"Je weiter weg wir von Zuhause waren, desto näher sind wir uns gekommen"

Vater und Sohn in einem Hotel in Kiew, Ukraine. Aus dem Bildband "Vater, Sohn und der Krieg" von Tom Licht.

Foto: Tom Licht/Kehrer Verlag

Vater und Sohn in einem Hotel in Kiew, Ukraine. Aus dem Bildband "Vater, Sohn und der Krieg" von Tom Licht.

"Je weiter weg wir von Zuhause waren, desto näher sind wir uns gekommen"
Wie kann man dem Vater und Großvater, den man nie gekannt hat, näher kommen? Der Fotograf Tom Licht machte sich zusammen mit seinem Vater Wilfried von seinem kleinen Heimatdorf in Südthüringen aus auf eine außergewöhnliche Reise: Beide fahren mit dem Auto ostwärts bis kurz vor Moskau, wo 1941 der Großvater im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Auf ihrem 8.000 Kilomater langen Weg werden die beiden nicht nur mit den Gräueltaten des Krieges, sondern auch mit der eigenen Familiengeschichte konfrontiert - immer mit der Frage im Hinterkopf: Warum bin ich so geworden, wie ich bin?

Herr Licht, vor zwei Jahren sind Sie mit Ihrem Vater zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: von Südthüringen bis kurz vor Moskau auf den Spuren Ihres Großvaters, der 1941 im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront gefallen war. Warum war es Ihnen wichtig, diese Reise mit ihrem Vater zu machen, wie ist die Idee zu dieser Reise entstanden?

Tom Licht: Das hatte verschiedene Beweggründe. Zum einen haben wir vor ein paar Jahren durch einen Todesfall und eine Haushaltsauflösung im Familienkreis einiges an historischem Material erhalten, wie zum Beispiel die Todesanzeige von meinem Großvater. Mein Vater wurde 1940 geboren und mein Großvater starb 1941, deshalb war mein Großvater eigentlich nie wirklich existent. Mein Vater selbst wusste nicht viel über ihn und ich natürlich umso weniger. Ich hatte den Gedanken, dass, wenn man den Weg verfolgt, den der Großvater gegangen ist, ihm so auch ein Stück näher kommt.

Zum anderen hing die Reise sicherlich auch mit meiner Frage zusammen, warum mein Vater so ist, wie er ist. Letztendlich hat das wiederum damit zu tun, warum ich so bin, wie ich bin. Es gab also verschiedene Gründe, die Reise zu machen: Meinem Großvater näher zu kommen, aber auch sich selbst.

Wie hat Ihr Vater auf Ihre Idee mit der Reise reagiert?

Licht: Mein Vater hat keine lange Bedenkzeit gebraucht und war offen für die Reise. Er ist jetzt 75 Jahre alt, ein Alter in dem man vermutlich viel über die Vergangenheit und sein eigenes Leben nachdenkt. Und sein eigener Vater war so etwas wie ein weißer Fleck, den es in seiner Biografie noch gab.

"Die Reise war von Anfang an unser gemeinsames Projekt"

In den letzten Jahrzehnten ist schon viel passiert an politischer und historischer Aufarbeitung des Krieges. Aber die individuelle Verarbeitung in den Familien hat eigentlich erst in den letzten Jahren begonnen. Deswegen war die Reise von Anfang an unser gemeinsames Projekt.

Wie lange waren Sie unterwegs und was haben Sie auf Ihrer Reise erlebt?

Licht: Insgesamt waren wir vier Wochen unterwegs. Die Reise ging durch Polen, Weißrussland, Ukraine und durch das westliche Russland bis kurz vor Moskau. Diese ganze Strecke sind wir mit dem Auto gefahren. Vorher hatten wir recherchiert, in welcher Einheit der Großvater war, um seinen Weg nachverfolgen zu können. Das war die einzige Möglichkeit, ihm irgendwie etwas näher zu kommen, auch wenn wir natürlich wussten, dass es keine direkten Spuren von ihm geben würde.

Eine Beobachtung war außerdem, dass je weiter weg wir von Zuhause waren, desto näher sind wir uns gekommen und auch der eigenen Familiengeschichte. Das war erstaunlich und auch etwas paradox.

Wir sind aber nicht nur dem Großvater gefolgt. Der Weg des Großvaters nach Osten war natürlich auch ein Weg der Zerstörung und Verwüstung eines Vernichtungskrieges. Mit diesem Gedanken, diesem Bewusstsein sind wir auch gereist. Auf unserer Strecke haben wir alles an Denkmälern, Museen und Kriegsorten besucht und auf uns wirken lassen. In diesem Sinne war es auch eine Geschichtsreise.

Interessant dabei war auch, dass die Weltkriegsgeschichte in den bereisten Ländern unterschiedlich aufgearbeitet wird, wie zum Beispiel im diktatorischen Weißrussland, wo alles noch stalinistisch angehaucht ist.

"Man darf so eine Aufarbeitung nicht nur auf das eigene Schicksal beschränken"

Man darf so eine Aufarbeitung auch nicht nur auf das eigene Schicksal beschränken. Auf der Reise haben wir gemerkt, dass die Nachkriegsgeneration in Russland oder in der Ukraine genauso anfängt, erst jetzt vieles aufzuarbeiten. Das ist also nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern ein allgemeines Kriegsphänomen dieser Generation.

Mein Vater meinte zum Schluss, wenn er nicht schon vorher Pazifist gewesen wäre, wäre er es spätestens nach der Reise geworden.

War es von Anfang an klar, dass die Reise auch ein Fotografieprojekt sein wird? Haben Sie sich vorher Gedanken über die fotografische Gestaltung gemacht oder hat sich das auf der Reise ergeben?

Licht: Die Reise war als fotografische Arbeit gedacht, auch in der Vorbereitung. Aber die konkrete Umsetzung war nicht geplant, das lief dann eher intuitiv.

Im Vorfeld war mir auch noch nicht klar, wie ich mich einbringe. Es ist ja nicht nur eine Geschichte über meinen Vater, es geht zum Teil auch um mich oder uns beide. Es geht zunächst um den Vater und wie ich ihn durch meine Kamera sehe. Damit bin ich auch schon Teil des Bildes.

Aber selbst tauche ich auch noch einmal auf einer anderen Ebene auf und werde selbst Protagonist der Geschichte. Die fotografische Umsetzung war dadurch auf jeden Fall eine Herausforderung.

Im Vorwort ist auch die Rede von den eigenen "Schatten", die jeder in sich trägt und die für eine "unbewusste, innere Situation" stehen. Im Buch zitieren Sie auch Ihren Vater mit den Worten "Habe meiner Mutter gegenüber ein richtiges Trauma mit Schuldgefühlen, weil ich zu wenig weiß über bestimmte Dinge. Es ist schlimm, wenn man dann merkt, dass nichts mehr zu korrigieren ist." Ist Ihr Vater denn trotzdem seinen eigenen Schatten auf dieser Reise näher gekommen?

Licht: Die Großmutter ist recht früh in den 70er Jahren gestorben. Und natürlich kann man die Zeit, in der man nicht gefragt hat, nicht nachholen. Aber den eigenen, zum Teil verdrängten, Gedanken näher zu kommen, war das Mindeste, was man mit dieser Reise erreichen konnte.

Für meinen Vater war das auf jeden Fall sehr wichtig. Ich fand das auch sehr mutig von ihm, an seinem Lebensabend mit dieser langen Reise noch einmal so ein Risiko einzugehen. Nicht nur körperlich und gesundheitlich, sondern auch mental und psychisch.

"Mein Vater hat sich verändert: Er ist mit sich zufriedener"

Natürlich kamen auch schmerzhafte Erinnerungen und Gedanken während der Reise hoch, über die man viele Jahre nicht reden konnte oder wollte. In dem Sinne konnten man diesen Schatten tatsächlich irgendwie näher kommen und abschwächen.

Mein Vater hat sich auch verändert: Ich habe den Eindruck, er ist mit sich zufriedener. Wir haben seit der Reise sicherlich auch ein innigeres Verhältnis. Auch weil wir viel übereinander erfahren haben.

Und sind Sie auch selbst der eigenen Frage "warum bin ich so, wie ich bin" näher gekommen? 

Licht: Sicherlich. Viele Geschichten kannte ich schon vorher von Geburtstagen und Familienfesten. Auf der Länge der Reise sind aber natürlich noch neue Gespräche und Erzählungen entstanden. Ich habe dann oft Gesprächsprotokolle geführt oder Unterhaltungen mitgeschnitten. Wenn man sich dann noch einmal intensiver mit diesen Gesprächen und Geschichten befasst, dann versteht man, warum die Eltern und man selbst gewisse Entscheidungen im Leben getroffen haben. Mir wurde zum Beispiel klar, warum ich als Kind und Sohn manchmal gewisse Gegenmaßnahmen ergriffen habe, was ich der eigenen Erziehung entgegengesetzt habe.

Die Reise lief natürlich nicht nur harmonisch ab, es gab auch Streitpunkte. Auf der Mitte der Strecke gab es einen heftigen Streit. Früher bin ich in solchen Situationen weggerannt, aber diesmal konnte ich das nicht. Auch wenn ich das als 43-jähriger erwachsener Sohn vielleicht erst nicht wollte: Diesmal musste ich mich diesen Konflikten stellen.

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