Die ausgestreckte Hand des Kirchentags

Kommentar

Illustration: evangelisch.de/Simone Sass

Die ausgestreckte Hand des Kirchentags
Der Kirchentag in Stuttgart beginnt mit einem Gedenken an verfolgte Homosexuelle. evangelisch.de-Redakteur Markus Bechtold findet das ein wichtiges Zeichen in einer Zeit, in der erneut von "Schwulenheilung" gesprochen wird und die schulische Vermittlung sexueller Vielfalt in Baden-Württemberg weiter Menschen auf die Straße treibt.

Manchmal ereignen sich Dinge im Leben, die man nicht für möglich gehalten hätte. Vor 21 Jahren, als ich mein Coming-out hatte, hätte ich nicht gedacht, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag einmal mit einer Gedenkveranstaltung für Homosexuelle beginnen würde. Gleichgeschlechtliche Liebe und Kirche waren für Viele lange Zeit ein Widerspruch. Lesben und Schwule wandten sich damals von ihrer Kirche ab, weil sie ausgeschlossen wurden oder sich zumindest nicht willkommen fühlten. Heute erzählen mir immer mehr Homosexuelle, dass es ihnen wichtig ist, auch als Christen wahrgenommen zu werden. Sie sind Menschen, die sich trotz mancher Verletzungen wieder mit der Kirche verbunden fühlen und christliche Gemeinschaft gestalten und leben wollen. Im allerbesten Falle sind es aber Menschen, die aufgrund ihres jungen Alters das Gefühl von seelischer Verletzung und Ausgrenzung in ihrer Gemeinde nicht erlebt haben.

Verantwortung vor Gott tragen

Alle Farben des Regenbogens spiegeln sich im Auftakt des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2015 in Stuttgart. "Ausgegrenzt und totgeschwiegen – Verfolgung von gleichgeschlechtlich Liebenden" ist das Thema der 90minütigen Podiumsveranstaltung auf dem Karlsplatz um 14 Uhr. Vereinzelt gab es Proteste. Nicht, weil den Betroffenen das Thema nicht passen würde, sondern weil sie es bedauern, dass die Veranstaltung bereits wenige Stunden vor offiziellem Beginn des Kirchentags läuft. Da sitzen viele noch im Zug nach Stuttgart und können, obwohl sie gern würden, nicht teilnehmen.

Der Kirchentag zieht Menschen aus ganz Deutschland an, entfaltet aber auch eine regionale Wirkung. Das tut Not. Denn unter dem Schlagwort "Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens" wirbt ein Realschullehrer aus dem schwäbischen Nagold seit über einem Jahr im Internet um Unterstützer und ruft Menschen dazu auf, gegen sexuelle Toleranz im Unterricht zu demonstrieren. Auch die badische und württembergische Landeskirche haben sich gegen den Bildungsplan ausgesprochen. Rund um den Austragungsort des Kirchentags ist auch der Pietismus zu Hause. Besonders dort glauben einzelne Protestanten, dass Homosexualität Sünde sei und sich mit Gebeten therapieren lasse. Dabei handelt es sich um einen seelsorgerischen Irrweg, dessen psychologische Zeche immer der einzelne Betroffene zahlen muss. Ob Paare in der evangelischen Kirche gesegnet werden, wird von Landeskirche zu Landeskirche und Gemeinde zu Gemeinde zunehmend liberaler, aber weiterhin sehr unterschiedlich gehandhabt. In der evangelischen Kirche in Württemberg ist es für gleichgeschlechtlich Liebende schwerer als in anderen Landeskirchen, auf diese Weise vor ihrer Gemeinde und vor Gott füreinander Verantwortung zu tragen.

Parallel zum Kirchentag findet an Fronleichnam in Stuttgart auch der Christustag evangelischer Pietisten statt. Wendet man auch hier das Bild des Regenbogens an, wirft es ein Licht auf die Vielseitigkeit der Mitglieder der evangelischen Kirche. Das bietet die Chance für eine Begegnung, ein Gespräch, für Annäherung, für die der Kirchentag ein guter Rahmen ist.

Von den über 2500 Veranstaltungen auf dem Kirchentag richten sich zwar nur eine Handvoll gezielt an Schwule, Lesben und Transgender, was auf den ersten Blick wenig erscheinen mag. Dennoch ist das eine ausgestreckte Hand, die Potential für ein neues Miteinander in sich birgt. Das hätte ich vor 21 Jahren noch nicht gedacht. Umso mehr freue ich mich auf den Kirchentag 2015 in Stuttgart, vor allem auf den Anfang.