Boxen für die Nächstenliebe

Zwei rote Boxhandschuhe sind zu einem Herz geformt.

Foto: iStockphoto/benoitb

"Beim Boxen wenden die Schüler christliche Werte wie Nächstenliebe, Respekt und Fairness ganz praktisch an", sagt Religionspädagoge Gabriel Hörster.

Boxen für die Nächstenliebe
Ein Religionslehrer bietet Boxtraining an
Boxen ist eine gute Übung für christliche Nächstenliebe, findet Gabriel Hörster. Deshalb trainiert der Religionslehrer seine Schüler im Kampfsport. Und das tut schüchternen Mädchen ebenso gut wie Schlägertypen.

Dumpfe Schläge sind in der Turnhalle des Esslinger Mörike-Gymnasiums zu hören. Dazwischen die Stimme von Gabriel Hörster: "Links-links, rechts, uppercut!" Etwa 25 unterschiedliche Trainingspartner üben Schlagkombinationen. Fünftklässler boxen in die Handschuhe von großen Typen aus der zehnten Klasse, Mädchen trainieren mit Jungen. In der Box-Arbeitsgemeinschaft wird einmal in der Woche in der Mittagspause nicht gegeneinander, sondern miteinander trainiert.

Der Boxtrainer ist ein Religionslehrer. Für Finn aus der Klasse 6b ist das kein Problem. Direkt vor der Box-AG hatte er eine Stunde Evangelische Religion bei dem 32-Jährigen. "Wir lernen in der Box-AG Respekt", sagt Finn, "Schwächere darf man nicht so hart schlagen, das hat auch etwas mit Religion zu tun."

"Boxen und Beten passen bestens zusammen"

Religionspädagoge Gabriel Hörster denkt ebenfalls, dass Boxen, Beten und Bibellesen bestens zusammenpassen. "Beim Boxen wenden die Schüler christliche Werte wie Nächstenliebe, Respekt und Fairness ganz praktisch an. Hier trifft die Theorie des Unterrichts auf die Praxis", sagt der passionierte Hobbyboxer. Außerdem müsse die Kirche auf die Jugendlichen zugehen, weil sie viele junge Menschen nicht mehr erreiche.

Hörster hält der Zehntklässlerin Mine eine Pratze entgegen. Mit kraftvollen schnellen linken und rechten Haken schlägt sie auf den gepolsterten Handschuh ein. "Am Anfang habe ich gestaunt, dass Herr Hörster Religionslehrer sein soll", sagt Mine und fügt hinzu: "Schau ihn doch an, dafür ist er viel zu durchtrainiert."

Für Schulsozialarbeiter Nils Schäffer, der die AG mit Hörster leitet, ist Boxen Beziehungsarbeit: "Durch das Training öffnen sich die Schüler und suchen vielleicht später mal mit mir das Gespräch, wenn sie Angst vorm Sitzenbleiben, Krach zu Hause oder Drogenprobleme haben." Ein weiterer positiver Nebeneffekt sei, dass die Gymnasiasten so in der Mittagspause Bewegung hätten.

Tatsächlich soll Boxen Stress abbauen, die intellektuelle Leistungsfähigkeit fördern sowie Koordination und Körpergefühl schulen, hat Hörster in einem wissenschaftlichen Aufsatz dargelegt. Doch wichtiger sind für den Religionspädagogen andere Erfolge: Die älteren Schüler lernen Rücksicht auf Jüngere zu nehmen, erfahrene Schüler kümmern sich um schüchterne Anfänger.

Mobbingopfer verhindern

Vom Boxen profitierten also alle, erklärt der Theologe: Schüler, die in der Gefahr stehen, zu Mobbingopfern zu werden, erhalten durch den Kampfsport ein gestärktes Selbstbewusstsein. Und die großen und starken Jungs lernen, dass sie ihre Überlegenheit nicht ausnutzen müssen. Nach dem Technik-Training folgt das Power-Workout: Liegestützen, Bauchaufzüge und Skippings: Alle rennen auf der Stelle und schlagen gleichzeitig mit ihren Handschuhen gegen eine dicke Matte an der Wand. Danach sind selbst die Sportlichsten erledigt.

Aggressive Typen sollten aus dem Training so ausgepowert herauskommen, "dass sie gar nicht mehr die Energie für Hänseleien oder Ähnliches besitzen", sagt Hörster. Und sie sollten merken, "wie es sich anfühlt, selbst nicht immer der Stärkste und Größte zu sein". Damit das Boxen niemandem schadet, gilt für alle die Regel: Wer die Boxtechniken missbraucht, um damit andere Schüler zu verprügeln, fliegt aus der AG raus. Aber das sei bisher noch nicht vorgekommen, sagt der Religionslehrer.