"Menschenrechte in Argentinien? Da sehe ich Defizite!"

Argentinische Flaggen vor dem Regierungspalast in Buenos Aires.

Foto: Juliane Ziegler

Argentinische Flaggen vor dem Regierungspalast in Buenos Aires.

"Menschenrechte in Argentinien? Da sehe ich Defizite!"
Vor knapp vierzig Jahre begann in Argentinien die brutale Militärdiktatur, während der 30.000 Menschen verschwanden. Die Aufarbeitung dieser Zeit läuft nur schleppend. Arturo Blatezky, Pastor der Evangelischen Gemeinde in Buenos Aires, leitet das Ökumenische Menschenrechtsbüro in Argentinien, das sich in seinen Anfängen um die Familien der Verschwundenen kümmerte. Im Interview erzählt er von dieser beängstigenden Zeit und von den gegenwärtigen Aufgaben der Organisation.

Herr Blatezky, Sie leiten das Ökumenische Menschenrechtsbüro MEDH (Movimiento Ecumenico por los derechos humanos) in Buenos Aires. Die Organisation wurde kurz vor Beginn der Militärdiktatur (1976-83) gegründet. Wie kam es dazu?

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Arturo Blatezky: Schon kurz vor der Militärdiktatur haben wir miterlebt, dass Menschen verschwanden. Dann sind Anfang '76 zwei katholische Priester ermordet worden. Das war ein sehr deutliches Zeichen, was kommen würde. Da haben sich Leute aus den Kirchen - evangelisch und katholisch! - zusammen getan und gesagt: "Wir müssen etwas tun. Wir können als Christen nicht schweigen."

Wie kam es, dass Sie sich für die Opfer der Militärdiktatur eingesetzt haben?

Blatezky: Für mich ist es wie die Geschichte vom barmherzigen Samariter: Du gehst Deinen Weg, und auf einmal liegt da jemand. Du musst dich fragen: Will ich einen Umweg machen? Oder helfe ich, und lege damit mein eigenes Leben in die Waagschale? Bei mir war es so: Ich wusste schon theoretisch von der Ermordung und dem Verschwinden von Menschen in Argentinien und Chile. Doch plötzlich verschwanden Menschen, die ich kannte, teilweise Freunde aus meiner Kindheit. Das war keine Theorie mehr! Ich hätte es gar nicht anders machen können, als mich zu engagieren.

Wie sah Ihr persönliches Engagement aus, wie hat das MEDH sich eingesetzt?

Blatezky: Es war sehr schnell so, dass sich Angehörige der Verschwundenen bei mir in der Gemeinde getroffen haben. Auch Menschen, die sozial und politisch Widerstand leisteten, kamen zu uns und wir haben es wie Gemeindetreffen aussehen lassen. Ein wichtiger Teil der Arbeit des MEDH war die Dokumentation von dem, was passierte; Listen zu erstellen, wer verschwunden ist. Und von Beginn an gaben wir eine eigene Zeitschrift heraus, "Informedh", die an alle Gemeinden und auch ins Ausland ging.

Wir haben mit Psychologen ein therapeutisches Programm für Kinder, deren Eltern entführt wurden, organisiert. Später gab es ein Patenprogramm für diese Kinder. Das war sehr wichtig: die Verschwundenen bekamen auf einmal ein Antlitz. Das hat den Menschen in unseren Gemeinden das Herz geöffnet. Neben der Arbeit für die Kinder haben wir Fahrdienste in Gefängnisse organisiert, denn eine Methode der Militärs war es, Menschen aus dem Norden in Gefängnissen im Süden des Landes - und andersrum - zu inhaftieren. Das war Teil der Folter, es den Familien auf diese Weise fast unmöglich zu machen, die Gefangenen zu besuchen. Manche Angehörige von Verschwundenen haben wir finanziell unterstützt - wenn der Vater oder beide Elternteile verschwunden waren, war der Unterhalt der Familie weg. Geld für diese Arbeit bekamen wir unter anderem vom Ökumenischen Rat und der EKD, aber auch von der schwedischen und holländischen Kirche.

Wie wurde die Arbeit des MEDH wahrgenommen?

Blatezky: Die Gemeindeglieder, die nicht direkt etwas damit zu tun hatten, waren zunächst sehr misstrauisch. Die Propaganda der Militärs war sehr heftig. Alle, die verschwanden, seien Terroristen und es werde schon einen Grund haben, weshalb sie weg sind. Deshalb war es für manche aus der Gemeinde schwierig, dass unsere Kirche offiziell Mitglied des MEDH war und ich als Pastor im Vorstand mitgearbeitet habe. Aber viele der Betroffenen haben uns als kirchliche Einrichtung noch eher vertraut als anderen Menschenrechtsorganisationen, denn es war verboten, Kontakt zu politischen Organisationen zu haben.

"Haben wir in unserer Kirche ein Bewusstsein dafür, was heute in unserem Land - und weltweit! - läuft?"

Hatten Sie keine Angst, dass Ihnen auch etwas passieren könnte?

Blatezky: Zu Beginn nicht, nein. Obwohl die Militärs immer wieder versucht haben, uns Kirchen zu involvieren, uns gleichzeit in vielfacher Weise bedrohten und verfolgten: Einmal sollte ich einen Militärumzug segnen, ein anderes Mal eine Bank - ich habe mich immer geweigert. Vielleicht war das naiv.

Bis dann 1984 eine Sache passierte, die war wirklich heftig: Wir wurden zuhause überfallen. Sie haben uns in das Zimmer unserer kleinen Tochter geschleppt und fragten: "Wo sind die Waffen, wo ist das Geld?" - obwohl wir weder Waffen besaßen, noch viel Geld zuhause hatten. Sie haben abwechselnd unserer Tochter, meiner Frau und mir eine Pistole an den Kopf gehalten, so ging das die halbe Nacht. Dann haben sie das ganze Haus leer geräumt. Ab dem Zeitpunkt hatte ich wirklich Angst, das war eine Warnung. Trotzdem haben wir mit unserer Arbeit weiter gemacht.

Und heute, welche Aufgaben hat das Menschenrechtsbüro heute?

Blatezky: Wir engagieren uns stark im Bereich Frauenarbeit und begleiten Jugendprojekte in den Elendsvierteln. Außerdem gehen wir in Gemeinden und Schulen, wo wir Workshops mit Kindern und Jugendlichen zum Beispiel zum Thema "Gewalt" anbieten. Im Vergleich zur Zeit während und kurz nach der Diktatur - damals hatte das MEDH etwa achtzig Mitarbeiter - sind wir heute sehr wenige: 13 Mitarbeiter habe ich. Wir finanzieren unsere Arbeit über kleine Beträge von Adveniat, Brot für die Welt, dem katholischen Kindermissionswerk, von manchen Landeskirchen, von der EKD, über Spenden. Der Vorstand hat bereits vor Jahren beschlossen, dass wir nur Geld von kirchlichen Organisationen und Kirchengemeinden nehmen, auf keinen Fall von der argentinischen Regierung oder den USA. Wir wollen autark bleiben, denn diese abhängigen Strukturen haben vielen Menschenrechtsorganisationen in Argentinien geschadet.

Unter dem verstorbenen Präsidenten Néstor Kirchner sind 2005 das Amnestie- und das Schlussstrichgesetz gefallen. Diese Gesetze schützten die Verantwortlichen der Militärdiktatur vor strafrechtlicher Verfolgung.

Blatezky: Ja, diese Gesetze wurden abgeschafft. Aber die Kirchner-Regierung hat den Mund zu voll genommen, was Menschenrechte angeht. Wenn die Vergangenheit aufgearbeitet werden soll und die Schuldigen bestraft werden, dann kommt man nicht umhin, auch in der Gegenwart die Rechte der Ärmsten zu verteidigen.

Das kann nur gelingen, wenn wir uns aus der Abhängigkeit des weltweiten, häufig kriminellen Kapitalismus sowie der NATO-Politik befreien, das sehe ich bei der Kirchner-Regierung absolut nicht.

Für mich bedeutet das, dass wir uns heute zum Beispiel auch fragen müssen: Was passiert mit unserer Urbevölkerung angesichts der Rodung der Urwälder zum Anbau von genmanipuliertem Soja? Da sehe ich absolute Defizite.

Am Sonntag wählt Argentinien einen neuen Präsidenten. Was erwarten Sie in Bezug auf Vergangenheitsbewältigung von der künftigen Regierung?

Blatezky: Wenn wir Aufarbeitung mit Versöhnung ernst nehmen, dann geht es letztlich um die Entstehung, um die Schaffung eines ganz neuen Landes, einer ganz neuen Gesellschaft. Ich glaube, Argentinien ist davon noch weit entfernt, weil es neben der juristischen Aufarbeitung auch bedeutet, eine gerechte, geschwisterliche Gesellschaft entstehen zu lassen, in der jeder als Mensch würdig behandelt wird, gut leben kann und eine Zukunft hat.

Aber ich sehe das Thema "Aufarbeitung" nicht in erster Linie auf politischer Ebene. Als Christ, als Pastor, als Engagierter in einer Menschenrechtsorganisation finde ich, dass erstmal wir Kirchen uns fragen müssen: Was muss bei uns passieren in der Aufarbeitung unserer eigenen Vergangenheit zu Zeiten der Diktatur? Haben wir in unserer Kirche ein Bewusstsein dafür, was heute in unserem Land - und weltweit! - läuft? Da muss ich leider sagen, ich bin manchmal erschüttert: Die Kirchen versumpfen in institutionellen Fragen, die zweit- oder drittrangig sind und nicht dem dienen, wozu wir aufgerufen worden sind: die Schöpfung als solche zu schützen in allen Bereichen.

aus dem chrismonshop

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