Sie kommen mit weniger Tönen aus. Dafür brauchen viele moderne Stücke eine ganze Band, sonst funktionieren sie nicht. Eine geistliche Hymne könnte man umgekehrt auch nur mit einem Klavier begleiten. Wenn man die Melodie hört, lädt sie einfach zum Mitsingen ein.

Seit etwa einem Jahr sind Sie mit Ihrem Kollegen Christian Schnarr in ganz Deutschland mit Ihrem Projekt "Night of the Hymns" auf Tour. Auch den ZDF-Fernsehgottesdienst am 24. Juli sollen einige Ihrer Stücke begleiten. Wie muss man sich ein so hymnisches Konzert vorstellen?

Scharnowski: Die Zuhörer werden bei fast jedem Titel zum Mitsingen eingeladen. Dazu projizieren wir die Refrains auf eine Leinwand und erklären ein bisschen den Zusammenhang und worauf die Hymnen hinweisen sollen. Da entsteht dann ein ganz großes und emotionales Wir-Gefühl.

Diese Eigenschaft der Hymnen wurde in der Vergangenheit auch ausgenutzt, etwa von den Nationalsozialisten. Ihnen dienten die Stücke als Propagandainstrument. Dürfen geistliche Hymnen heute überhaupt noch gesungen werden?

Scharnowski: Das wird genau das Thema des ZDF-Fernsehgottesdienstes sein. Ich sage: Doch, auch Hymnen kann man heute noch singen. Wir haben leider in Deutschland erfahren, dass der gemeinsame Gesang gerade nach dem Zweiten Weltkrieg in Verruf geraten ist. In den 20 bis 30 Jahren zuvor wurde der Gesang von der Politik in Richtung eines falschen Menschenbildes manipuliert. Trotzdem sind wir froh, dass man heute wieder viel gemeinsam singt. Der gemeinsame Gesang ist in der Öffentlichkeit wieder total in.

Woran liegt das?

Scharnowski: Das ist einfach ein Glücksgefühl, das ist ganz viel Spaß, wenn man zusammen singt. Erleben Sie doch nur einmal, wenn im Stadion "You'll never walk alone" gesungen wird. Das ist im Prinzip genau das gleiche. Nur warum findet man so einen tollen Gesang nur in Stadien? Warum finden wir das in unseren Gemeinden nicht mehr? Weil wir uns damit zufrieden geben, dass wir eine Kunstform bedienen, für die immer weniger Menschen das Verständnis haben, nämlich Kirchenlieder mit Orgelbegleitung.

Kirchenmusik ist also veraltet.

Scharnowski: Es braucht zumindest Angebote, damit Singen in der Kirche wieder als lustvoll erlebt wird und nicht nur als eine vertonte Kopfsache. Mit Texten, die teilweise zu verklausuliert sind. Viele Menschen haben nicht mehr die Fähigkeit, sie als Kunsttexte zu verstehen. Weil da viele Vokabeln drinstecken, zu denen man keinen Bezug mehr hat.

Kirchenlieder müssten also modern überarbeitet werden?

Scharnowski: Entweder das oder man muss einfach mehr neue Musik zulassen. In der Präambel des Kirchenmusikgesetzes der Evangelischen Kirche von Westfalen steht, dass die Kirchenmusiker in Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen "alte und neue geistliche Musik zum Klingen bringen" sollen. Hier entdeckt die Kirche gerade einen ganz großen Bedarf.

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Sie sind seit rund einem Jahr als Kantor für kirchliche Popularmusik beim Kirchenkreis Münster angestellt. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Scharnowski: Meine Aufgabe ist es, das klassische Spektrum der Kirchenmusik durch christliche Popmusik zu ergänzen. Ein Teil davon sind die Hymnen. Aber es gibt auch rockigere und groovigere Lieder. Für das "Amazing Grace"-Musicalprojekt hatte ich zu einem offenen Chorsingen eingeladen. Ich hatte mit 400 Leuten gerechnet, wir waren dann 800. Davon waren etwa 70 Prozent Menschen, die nicht in Chören singen, sondern Menschen, die gern mal singen, die sich für ein Projekt weit aus dem Fenster lehnen und da richtig viel Energie reinstecken.

Also Musik zum Mitsingen für jedermann.

Scharnowski: Ganz genau. Und so etwas möchte ich in Münster gern zwei Mal im Jahr machen. Deshalb habe ich jetzt ein Gospel-Projekt ins Leben gerufen. Dafür haben sich bereits über 150 Leute angemeldet.

Warum ist es Ihnen so wichtig, den Kirchengesang neu aufleben zu lassen?

Scharnowski: Weil das gemeinsame Singen glaubensstärkend sein kann. Das ist auf jeden Fall ein ganz starkes Gemeinschaftsgefühl. Wenn man diese Lieder mit Glaubensinhalten verbindet und die Leute mitsingen, dann haben sie dadurch ein ursprüngliches geistliches Erlebnis und das ist ganz wichtig.