Robert Atzorn: "Immer den Sieger zu spielen ist langweilig"

Robert Atzorn

Foto: dpa/Tobias Hase

Robert Atzorn: "Immer den Sieger zu spielen ist langweilig"
Früher war er der Star von Unterhaltungsserien wie "Unser Lehrer Dr. Specht" oder "Oh Gott, Herr Pfarrer". Inzwischen glänzt Robert Atzorn jedoch immer öfter in ambitionierten Fernsehfilmen zu brisanten Themen. Im Demenzdrama "Mein vergessenes Leben" (Montag, 31.8., 20.15 Uhr, ZDF) spielt der 70-Jährige den wohlhabenden Pensionär Alexander, der das Leben in vollen Zügen genießt. Als er immer häufiger Erinnerungslücken und Aussetzer hat, will er es zunächst nicht wahrhaben – doch Alexander leidet an Demenz und muss entscheiden, ob er seine letzten Lebensjahre in einem Heim verbringen will.

Herr Atzorn, Sie spielen im Drama "Mein vergessenes Leben" einen Mann, der an Demenz erkrankt. Hat diese Rolle viel Mut verlangt?

Robert Atzorn: Mut? Eigentlich gar keinen. Ich fand es im Gegenteil sehr schön, einen Mann mit Schwächen zu verkörpern. Immer den Sieger zu spielen ist langweilig. Außerdem war meine Mutter ein Jahr vorher an den Folgen von Demenz gestorben, insofern hat mich das Thema selber beschäftigt. Ich wusste genau, was ich da spiele.

Waren die Dreharbeiten durch diese persönliche Betroffenheit besonders aufwühlend für Sie?

Atzorn: Eigentlich nicht. Ich habe die Erkrankung meiner Mutter jahrelang miterlebt und wusste, was kommen wird. Ich wusste, dass sie mich irgendwann nicht mehr erkennen wird. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter, ich hätte ihr natürlich gewünscht, dass sie anders, leichter stirbt. Aber auf diese Art konnte ich in Ruhe von ihr Abschied nehmen, und das war auch okay.

Was würden Sie tun, wenn Sie bei sich selber Anzeichen von Demenz bemerken würden?

Atzorn: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dement werde. Schließlich tue ich jetzt alles dafür, dass es nicht soweit kommt.

Sie reden von Ihrer gesunden Lebensweise?

Atzorn: Ja klar. Man weiß ja, dass die Ernährung sehr wichtig ist, und ich ernähre mich im Wesentlichen von Obst und Gemüse. Und Bewegung spielt eine große Rolle. Meine Frau Angelika ist ja Yoga-Lehrerin, da bin ich zum Glück sowieso im Zugzwang. Je älter man wird, desto mehr muss man sich bewegen – dadurch bleibt man auch flexibel im Geist.

"Irgendwann ist es Zeit, abzutreten. Ich hoffe, dass ich das mit Würde hinkriege"

Sie sind dieses Jahr 70 Jahre alt geworden. Verlegen Sie ab und zu mal was oder vergessen Sie Namen?

Atzorn: Altersvergesslichkeit kenne ich nicht. Manchmal, wenn ich in den Keller gehe, um Zucker oder Tee zu holen, entfällt mir zwar, was ich da wollte. Aber das ist ja ein anderes Phänomen, das jeder in jedem Alter kennt.

Sie klingen vollkommen unbekümmert. Haben Sie gar keine Angst vor Krankheit und Tod?

Atzorn: Nein. Aber im entscheidenden Moment kann sich das natürlich ändern. Der Dalai Lama hat auf die Frage, ob er Angst vor dem Tod hat, gesagt: "Nein, ich werde ja wiedergeboren, warum soll ich da Angst haben? Aber fragen Sie mich noch einmal, wenn es soweit ist."

Sie beschäftigen sich viel mit spirituellen Dingen. Hilft Ihnen das beim Älterwerden?

Atzorn: Es verhilft mir zu einer gewissen Gelassenheit. Ich bin mir einfach der Tatsache bewusst, dass mein Lebensbogen jetzt langsam zu Ende geht. Ich habe 70 Jahre toll gelebt, ich bin ein glücklicher, zufriedener Mensch. Ich habe eine Karriere gemacht, die besser ist, als ich je erwartet hatte, ich habe zwei glückliche Kinder, eine tolle Beziehung, ein Enkelkind. Irgendwann ist es Zeit, abzutreten. Ich hoffe, dass ich das mit Würde hinkriege.

Wie viel Würde bleibt einem Menschen im fortgeschrittenen Zustand von Demenz, wenn seine Erinnerungen verloschen sind?

Atzorn: Das ist schon ein Problem. Aber in Wirklichkeit ist es nicht so grausam, wie es von den Ärzten und der Presse dargestellt wird – diese Vorstellung, dass wir im Alter alle am Rollator gehen und ohne Hose durch die Gegend laufen.

"Vielleicht gehe ich mal in dasselbe Heim wie meine Mutter"

Der Film schneidet auch das Thema Selbstmord an. Wäre Suizid eine Option für Sie, oder ist die Frage zu intim?

Atzorn: So intim finde ich die Frage gar nicht, weil wir ja alle sterben. Suizid wäre für mich durchaus eine Möglichkeit. Aber die Frage ist, ob meine spirituelle Entwicklung das zulassen wird. Die Yogis sagen, man darf sich nicht umbringen, das bringt ganz schlechtes Karma. Wenn dein Schicksal so ist, dann geh da durch. Wie ich das selber handhabe, wenn es soweit ist, weiß ich jetzt noch nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, in ein Heim zu gehen? Ihre Filmfigur lehnt das ja vehement ab.

Atzorn: Meine Mutter war in einem Heim, so schlimm war das gar nicht. Wir haben sie aus Hamburg zu uns nach Bayern geholt. Das Heim ist bei uns um die Ecke, und die Leute waren entzückend zu meiner Mutter, sie haben sich mit einer unendlichen Geduld und Liebe um sie gekümmert. Meine Mutter hat sich wirklich wohl gefühlt, ich konnte sie regelmäßig besuchen, und das war gut so. Vielleicht gehe ich mal in dasselbe Heim wie meine Mutter.

Könnten sich nicht Ihre Söhne mal um Sie kümmern?

Atzorn: Das sollen die nicht, die sollen ihr Leben leben.

Hat das Älterwerden eigentlich auch Vorteile?

Atzorn: Viele. Ich genieße eine Riesenfreiheit, weil ich nicht mehr im Wettbewerb stehe, sondern machen kann, was ich will. Ich kann jedem sagen, dass ich ihn nicht mag, und wenn es sein muss, mache ich das auch. Beim Drehen muss ich niemandem mehr beweisen, dass ich spielen kann, sondern kann mir die Rollen aussuchen. Und manchmal werden für Leute in meinem Alter sogar die besseren Rollen geschrieben.