Sie kommen in Booten - aber nicht übers Mittelmeer

Rohingya migrants on a drifting abandoned boat found in Thai sea

Foto: dpa/Str

Ein thailändisches Fischerboot (rechts) wirft Rohingya-Flüchtlingen Essen, Wasser und Medizin zu. Das Foto vom 14. Mai zeigt eines der beiden Boote, die an Himmelfahrt mit hunderten Rohingya vor der malayischen Küste aufgebracht wurden.

Sie kommen in Booten - aber nicht übers Mittelmeer
Die verfolgte Minderheit der Rohingya flieht aus Myanmar
Nicht nur über das Mittelmeer kommen Flüchtlinge in wackeligen Booten, um ein besseres Leben zu finden. Auch der Golf von Bengalen, an dessen Küste Bangladesh, Myanmar, Thailand, Malaysia und Indonesien liegen, ist eine beliebte Strecke für Menschenschmuggel. Die Rohingya, laut den UN die meist verfolgte Minderheit der Welt, suchen dort nach einem besseren Leben.

Die Bilder von Bootsflüchtlingen in kaum seetüchtigen Booten sind herzzerreißend. Kinder, Frauen, Männer kauern zwischen ihren wenigen Habseligkeiten in den Booten. Manche klammern sich an Regenschirme, als sei dieser Schutz gegen die unbarmherzig brennende Sonne oder die kräftigen Regengüsse ihr einziger Halt auf der wochenlangen Seereise. Die Verzweiflung, die Not, die Angst steht den Menschen ins Gesicht geschrieben.

Das ist keine weitere Geschichte über Bootsflüchtlinge aus Afrika, die über das Mittelmeer nach Europa wollen. Es geht vielmehr um ein gigantisches Flüchtlingsdrama auf dem Golf von Bengalen. Zu Zehntausenden fliehen muslimische Rohingya aus Birma und Bangladesch vor Verfolgung, Unterdrückung, Pogromen und Armut in Booten nach Thailand, Malaysia und Indonesien – um in der Sklaverei zu enden.

Schlepperbanden lassen sich die Flucht teuer bezahlen. Umgerechnet zwischen 80 und 330 Euro fordern sie für die gefährliche, Monate dauernde Passage über den Golf von Bengalen. Das geht aus dem Ende vergangener Woche veröffentlichten UNHCR-Report "Irregular Maritime Movements in South-East Asia" über die sich verschärfende humanitäre Flüchtlingskrise in Asien hervor. 

Bei der Ankunft in Thailand werden die Flüchtlinge in den Wäldern im überwiegend muslimischen Süden an der Grenze zu Malaysia in Lager gesperrt. Thailändische Behörden haben im Mai 2015 mehr als 70 verlassene Lager nahe der Grenze zu Malaysia entdeckt. Für die Freilassung aus den Lagern verlangen die Schlepper noch einmal Geld, umgerechnet bis zu 1.780 Euro Lösegeld. Wer kein Geld hat, wird gezwungen, Verwandte zu Hause telefonisch um Geld zu bitten. Während der Telefonate werden sie oft geschlagen und getreten. Die Schmerzensschreie sind eine deutliche Botschaft an die Verwandten am anderen Ende der Leitung: Geld oder Leben.

Illegale Lager im Dschungel - wer flieht, stirbt

Wenn das auch nichts nutzt, werden die Flüchtlinge als Arbeitssklaven zu Baustellen oder auf Fischerbooten nach Malaysia geschleust. Von dem Hungerlohn müssen sie ihre "Schulden" bezahlen - plus 100 Prozent Zinsen. Dieses Schicksal erwartet auch diejenigen, denen die Schlepper die Flucht über den Golf von Bengalen "vorfinanziert" haben.

Wer sich widersetzt oder versucht zu fliehen, wird oft umgebracht. Andere sterben an den Folgen von Misshandlungen, Vergewaltigungen oder Mangelernährung in den Lagern. Diese grausame Wahrheit kam am 1. Mai ans Tageslicht, als in der Nähe von Padang Besar im Süden Thailands ein Massengrab mit 26 Leichen entdeckt wurde. Seitdem wurden mehr Lager, mehr Gräber und mehr Leichen gefunden.

Reihenweise wurden in den Tagen nach dem Fund Polizeibeamte und Provinzpolitiker als Mitglieder und Drahtzieher der Menschenhändlerringe verhaftet. "Die Behörden gehen jetzt ernsthaft dagegen vor. Diese Fälle zeigen, dass die Korruption die Ursache für die Ausbeutung der Not der Flüchtlinge ist, der sie in den letzten zwei, drei Jahren in Thailand ausgesetzt sind", sagt Pornpen Khongkachonklet von der auf Menschenrechte für Staatenlose, Minderheiten und Konfliktopfer spezialisierten Cross-Culture-Stiftung in Bangkok.

Das entschiedene Vorgehen Thailands aber verschärft gleichzeitig die Not der vielen hundert, vielleicht sogar vielen tausend Flüchtlinge, die in den illegalen Lagern im Dschungel festgehalten wurden. Aus Furcht vor Verhaftungen sind viele der Lageraufseher geflohen. Jetzt irren viele Flüchtlinge schutzlos und ohne Proviant durch die Wälder und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, wem sie vertrauen können.

Doppelt so viele Bootsflüchtlinge wie noch 2014

Die muslimischen Rohingya können auch nicht mehr zurück. Zuhause, im Bundesstaat Rakhine in Myanmar, gelten die muslimischen Rohingya als Bengali, als staatenlose, illegale Einwanderer aus Bangladesch. "Die birmanische Regierung hat diese Krise mit der anhaltenden Verfolgung der Rohingya verursacht", sagt Phil Robertson, stellvertretender Asiendirektor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Robertson weist aber auch Myanmars Nachbarn eine Mitschuld an dem humanitären Drama zu: "Thailand, Malaysia und Indonesien haben mit ihrer hartherzigen Politik der Zurückweisung der neuen Welle von Bootsflüchtlingen die Situation verschärft und gefährden so das Leben Tausender."

In Rakhine leben seit den gewaltsamen Ausschreitungen radikaler Buddhisten gegen sie im Jahr 2012 mehr 140.000 Rohingyas unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern. Nach Pogromen in den Jahrzehnten davor waren bereits Hunderttausende Rohingya ins benachbarte Bangladesch geflohen. In dem Land, in dem der Islam Staatsreligion ist, werden sie aber genauso unterdrückt wie in Myanmar. Den Vereinten Nationen gelten die Rohingya als die "am schlimmsten verfolgte Minderheit weltweit".

Auch die mehrheitlich muslimischen Ländern Malaysia und Indonesien haben kein Mitleid mit ihren Glaubensgenossen. Vor der Küste des indonesischen Aceh wurden vor einigen Tagen Boote mit 500 Flüchtlingen aufgebracht. Die Marine schleppte die Boote auf das offene Meer zurück. Abgewiesen werden die Boote auch in Malaysia.

Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen (UNHCR) berichtet über einen sprunghaften Anstieg der Zahl der Bootsflüchtlinge aus Birma und Bangladesch, die in Booten über den Golf von Bengalen nach Thailand, Malaysia und Indonesien fliehen. Zwischen Januar und März sind mehr als 25.000 Rohingya und Bangladescher per Boot geflohen, heißt in dem UNHCR-Bericht, doppelt so viele im Vergleichszeitraum 2014.

Mindestens dreihundert Flüchtlinge sind laut UNHCR alleine im ersten Vierteljahr 2015 bei der gefährlichen Bootsreise ertrunken. Seit Beginn der Gewalt in Rakhine im Jahr 2012 sind mindestens 100.000 Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben mit Boot in andere Länder geflohen, schätzt die Menschenrechtskommission. Schon spricht man in Südostasien von der größten Bootsflüchtlingswelle seit dem Vietnamkrieg.

Kein Gipfeltreffen für einen gemeinsamen Umgang mit den Flüchtlingen

Eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Die Länder Südostasiens sind sich einig: Rohingya werden nicht als Flüchtlinge anerkannt. Ein solcher Schritt würde unweigerlich zu einem politischen und diplomatischen Konflikt mit Myanmar führen.

Die Reformregierung in Myanmar unter Präsident Thein Sein könnte die Rohingya aber auch nicht als myanmarische Staatsbürger mit allen Rechten anerkennen, selbst wenn sie wollte. Zu tief sitzen nach jahrzehntelanger Propaganda Hass und Vorurteile gegenüber den Rohingya, eine Stimmung, die durch militant-nationalistische buddhistische Mönche mit Rückendeckung konservativer Armeekreise geschürt wird, die gegen die ganze Reformpolitik sind. Auch nur der Hauch eines Nachgebens seitens der Regierung wäre Wasser auf die Mühlen der reaktionären Kräfte, die das Land vor den Parlamentswahlen im Herbst 2015 in ein politisches Chaos stürzen könnten.

Thailands Junta-Chef und Premierminister, General Prayut Chan-o-cha, hat sich daher prompt eine Absage für seine Idee eingefangen, das Flüchtlingsproblem auf einem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs diskutieren zu wollen. Stattdessen soll nun am 29. Mai auf Expertenebene in Bangkok ein "Special Meeting on Irregular Migration in the Indian Ocean"  stattfinden. Eingeladen sind zehn Staaten, neben den asiatischen auch Australien und die USA. Die UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) sind als Beobachter eingeladen. Diese Konferenz kann nur ein erster Schritt sein, sagt Pornpen Khongkachonklet: "Es gibt keine Lösung von jetzt auf gleich. Die Probleme sind zu groß und nicht einfach zu handhaben." Sie regt die Einrichtung von "humanitären Lagern" als "kurzfristige Lösung" an.

Im Golf von Bengalen sind unterdessen nach Informationen der IOM mehr als 8.000 Flüchtlinge in hoffnungslos überfüllten, kaum seetüchtigen Booten auf dem Weg nach Südostasien. Das asiatische Flüchtlingsdrama geht weiter.