"Man wird innerlich stärker, wenn man verzeiht"

"Großes Herz"

Foto: stocksy/Gabriel Bucataru

"Großes Herz" lautet diesmal das Motto der Fastenaktion der EKD "7 Wochen ohne Enge".

"Man wird innerlich stärker, wenn man verzeiht"
Raus aus der Routine, mal einen neuen Blick wagen, dazu ruft die evangelische Aktion "7 Wochen Ohne" auf. Dieses Jahr geht es um das "große Herz": Wer sein Herz weit macht, kann vieles gewinnen, zum Beispiel die Chance auf Versöhnung. Wie gut das tut, zeigen Beispiele aus dem Täter-Opfer-Ausgleich.

Offen sein für Menschen fremder Kulturen, anderen ihren Erfolg gönnen oder jemanden einladen, den man nicht kennt - in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern sollten die Menschen "einfach mal mit einem weiten Herzen experimentieren und sehen was geschieht, wenn sie sich öffnen", erklärt Susanne Breit-Keßler. Die Münchner Regionalbischöfin ist Kuratoriumsvorsitzende der Fastenaktion "7 Wochen Ohne" der Evangelischen Kirche in Deutschland. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto "Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge".

Die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Kuratoriumsvorsitzende der Fastenaktion "7 Wochen Ohne".

Auch einem Mitmenschen einen Fehler zu verzeihen und sich zu versöhnen, zeugt von einem großen Herzen. "Verzeihen ist etwas Herrliches. So kann man wieder miteinander glücklich sein", sagt Breit-Keßler. Dass das vielen Menschen schwer fällt, weiß die Theologin. Denn: "Viele haben Angst, eine Machtposition zu verlieren, wenn sie verzeihen." Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: "Man wird innerlich stärker, wenn man verzeiht."

Bildergalerie

Fastenzeit: Schon sieben Jahre ohne Langeweile

Fasten: 7 Wochen ohne Geiz

Foto: Silke Wernet

Fasten: 7 Wochen ohne Geiz

Foto: Silke Wernet

Vom ersten Motto des neuen "7 Wochen Ohne" werden einige irritiert gewesen sein: Eine Fastenaktion fordert zum Verschwenden auf? Das Kuratorium hat sich dafür entschieden, weil die Menschen in unserer Welt dringend einen Frühling der Herzen brauchen: Verschwendung von Zeit, Geld und Liebe! Wenn alle aufhören, mit ihren Gaben zu geizen – seien sie materieller, seelischer oder geistiger Art –, dann taut das Eis in den Herzen.
Seit 2008 lädt die Aktion "7 Wochen Ohne" jedes Jahr vor Ostern zu einer besonderen Art des Verzichtens ein, die am Ende dann doch Gewinn bringen kann.

Fasten: 7 Wochen ohne Zaudern

Foto: Anja Lehmann

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, ein Kind in die Welt zu setzen? Sollte man nicht zuerst einen sicheren Job haben und eine vernünftige Wohnung? Und wann ist der Tag gekommen, über das Wohnen im Alter nachzudenken? Hat das nicht noch viel, viel Zeit? Patientenverfügung, Testament? In der Fastenzeit 2009 ging es darum, sich vom Ballast vor sich her geschobener Entscheidungen zu befreien.

Oder wie es Paul Gerhardt formuliert hat:

"Unverzagt und ohne Grauen
soll ein Christ, wo er ist,
stets sich lassen schauen.
Wollt ihn auch der Tod aufreiben,
soll der Mut dennoch gut
und fein stille bleiben."

Fasten: 7 Wochen ohne Scheu

Foto: Katja Hoffmann

Unsere vernetzte Welt bietet widersprüchlichen Luxus: Kontakte rund um den Globus, aber nicht mit den eigenen Nachbarn. Die virtuellen Verknüpfungen im globalen Dorf machen vieles schneller, einfacher und bequemer – aber die Wege zueinander werden doch nicht kürzer. Gemeinschaft lebt von der Begegnung – von Angesicht zu Angesicht, mit offenem Visier, ohne doppelten Boden.
"7 Wochen Ohne" im Jahr 2010 ermunterte zu leibhaftiger Nähe. Zu einem Streitgespräch, einem Krankenbesuch oder einer überfälligen Liebeserklärung. Zu allem, was nicht in eine SMS oder E-Mail passt.
"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" – das ist Gottes Absicht und zugleich ein Segen.

Fasten: 7 Wochen ohne Ausreden

Foto: Jan von Holleben

Der Ehrliche ist immer der Dumme. Nicht nur in Bewerbungs­schreiben oder Steuererklärungen wird die Wahrheit deshalb gern "gerundet", auch Missgeschicke und Rücksichts­losigkeiten im Miteinander kaschiert man gern mit einer guten Story. Doch wer sich mit Ausreden aus einer misslichen Lage befreit, vertuscht damit nicht nur seine Fehler, sondern auch immer ein bisschen sich selbst. Wer nicht aufrichtig zu seinen Taten stehen kann, dem kommt mitunter der aufrechte Gang ganz abhanden.
Das Motto "Ich war's! Sieben Wochen ohne Ausreden" war durchaus als Befreiungsschrei gedacht: Aussteigen aus dem Schwarzen-Peter-Spiel. "Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache", schreibt Paulus an die Korinther (1. Kor 1,27). Damit hat der ehrliche Dumme einen starken Partner, der für ihn einsteht.

Fasten: 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz

Foto: Sebastian Arlt

"Jeden Tag ein bisschen besser" – mit diesem Slogan preist nicht nur die Werbung ihren Ehrgeiz. Auch Eltern, Lehrer, Arbeitgeber könnten in das Credo einstimmen. Nach den jüngsten Erfolgen werden immer gleich die neuen Ziele ausgerufen. Was gestern gut war, muss morgen überboten werden: Die Skala ist nach oben immer offen. Jeder könnte ­besser, schneller, attraktiver sein.
"Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz", das klingt auf diesem Hintergrund wie eine Aufforderung zum Scheitern. "Gut ­genug!", lautete die Botschaft der Fastenaktion 2012. Als Christen ist uns gesagt: Jenseits allen ­Werkelns hat der Mensch einen Wert an sich. "Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt", so besingt Psalm 8 Gottes gute Schöpfung, den Menschen.

Fasten: 7 Wochen ohne Vorsicht

Foto: Paula Winkler

In der Bibel wimmelt es von unvorsichtigen Männern und Frauen. Menschen, die übers Wasser laufen, Hochschwangeren, die auf Reisen gehen, ohne auch nur ein Hotel zu buchen. Da sind Leute, die von jetzt auf gleich Job, Haus und Hof verlassen, und ein unstudierter Wanderprediger, der es sich mit Staat und Klerus gleichzeitig verscherzt.
"Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist", heißt es in Josua 1,9. Man sollte sich von den Hasardeuren der Bibel inspirieren lassen und gelegentlich auf die Fangnetze und doppelten Böden im Leben verzichten. Es reichen die kleinen Wagnisse, um etwas in Bewegung zu bringen: einmal freihändig balancierend etwas Neues ausprobieren oder ein offenes Wort wagen und den folgenden Streit riskieren.

Fasten: 7 Wochen ohne falsche Gewissheiten

Foto: Katrin Binner

Wer vor dem Reden das Gehirn einschaltet, wie es ein alter Kalauer empfiehlt, weiß, was er sagt und tut. Das aber ist gar nicht so gewiss: Wie viele ungeprüfte Gemeinplätze lagern da so in unserem Oberstübchen? Bahnfahren ist ökologisch sauberer als Autoverkehr, Kinder verbringen zu viel Zeit am Bildschirm und von Süßigkeiten bekommt man Pickel – das klingt alles richtig und ist schnell mehrheitsfähig.
Aber stimmt das – und wie will ich das selber handhaben? Es braucht Mut, um Gewohnheiten und Traditionen infrage zu stellen – im Job, in der Familie oder in der Kirche.
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!", ruft Paulus seinen Gemeinden zu (Galater 5,1). In dieser Freiheit können sich neue Spielräume für Worte und Taten eröffnen.

Fasten: 7 Wochen ohne Runtermachen

Foto: Silke Weinsheimer

Alles so schön, rund herum: Von der Shampoo­flasche bis zum Geräusch beim Schließen einer Autotür wird heute alles durchdesignt, um zu gefallen. Und die ästhetische Perfektion des bunten Warenkosmos gilt längst auch für Menschen: kaum mehr eine Körperzone, die nicht für Optimierung infrage käme.
Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Studien zufolge empfinden die meisten Menschen eben­mäßige Züge und harmonische Formen als schön. Die Lebenserfahrung aber zeigt, dass es das Eigenwillige und Besondere ist, was wir ins Herz schließen: die Zahnlücke, die beim Lächeln sichtbar wird, den Hund mit dem ewig abgeknickten Ohr, den Humor der Kollegin.
Wir laden Sie ein, in der Fastenzeit 2015 aus vollem Herzen zu sagen: "Du bist schön!" – zum Menschen an Ihrer Seite wie auch dem eigenen Spiegelbild. "Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet" (Chris­tian Morgenstern).

Fasten: 7 Wochen ohne Enge

Foto: Anna Thut

Das Pump-Organ im Brustkorb steht nach biblischem Verständnis nicht für die Blutzirkulation, sondern für den ganzen Menschen mit all seinem Denken, Fühlen und Wollen. Das Herz ist außerdem ein "hörendes" Organ, das seine Ohren weit aufsperrt für die Stimme Gottes - so wie bei König Salomo: "So gib denn deinem Knecht ein hörendes Herz, dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen Gut und Böse", bittet Salomo Gott. Je weiter wir das Herz öffnen, desto mehr kann Gott einfüllen - und umso mehr kann dann auch wieder herausfließen: Das "große Herz" steht für Offenheit gegenüber unseren Mitmenschen, für Gastfreundschaft, Lieben, Verzeihen und Schenken. "Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge" lautet das Motto bei "7 Wochen Ohne" ab dem 10. Februar 2016.

2017: Augenblick mal! Sieben Wochen ohne Sofort

Foto: PR

Das weiß auch Barbara Ade. Sie vermittelt seit 15 Jahren beim Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg zwischen Tätern und Opfern von Straftaten. Als Mediatorin versucht sie, mit ihnen eine gemeinsame, außergerichtliche Einigung zu erzielen. Ihre Erfahrung: Gerade das Verzeihen kann dazu beitragen, dass das Opfer einer Straftat wieder an Selbstvertrauen gewinnt und aus seiner Opferrolle herausfindet.

Einen Vorfall endlich abschließen

Viele Beschuldigte wüssten, dass ihre Tat nur schwer zu entschuldigen sei. Trotzdem biete ein Täter-Opfer-Ausgleich beiden Konfliktparteien Vorteile: "Der Geschädigte kann eine Wiedergutmachung einfordern und der Täter Verantwortung für sein Handeln übernehmen", erklärt die Mediatorin. Und manchmal komme es dann sogar zur Versöhnung.

Wie auch bei den zwei jungen Männern, zwischen denen Ade Ende des vergangenen Jahres vermittelte. Der Täter war wegen Körperverletzung angeklagt. Er hatte auf einen Autofahrer auf dem Parkplatz eines Restaurants eingeprügelt, noch während dieser angeschnallt hinter dem Steuer saß. Der Grund: Der Prügelnde hatte angenommen, der Autofahrer hätte beim Einparken das Kind, auf das er hatte aufpassen sollen, gestreift. In Wirklichkeit war das Kind aber gar nicht angefahren worden. Dennoch habe der Täter "rot gesehen" und sei auf den Autofahrer losgegangen, erzählt Ade.



Anfangs habe der Geschädigte ein Treffen mit dem Angeklagten abgelehnt. Später ist er dann Ades Rat gefolgt und hat einem Täter-Opfer-Ausgleich zugestimmt. Dabei habe sich der Täter sofort beim Opfer entschuldigt: "Er hat sich für sein Verhalten zutiefst geschämt", sagt Ade. Letztlich haben sich die Männer auf ein Schmerzensgeld von 500 Euro geeinigt. "Durch das Treffen mit dem Täter konnte der Geschädigte den Vorfall endlich für sich abschließen. Er konnte verzeihen."

Wie befreiend das sein kann, bestätigt auch der Münchner Psychologe Simon Hahnzog: "Verzeihen bietet uns die Möglichkeit, sich mit Schuld und Last auseinanderzusetzen und diese loszuwerden." Dazu bedürfe es noch nicht einmal einer Entschuldigung. "Verzeihen ist etwas ganz Individuelles. Das geht auch, selbst wenn es dem anderen egal ist", sagt Hahnzog.

Von Angstzuständen bis hin zu einer Depression

Die evangelische Theologin Breit-Keßler sieht das Verzeihen als Teil eines Versöhnungsprozesses: "Zum Verzeihen gehören immer zwei: Der, der wahrhaftig um Verzeihung bittet, muss sein Herz weit machen, und der andere muss sich ebenfalls öffnen und die Bitte um Verzeihung annehmen." Aber: Verzeihen bedeute niemals, dass man das Verhalten des anderen automatisch gutheißen müsse. Und vielleicht gebe es manchmal sogar Dinge, die unverzeihlich seien, sagt Breit-Keßler.

Das Nicht-Verzeihen-Können könne ganz unterschiedliche Auswirkungen haben, je nach Persönlichkeit, sagt Hahnzog: "Das kann von Angstzuständen bis hin zu einer Depression führen." Breit-Keßler rät Menschen, die nicht verzeihen können, über den Konflikt mit einer außenstehenden Person zu sprechen.

Ähnlich wie bei einem Täter-Opfer-Ausgleich. An den Fall mit dem Autofahrer und dem Kind kann sich Barbara Ade gut erinnern: "Vor dem Gespräch mit dem Täter wollte der Geschädigte unbedingt allein am Empfang auf mich warten. Danach gingen beide gemeinsam."

"7 Wochen Ohne" ist die bundesweite jährliche Fastenaktion der evangelischen Kirchen zwischen Aschermittwoch (10. Februar) und Ostern. In der Fasten- oder Passionszeit erinnern Christen an das Leiden und Sterben Jesu Christi und bereiten sich auf Ostern vor, auf die Botschaft von der Auferstehung. Die Aktion "7 Wochen Ohne" soll helfen, diese Wochen bewusst zu erleben und zu gestalten. Die Kampagne steht in diesem Jahr unter dem Motto "Großes Herz! - Sieben Wochen ohne Enge". Der zentrale Eröffnungsgottesdienst findet am 14. Februar in der Auferstehungskirche Nassig in Wertheim nahe Würzburg statt. Das ZDF überträgt ihn live ab 9.30 Uhr.