Nicht ohne das Alte Testament

Ein Lesezeichen liegt über einer aufgeschlagen Bibelseite, auf der "Das alte Testament" steht.

Foto: imago/Steinach

Nicht ohne das Alte Testament
Wie viel Altes Testament braucht die christliche Kirche? Einer Diskussion in Berlin blieb ausgerechnet ihr Auslöser, Professor Notger Slenczka, fern. Die anwesenden Theologen - christliche und jüdische - debattierten trotzdem und fanden: Na klar braucht die Kirche das Alte Testament.
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Es fing mit einem Artikel in dem Marburger Jahrbuch Theologie XXV im Jahr 2013 an. Dort schrieb Notger Slenczka, Professor für systematische Theologie an der evangelischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität, über "Die Kirche und das Alte Testament". Das fiel zunächst keinem weiter auf, bis, ja bis der deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Alarm schlug, zwei Jahre später! Seit Frühjahr 2015 ist die Debatte im Gange. Denn Slenczka fordert nichts weniger als dass das Alte Testament "eine kanonische Geltung in der Kirche nicht haben sollte", zumindest als akademische Gedankenübung.

Seitdem ist die Aufregung groß. Theologische Kollegen bis hin zu Bischöfen mehrerer Landeskirchen haben sich von Slenczkas Thesen distanziert und diesen scharf angegriffen. Dieser vermisste im Gegenzug die fehlende Bereitschaft zum akademisch-theologischen Diskurs. Dieser sollte jetzt in der Evangelischen Akademie zu Berlin gepflegt werden. Nur Notger Slenczka selbst blieb diesem überraschenderweise fern - trotz vorher gegebener Zusage. Aber auch ohne ihn fand ein fruchtbarer Gedankenaustausch statt: Wie viel Altes Testament braucht die christliche Kirche?

Der Berliner Theologe Rolf Schieder jedenfalls scheut sich nicht, die Positionen seines Kollegen Notger Slenczka zu zitieren. Es gebe durchaus auch Bedenkenswertes an dessen Thesen, zum Beispiel, dass die Verheißungen und Gebote des Alten Testamentes nun einmal ausschließlich Israel und nicht der Kirche gelten. Dass sich Christen also sozusagen in diesen exklusiven Bund hinein mogeln wollten.

"Ich will ganz deutlich sagen, dass ich an dieser Stelle an der Seite von Notger Slenczka stehe und meine, er hat an dieser Stelle einen sehr sehr starken Punkt gemacht, über den wir in den christlichen Kirchen nachdenken müssen. Also Respekt, dass wir das Alte Testament zunächst als das Glaubensdokument des Judentums ansehen und nicht besinnungslos Texte adaptieren, die nicht für uns gemeint sind", sagt Schieder.

"Von der Treue Gottes, die sich durchhält"

So gebe es unter vielen Christen eine gewisse Israel-Vergessenheit, zum Beispiel bei den Worten "Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Friede" (4. Mose 6, 24-26). Das seien die Worte, die Gott dem Aaron gegeben habe, um sie zum Volk Israel zu sprechen. Dass Christen diesen Segen heute auch benutzten, liege daran, dass sie sich mit Jesus Christus in die Heilsgeschichte des biblischen Gottes mit eingeschlossen fühlten. Schieder kennt allerdings Kollegen, "die, nachdem sie darüber intensiv nachgedacht haben", nur noch den trinitarischen Segen sprechen, also die Worte: "Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist."

Aus den Überlegungen aber zu schließen, dass das Alte Testament für die christliche Kirche nun nicht mehr so wichtig sei und daher auch nicht mehr zum Kanon der Bibel zu gehören habe, wehrt Schieder entschieden ab. Denn man würde die vielen Textbezüge in Evangelien, Briefen, in Apokalypse oder der Apostelgeschichte gar nicht ohne das Alte Testament verstehen können. Allein im ersten Kapitel des Neuen Testamentes verweist der Stammbaum Jesu auf dessen Verwandtschaft zum König David. Was wäre die christliche Religion beispielsweise ohne deren Anbindung an die Schöpfungsgeschichte, die Psalmen oder die Propheten?

"Ich selber verstehe das Alte Testament als eine Schrift, die uns sehr viel von der Untreue des Menschen berichtet und von der Treue Gottes, die sich gleichwohl durchhält. Insofern sind auch viele Textpassagen gar nicht zum nachahmen oder normativ gemeint, sondern sie klären uns schlichtweg darüber auf, wozu Menschen fähig sind. Als solches möchte ich auf das Alte Testament unter keinen Umständen verzichten", erklärt Rolf Schieder.

Nun aber habe Slenczka im 21. Jahrhundert mit seinem Artikel an die unseligen Zeiten des deutschen Kulturprotestantismus des 19. bis 20. Jahrhunderts angeknüpft, der in Teilen als antijudaistisch einzustufen ist. Für Friedrich Schleiermacher (1768-1834) etwa war das Alte Testament lediglich das "Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularen Anspruch", das die "Universalität des Religiösen" noch nicht zum Ausdruck bringe, die "eben erst in Jesus von Nazareth erfasst" werde. Die jüdischen Texte seien nur noch eine "theologische Hinterlassenschaft." Für Adolf von Harnack (1851-1930) galt das Judentum als überwunden. Die Religion Jesu habe sich zu einer sittlich höheren Stufe entwickelt, indem sie die bedingungslose und universale Vaterliebe Gottes verkünde. Also empfahl von Harnack, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen. Dass Slenczka nun 70 Jahre nach der Shoa diese Gedanken wieder aufgreift, sorgt in der jüdischen Gemeinschaft für Unruhe.

Rache-Gott gegen Gnade-Gott ist zu einfach

"Slenczka ist ein Fortsetzer dieser antijudaistischen Züge der früheren Theologen. Schleiermacher spricht von einer theologischen Hinterlassenschaft. Das ist eine Herabwürdigung auch der Hinterlasser, die nicht mehr relevant sind und in so weit kann man diese auch schon ad acta tun", warnt Joel Berger, ehemaliger Landesrabbiner von Württemberg.

Auch der Berliner Rabbiner Andreas Nachama sieht die innerprotestantische Debatte mit Skepsis und Sorge. Schließlich könne vom deutschen Kulturprotestantismus eine direkte Linie zu den Deutschen Christen gezogen werden, die alles Jüdische aus der christlichen Bibel und Religion verbannen wollten: "Dass die Christen in Deutschland jetzt zur Position der Deutschen Christen im Dritten Reich zurückkehren, dass sie die Hebräische Bibel, das Alte Testament wieder verbannen wollen, das wird über kurz oder lang wieder dazu führen, dass es einen arischen Jesus geben soll." Auch nach Jahrzehnten scheine der jüdisch-christliche Dialog immer noch ein zartes Pflänzchen zu sein, befürchtet Nachama. Sonst könne solch längst als überwunden geglaubte christliche Theologie gegen die jüdische Religion nicht wieder wie jetzt bei Slenczka artikuliert werden.

Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig, erlebt in den Gemeinden auch eine gewisse neue Begeisterung für das Alte Testament. Daher werde die neue Perikopenordnung, die die Predigttexte für die Gottesdienste vorgibt, künftig doppelt so viele Texte aus dem AT aufweisen als früher. Er empfiehlt, bisher kaum gepredigte Texte wieder neu für sich wahrzunehmen, "eben Texte auch zu lesen, die auf den ersten Blick verstören, die als fremde Texte erscheinen und vielleicht gerade deshalb ganz neue Perspektiven eröffnen können". So habe er zum Beispiel Gesetzestexte mit Gruppen in Gemeinden neu gelesen, "die Speisegesetze aus dem Dritten Buch Mose Kapitel 11 etwa, wenn ich mich plötzlich befrage, wie gehe ich denn mit mir und meinen Lebensmitteln auf dieser Welt um?" Man könne dabei "entdeckten, dass die Bibel uns Anstöße gibt", sagt Deeg.

Die alte kulturprotestantische Vereinseitigung, dort der strafend zornige Rache-Gott Israels, hier der nur gnädige Gott der Liebe im Neuen Testament, muss jedenfalls als überholt gelten. Allein schon die Formel "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ziele eben nicht auf archaische Blutrache, sondern geradezu modern auf einen humanen Rechtsausgleich auf materieller Ebene. Wolle man also die ganze Tiefe und Fülle der monotheistischen Religion erfahren, so seien Christen auf das Alte Testament geradezu angewiesen, sagt Deeg: "In der Tat kann es eine Gefahr geben, dass vor allem wir Christenmenschen uns ein viel zu einfaches Bild des immer lieben und irgendwie gnädig zugewandten Gottes bauen. Dann brauchen wir Texte, die einen Gott zeigen, der als Richter der Gerechte und doch zugleich der Gnädige ist. Das ist sowohl realistischer als auch hoffnungsfroher als ein zu einfaches Bild."