Neue Runde im Professorenstreit um Altes Testament

Theologieprofessor Slenczka sagt Teilnahme an Akademietagung ab
Die Kontroverse über den Stellenwert des Alten Testamentes für die evangelische Theologie geht in eine neue Runde. Der evangelische Theologieprofessor Notger Slenczka, dessen Thesen vor einigen Monaten Kritik bei Professorenkollegen ausgelöst hatten, zog nun seine Zusage zur Teilnahme an einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin zurück. Slenczka begründete diesen Schritt mit nachträglichen Änderungen in der Ausrichtung und im Programm der Tagung, ergibt sich aus einem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben des Theologen an die Akademie. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie, wies die Vorwürfe zurück.

Die Veranstaltung "Nicht ohne das Alte Testament" sei im Lichte des Ankündigungsflyers als "Scherbengericht" über eine ihm fälschlicherweise zugeschriebene Position angelegt, schreibt Slenczka. Der an der Humboldt Universität Systematische Theologie lehrende Professor wirft der Akademie vor, sie mache sich dabei zur "Gehilfin der Debattenfeigheit".

Laut Programm will die Akademietagung der Frage nachgehen, ob es einem christlichen Ernstnehmen der Bedeutung der hebräischen Bibel für das Judentum entspreche, "wenn man das 'Alte Testament' aus dem christlichen Kanon herausschneidet?". Slenczka sollte dabei über "Das Alte im Neuen. Sechs Thesen zur hermeneutischen Frage im Hintergrund des Streits um das Alte Testament" sprechen und anschließend mit dem jüdischen Pädagogen Micha Brumlik diskutieren.

Anmeldungen für Tagung überraschend hoch

Den Vorwurf einer "Debattenfeigheit" weise die Evangelische Akademie entschieden zurück, sagte Direktor Sachau. Der Beitrag von Slenczka und das Podiumsgespräch mit Brumlik hätten am zweiten Veranstaltungstag einen zentralen Platz eingenommen. Das Tagungsprogramm sei ein Beleg dafür, dass wir uns der Debatte mit Slenczka gern gestellt hätten. Die Anmeldezahlen für die Tagung, die vom 8. bis 11. Dezember in der Französischen Friedrichstadtkirche stattfindet, überträfen die Erwartungen, ergänzte Sachau. Bisher haben sich 125 Teilnehmer angemeldet.

Als Referenten sind vorgesehen die Theologieprofessoren Rolf Schieder (Berlin) sowie Andreas Schüle und Alexander Deeg (beide Leipzig), die zu den Kritikern von Slenczkas Position gehören. Weitere Teilnehmer sind neben anderen die Rabbiner Joel Berger und Andreas Nachama sowie der Berliner Bischof Markus Dröge. Die Tagung wird unterstützt von der Moses Mendelssohn Stiftung, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie dem Institut für Kirche und Judentum.

Slenczka moniert in seiner Absage auch die Mitwirkung des Berliner Kirchenhistorikers Christoph Markschies, der seit Mai das Institut für Kirche und Judentum kommissarisch leitet. Dieser habe sich bisher jeder direkten Debatte über seine Thesen entzogen. Markschies gehört zu den fünf Humboldt-Professoren, die Slenczka vorhielten, dessen Äußerungen zur Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Theologie, zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament sowie zur Kanonizität des Alten Testaments seien "historisch nicht zutreffend und theologisch inakzeptabel". Mehrere Bischöfe hatten für eine Versachlichung der Debatte geworben.

"Es geht mir nicht darum, das Alte Testament aus der Bibel hinauszuwerfen"

"Es geht mir nicht darum, das Alte Testament aus der Bibel hinauszuwerfen", erläutert Slenczka seine Position: Es gehe ihm vielmehr um die Frage, welchen Platz das Alte Testament im Leben der Kirche heute einnehme. Seine Position richte sich nicht gegen den christlich-jüdischen Dialog, sondern werde aus dessen Ergebnissen begründet. Er werde deshalb nicht an einer Veranstaltung teilnehmen, bei der es offensichtlich darum gehe, "eine Karikatur meiner Position abzuwatschen", schreibt Slenczka.

Hintergrund der Debatte ist der 2013 erschienene Aufsatz "Die Kirche und das Alte Testament" Slenczkas. Darin erörtert er die Frage, welchen Rang das Alte Testament für die christliche Kirche und Theologie hat. Sein These: Das Alte Testament kann für Christen nie dieselbe Bedeutung haben wie das Neue Testament. Mit Bezug auf den renommierten Theologen Adolf von Harnack (1851-1930) regt er deshalb an, das Alte Testament unter den Apokryphen einzuordnen. Also jenen Texten des Judentums, die nicht zum biblischen Kanon, den Heiligen Schriften gehören.