Kurswechsel in Kassel?

Ein Mann steht auf der Straße neben einem Pfeil, der zwei unterschiedliche Richtungen anzeigt.

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Auch im evangelikalen Bereich könne von einem Auseinanderdriften eines eher liberalen und eher konservativen Lagers gesprochen werden, sagt die Theologin Gisa Bauer.

Kurswechsel in Kassel?
Der aktuelle Streit über das Verständnis der Bibel lässt eine weitere Pluralisierung in der theologisch-konservativen Bewegung im deutschen Protestantismus erwarten: Auch unter Evangelikalen gibt es mittlerweile zwei Lager.

Die Einladung nach Kassel birgt Konfliktstoff. Am Samstag wollen theologisch-konservative Protestanten in Nordhessen über den künftigen Kurs der Evangelikalen debattieren. Die Initiative dazu geht vom streitbaren früheren Generalsekretär des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM), Ulrich Parzany, aus.

"Wo gehen wir hin?", schreibt Parzany in einem Memorandum angesichts der Differenzen, wie sich Evangelikale in den Auseinandersetzungen über Bibelverständnis und ethische Fragen zu verhalten haben. "Wir brauchen den entschiedenen Widerstand gegen die Irrlehren, die in den evangelischen Kirchen zum Teil ausdrücklich vertreten und gefördert werden", dringt der und frühere "ProChrist"-Hauptredner auf Klärungsbedarf und regt ein deutschlandweites "Netzwerk Bibel und Bekenntnis" an.

Annäherung unter EKD-Ratschef Huber

Auslöser für den Streit im evangelikalen Bereich sind Äußerungen von Präses Michael Diener vom Gnadauer Gemeinschaftsverband. Diener, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und seit November Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hatte frommen Protestanten empfohlen, in Fragen der Sexualethik selbstkritischer zu sein und sich weniger gegen die Landeskirchen abzuschotten. Dass Diener auch bei dem Reizthema Homosexualität evangelikalen Christen zu einer differenzierten Sicht riet, trug dem Pfarrer massive Kritik ein.

Für den evangelischen Theologieprofessor Peter Zimmerling ist die Auseinandersetzung Ausdruck einer Pluralisierung und Modernisierung in der evangelikalen Bewegung. Unterschiedlich geprägte Vertreter des theologisch-konservativen Spektrums im deutschen Protestantismus prallten dabei aufeinander. Vizepräsident Thies Gundlach vom EKD-Kirchenamt erinnert die Kontroverse an den innerevangelischen Streit über Homosexualität vergangener Jahre. Eine differenziertes Bibelverständnis sei weder "mit Machtworten der Eindeutigkeit oder mit Beschwörung von Bekenntnistreue vom Tisch zu wischen".

Gundlach kontert den Vorwurf, in der evangelischen Kirche würden Irrlehren vertreten. Die unterschiedlichen Glaubenshaltungen im "großen Garten Gottes" wirkten dann gut zusammen, "wenn niemand mit der Kategorie 'Irrglauben' hantiert", sagt er.



Nachdem über Jahrzehnte zwischen Evangelikalen und evangelischer Kirche Dauerkonflikte herrschten, kam es unter dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber zu einer Entspannung. Huber wandte sich gegen die Ausgrenzung der mehr als eine Million frommen Christen der evangelikalen Bewegung als Fundamentalisten. Die Annäherung von EKD und Evangelikalen zählt Huber, der bis 2009 die Protestanten repräsentierte, im Rückblick zu den "verheißungsvollsten Entwicklungen" in der evangelischen Kirche in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Auch Professor Zimmerling beobachtet Entspannung. Zur Überwindung der früheren Polarisierung habe die Leipziger EKD-Synode 1999 maßgeblich beigetragen, sagt der Theologe, der an der Universität Leipzig zu evangelischer Mystik und charismatischen Bewegungen forscht. Vor der Folie fortschreitender Säkularisierung, nicht zuletzt mit der deutschen Einheit, befasste sich die Synode mit dem Thema Mission. Mit dem Befund, dass mit dem "Herzschlag der Kirche" etwas nicht in Ordnung sei, wenn Mission und Evangelisation nicht Sache der ganzen Kirche wird, wurde laut Zimmerling ein zentrales Anliegen der Evangelikalen aufgegriffen.

Die Lager driften auseinander

Der pietistisch geprägte Gnadauer Gemeinschaftsverband sprach Präses Diener, der nach dem Fernsehmoderator Peter Hahne und der Württembergerin Tabea Dölker die Stimme des evangelikalen Flügels im Rat der EKD ist, nach der Parzany-Kritik sein volles Vertrauen aus. Die Rückendeckung für den Vorsitzenden Diener in der Deutschen Evangelischen Allianz, in der das bunte Spektrum bibeltreuer Gemeinschaften und Werke vereint ist, fiel verhaltener aus.

Die Beratungen am Samstag in Kassel über den Kurs der evangelikalen Strömung könnten in eine weitere Ausdifferenzierung münden, sagt die Theologin Gisa Bauer, die über das spannungsreiche Verhältnis von evangelischer Kirche und Evangelikalen ihre Habilitation geschrieben hat. Schon jetzt seien die Evangelikalen plural aufgestellt. Inzwischen könne auch im evangelikalen Bereich von einem Auseinanderdriften eines eher liberalen und eher konservativen Lagers gesprochen werden.

Die evangelikale Bewegung hat ihre Wurzeln im Pietismus und Methodismus sowie in der deutschen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Vorläufer der heutigen Organisationsvielfalt im evangelikalen Bereich sind Bibel- und Missionsgesellschaften, CVJM sowie die evangelischen Gemeinschaften, die sich 1888 in Gnadau bei Magdeburg zu einer ersten Pfingstkonferenz versammelten. Einen Schub erlebte die evangelikale Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zuletzt durch Evangelisationen, etwa mit dem US-amerikanischen Prediger Billy Graham. Es entstanden Freikirchen, Vereine, unabhängige Gemeinden, charismatische Gruppierungen und missionarische Zentren. Ganz überwiegend sind sie in der Deutschen Evangelischen Allianz vereint, die nach eigenen Angaben rund 1,3 Millionen Sympathisanten aus evangelischen Landeskirchen und Freikirchen zählt. Ein weiterer Hauptakteur ist der Gnadauer Gemeinschaftsverband, der sich den Landeskirchen zuordnet.

Vor allem der evangelische Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) mit seiner Forderung nach einer "Entmythologisierung" des Neuen Testaments stieß bei bibeltreuen Christen auf Protest und beschleunigte die Organisation evangelikaler Gruppen, die an der Autorität von Bibel und Bekenntnis festhielten. Einen wichtigen Einschnitt markierte der Dortmunder Bekenntnistag 1966. In der Folge kam es zu heftigen Konflikten zwischen evangelikaler Bewegung und evangelischer Kirche. Zu einer Annäherung der unterschiedlichen Frömmigkeitsrichtungen kam es nach 1990. So unterstützen EKD-Repräsentanten und einzelne Bischöfe etwa Evangelisationsveranstaltungen "ProChrist".

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