Anglikanische Kirche im Richtungsstreit

Anglikanische Kirche

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Kommende Woche treffen sich die Oberhäupter der anglikanischen Kirche. Es geht um "sehr, sehr schwierige Angelegenheiten", sagt Justin Welby, Erzbischof von Canterbury.

Anglikanische Kirche im Richtungsstreit
Ein Ei gleicht nicht dem anderen - Bischöfe streiten über Frauenordination und Homosexualität
Es rumort schon länger bei den Anglikanern. Umgang mit Homosexualität und Bischofsweihe für Frauen sind zwei Themen, bei denen schwere Konflikte sichtbar werden. Ein Krisentreffen in der nächsten Woche soll für Klärung sorgen.

Die Einladung kam überraschend. Im September hatte der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, die Oberhäupter aller anglikanischen Kirchenprovinzen eingeladen, im Januar zu einem Treffen ins südenglische Canterbury zu kommen. Leitende Geistliche aus 38 anglikanischen Kirchenprovinzen werden sich nun in der kommenden Woche treffen, um dringende Angelegenheiten der anglikanischen Gemeinschaft zu besprechen. Das letzte Treffen hatte es 2011 unter der Leitung von Welbys Vorgänger, Rowan Williams, gegeben. Das "Primaten-Treffen" in der nächsten Woche ist das erste unter der Leitung Welbys. Der Erzbischof von Canterbury ist traditionell Ehrenoberhaupt der anglikanischen Konfessionsfamilie mit 85 Millionen Gläubigen in 165 Ländern.

Noch niemals zuvor, seit dem ersten Treffen 1979 im englischen Elby, hatte es einen derart lange Pause zwischen zwei Treffen der leitenden Oberhäupter gegeben. Dabei scheint ein Treffen dringend notwendig, denn die anglikanische Gemeinschaft steckt weltweit in einer Richtungskrise. Bei den Themen Homosexualität und Frauen im Bischofsamt sind die Anglikaner gespalten. Die Kirche von England hatte 2014 zum ersten Mal die Bischofsweihe für Frauen zugelassen. Vor rund einem Jahr wurde die erste Bischöfin geweiht und gerade nahm erstmals eine Bischöfin einen Sitz im britischen Oberhaus ein.

Auch in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland gibt es seit längerem Bischöfinnen. Dies wird von konservativ-traditionalistischen Kirchen, nicht zuletzt in Afrika, abgelehnt. Auch die Kirche von England musste schwere innere Konflikte ausfechten, bevor die Generalsynode der Kirche endlich im zweiten Anlauf einer entsprechenden Gesetzesänderung zustimmte. Zuvor hatte es recht offen ausgetragene Grabenkämpfe zwischen liberalen und traditionalistischen Anglikanern gegeben. Die Traditionalisten drohten mit Abspaltung oder dem "Überlaufen" zur katholischen Kirche. Als die erste Abstimmung in der Generalsynode gescheitert war, flossen Tränen im Saal. Die Kirche von England stand vor einem Scherbenhaufen, der erst mit einer weiteren Gesetzesinitiative beseitigt werden konnte.

Auch beim Thema Homosexualität gibt es Konflikte innerhalb der anglikanischen Weltgemeinschaft und auch innerhalb der "Mutterkirche", der Kirche von England. Während der gesellschaftliche Druck wächst, sich homosexuellen Gläubigen und auch Geistlichen zu öffnen und Homosexualität zu akzeptieren, tut sich die Kirche schwer damit. Die Kirche von England hat ihren Geistlichen untersagt, gleichgeschlechtlich zu heiraten, nachdem Großbritannien die "Ehe für alle" eingeführt hatte. Auch dagegen hatte die Kirche bis zuletzt gekämpft.

Dennoch zeigte sich die Kirche, vor allem nach der Amtseinführung von Justin Welby, gesprächsbereiter als zuvor. So traf sich Welby mit der Homosexuellenorganisation Stonewall und lud diese sogar zu Projekten in anglikanische Schulen ein. Und im Dezember bekannte der Erzbischof von Canterbury, er würde seine Kinder auch dann lieben, wenn eines von ihnen eine Homo-Ehe einginge. An der Eheschließung würde er natürlich teilnehmen, sagte Welby dem britischen Magazin "The Spectator".

Für "Weisheit und Liebe" beten

Anglikanische Kirchen in Entwicklungsländern, speziell in Afrika, lehnen die Frauenordination bis heute vehement ab. Und es gibt anglikanische Kirchenrepräsentanten in Uganda, Nigeria und Kenia, die für die Strafbarkeit von Homosexualität eintreten. Der Lambeth-Konferenz aller anglikanischen Bischöfe, die alle zehn Jahre stattfindet, waren 2008 die traditionalistischen Bischöfe ferngeblieben.

Dass der Erzbischof von Canterbury den Ernst der Lage durchaus erkannt hat, zeigt ein Appell, den er kurz vor dem Treffen veröffentlichte. Er ruft die Gläubigen zu Gebeten für die Beratungen auf. Es stehe außerfrage, dass es bei dem Treffen um "sehr, sehr schwierige Angelegenheiten" gehe, die sowohl die internen Angelegenheiten der anglikanische Weltgemeinschaft als auch die Kirche insgesamt und die Welt betreffen. In einer Videobotschaft rief er die Gläubigen auf, für "Weisheit und Liebe" zu beten, um die Beratungen der Geistlichen zu unterstützen.