Wer sind die Muslime im "House of One"?

Die Initiatoren des House of One

Foto: House of One, Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin e. V.

Die Initiatoren des "House of One": Rabbiner Tovia Ben Chorin, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg

Deutschland spricht 2019
Wer sind die Muslime im "House of One"?
Das "House of One" in Berlin soll eine Kirche für die drei monotheistischen Religionen werden - mit drei Gottesdiensträumen. Christen, Juden und Muslime wollen sich dort begegnen und gemeinsam für Frieden und Toleranz eintreten. Von Seiten der Muslime war nur das Forum für Interkulturellen Dialog bereit, mitzumachen, aber das steht der Fethullah-Gülen-Bewegung nahe, die auch von Christen vor Ort kritisiert wird.

Zuerst hieß es "Bet- und Lehrhaus Berlin", seit einiger Zeit nun firmiert das Projekt unter dem Titel "House of One". Die Idee: Drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, sollen unter einem gemeinsamen Dach in der Mitte Berlins beten. Unter diesem gemeinsamen Dach entstehen eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee. Initiiert wurde das Ganze von der evangelischen Kirchengemeinde St.Petri-St.Marien. Im Vorfeld wurden mehrere Moscheegemeinden und muslimische Dachverbände in Berlin angesprochen - ohne Erfolg. Keine der Gemeinden und Verbände hat zugesagt. Letztlich mitmachen will bis heute nur das Forum für Interkulturellen Dialog, kurz FID, deren Ehrenvorsitzender der türkisch-amerikanische Laienprediger Fethullah Gülen ist.

Aus der Nachbargemeinde, der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin Prenzlauer Berg Nord (Gethsemanekirche), kommt Kritik. Deren Motto seit der friedlichen Revolution in der DDR ist: Wachet und betet! Das haben zwei Gemeindeglieder ernst genommen und eine Debatte über die Gülen-Bewegung im Gemeindebrief angestoßen. Der junge Syrer Sami Alkomi, von Beruf Schauspieler, ist eigentlich orthodoxen Glaubens, fühlt sich aber in der Gethsemane-Gemeinde wohl. Er ärgert sich über die Aussagen Fethullah Gülens, dieser hetze etwa gegen Konvertiten. "Gülen sagt, wenn ein Moslem vom Glauben abgefallen ist, dann sollte man ihn darauf ansprechen, aber am Ende setzt die Todesstrafe", paraphrasiert Alkomi Aussagen des muslimischen Laien-Theologen.

Ihn als Angehörigen der syrisch-orthodoxen Christenheit schmerze es, wenn Gülen bis heute jede Diskussion über die Massaker auch an seinem Volk im damaligen Osmanischen Reich vor 100 Jahren ablehnt. Noch schlimmer sei, schreibt Alkomi, dass Gülen so etwas betreibe wie eine "heimliche Islamisierung" der westlichen Gesellschaft. Seine Freundin, die Journalistin Nina Coenen, hat Alkomi bei der Recherche unterstützt. Auch für sie ist Gülen ein gefährlicher Prediger, dem mittlerweile Millionen Muslime nachfolgen. Das könne man zum Beispiel in der Expertise des Landesverfassungsschutzes Baden-Württemberg vom Juli 2014 nachlesen. "Es gibt Aussagen über den kleinen und großen Dschihad, wo Gülen auch positive Aspekte des Kampfes auf dem Schlachtfeld thematisiert", warnt die Journalistin.

Gülen unterhält Schulen und ein kleines Medienimperium

Die beiden kritischen Christen stützen sich auch auf Aussagen von Friedmann Eißler, Islam-Referent in der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Dieser warnt seit Jahren vor Publikationen des Gülen-nahen Fontäne-Verlags: "Dort werden Stereotype bedient, die im demokratischen Kontext problematisch sind. Dem in sehr negativen Farben geschilderten Westen muss der Islam durch seine Orientierung an beständigen Scharia-Werten aufhelfen. Auch das charakterlich defizitäre Frauen-Bild in der Koranausgabe von Ali Ünal ist hochproblematisch."

So soll das "House of One" aussehen.

Fethullah Gülen ist ein Schüler des 1960 verstorbenen türkischen Gelehrten Said Nursi. Es geht in seiner Lehre um Hizmet, den Dienst für höchste religiöse Werte, um Dava, die Einladung zum Islam, um das Engagement im Dschihad, um grenzenlose Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit und eben Bildung. Ziel ist die Vereinbarkeit von Wissenschaft, Fortschritt und Islam. In den 1980er Jahren begann Gülen in der Türkei damit, seine Predigten millionenfach unter das Volk zu bringen und erste Schulen zu gründen.

Das vermeintliche Bildungsideal Gülens stehe aber immer unter dem Vorbehalt, dass Wissen und Forschung niemals den Werten des Korans und der Lehre der Sunna widersprechen dürften, sagt Eißler. Gülen baute unter dem Dach der "World Media Group" im hessischen Offenbach ein kleines Medienimperium auf, zu dem neben Radio- und Fernsehsendern auch der deutsche Ableger von "Zaman" gehört, der auflagenstärksten türkischsprachigen Zeitung. Zamans europäische Ausgaben werden inzwischen in Berlin produziert.

Ende der 1990er Jahre ermittelte die türkische Staatsanwaltschaft gegen Gülen wegen des Verdachts auf islamistische Staatsgefährdung. Der selbst ernannte Prediger ging in die USA, von wo aus er bis heute agiert. In der Türkei selbst ist mittlerweile ein erbitterter Kampf um die Macht im einst streng laizistischen Staat entbrannt. Gülens ehemaliger Weggefährte Recep Tayyip Erdoğan und seine regierende AKP ringen mit den Gülen-Anhängern, die vor allem in Polizei und Justiz Unterstützer haben. Gülen hat es außerdem geschafft, vor allem den wirtschaftlich potenten Mittelstand zu gewinnen.

"Frühwarnsystem" für das "House of One" einrichten

In den schätzungsweise mehr als 180 Gülen-nahen Kitas, Schulen und Lernhilfezentren finde zwar naturwissenschaftlich orientierte Bildungsarbeit statt. Doch Friedmann Eißler von der EZW warnt, dass die säkular ausgerichteten Schulen der Rekrutierung für die inneren Zirkel und Kreise der Bewegung dienten. Denn zur Gülen-Bewegung zählen auch die so genannten "Lichthäuser", streng religiös ausgerichtete Wohngemeinschaften und Hauskreise. Es gibt Aussteigerberichte, in denen von psychischer und finanzieller Ausbeutung die Rede ist.

Fethullah Gülen

Andreas Goetze, Pfarrer für interreligiösen Dialog in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, weist die Vorwürfe religiöser Indoktrination in den Gülen-Einrichtungen zurück. "Die Lichthäuser-Jugend kann man mit pietistischen Wohn- und Lebensgemeinschaften vergleichen. Ich bin selber in einer evangelischen Geschwisterschaft. Das unterdrückt mich nicht, das gibt mir meinen Freiraum in einer gemeinsamen geistigen Haltung", erklärt Goetze. Wenn es Berichte von zu großer geistiger Enge in den Gülen-Lichthäusern gebe, so seien das individuelle Einschätzungen. Auf keinen Fall aber dürfe man nun diese muslimischen Wohngemeinschaften unter Generalverdacht stellen.

Auch der Theologe Roland Stolte, Vorstandsvorsitzender des "House of One" und Öffentlichkeitsreferent in der evangelischen Kirchengemeinde St.Petri-St.Marien, hält die Bedenken aus der Nachbargemeinde für übertrieben. "Wir müssen im Hinblick auf die Gülen-Problematik eine Art Frühwarnsystem einrichten. Und deshalb gibt es enge Verbindungen zum Land Berlin und zum Innenministerium, das auf Arbeitsebene der Islamkonferenz jemanden entsendet, der uns vor allem in politischen Fragen berät", versichert Stolte.

Warum man aber mit einem muslimischen Partner zusammenarbeitet, für den es ein "Frühwarnsystem" braucht, kann Stolte nicht erklären. Dass nun mit evangelischem Segen eine islamistische Gruppe ins "House of One" einziehen könnte, hält der Theologe nahezu für ausgeschlossen: "Bei der Gründung des Vereins haben wir eine Charta als eine Art Hausordnung und damit auch Restriktionsmechanismen verabredet. Wer über die Stränge schlägt, kann ausgeschlossen werden."

Die Kritikpunkte an der Gülen-Bewegung aber können auch von den "House of One"-Initiatoren nicht vollends widerlegt werden. Grundsätzlich bleiben die Fragen, wer genau muslimischer Dialogpartner sein kann und wo die Grenzen interreligiöser Zusammenarbeit liegen, auch in Berlin unbeantwortet.