"Neue Qualität des Terrorismus - aber kein Krieg"

EKD-Friedensbeauftragter Renke Brahms

Foto:epd-bild/Norbert Neetz

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms.

"Neue Qualität des Terrorismus - aber kein Krieg"
Der evangelische Friedensbeauftragte Renke Brahms warnt in der Diskussion nach den Terroranschlägen von Paris vor "jeglicher Kriegsrhetorik".

"Das sind Verbrechen, das ist eine neue Qualität des Terrorismus - aber das ist kein Krieg", sagte Brahms am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Auch vor den Militäreinsätzen in Afghanistan und im Irak haben wir erlebt, wie die Kriegsrhetorik eskaliert ist - mit teils dramatischen Ergebnissen", betonte der Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

So sei die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eine direkte Folge des Eingreifens der "Koalition der Willigen" im Irak, sagte der leitende Bremer Theologe. Soldaten des irakischen Diktators Saddam Hussein seien in die Wüste geschickt worden, ohne sie vorher zu entwaffnen. Viele hätten sich dem IS angeschlossen. Dazu komme die schlechte Regierungsführung im Irak nach dem Sturz Husseins.

"Und weil es kein Krieg ist, sehe ich auch keinen Nato-Bündnisfall. Da sollten wir sehr zurückhaltend sein", unterstrich Brahms. In der Solidarität mit Frankreich gehe es darum, die Bemühungen um politische Lösungen beispielsweise in den Wiener Syrien-Gesprächen weiter zu intensivieren. "Die Situation in Syrien und im Irak muss befriedet werden. Eine militärische Eskalation radikalisiert immer neue Gruppen."

"Wir sind Bagdad, wir sind Ankara, wir sind Beirut"

Brahms erinnerte auch an die Opfer des islamistischen Terrors in der Türkei und im Nahen Osten. "Wer 'wir sind Paris' sagt, muss auch sagen: Wir sind Bagdad, wir sind Ankara, wir sind Beirut." Völlig verständlich sei die Betroffenheit, die durch den Terror in einer europäischen Hauptstadt entstanden sei, die zudem für Weltoffenheit stehe. "Dieses Gefühl der Solidarität sollte uns aber auch mit den Opfern des Terrors beispielsweise in Syrien, im Libanon und in der Türkei verbinden."

Mit Blick auf die Terrorzellen, die sich in französischen und belgischen Brennpunkten gebildet haben, rief Brahms dazu auf, die Bemühungen um die Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen zu intensivieren. "Die Menschen, die zu uns kommen, müssen Perspektiven bekommen", bekräftigte der Friedensbeauftragte. "Das gilt für die Pariser Banlieue genauso wir für soziale Brennpunkte in Berlin, Rostock und Duisburg."

Brahms warnte überdies erneut vor einer pauschalen Verdächtigung aller Muslime und vor Härte in der Flüchtlingspolitik. "Die große Mehrheit der Muslime liebt den Frieden. Und viele Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht und Hilfe suchen, sind gerade vor dem Terror des IS geflohen."