Kindesmissbrauchs-Aufarbeitung am Limit

Julia Gebrande
epd-bild/Christine Fenzl/Aufarbeitungskommission
Julia Gebrande ist die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
10 Jahre Kommission des Bundes
Kindesmissbrauchs-Aufarbeitung am Limit
Zum zehnjährigen Bestehen der Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch spricht die Vorsitzende Julia Gebrande über die aktuellen Herausforderungen für das Gremium und ihre Wünsche an die Politik.

Zehn Jahre ist es her, dass die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eingerichtet wurde. Die Vorsitzende Julia Gebrande sieht schon einiges erreicht, aber in vielen Bereichen auch noch große Lücken.

Im Gespräch mit dem epd erläutert die Sozialpädagogin und Hochschulprofessorin, warum sie die Kommission mittlerweile kurz vor der Überlastung sieht, und berichtet von ihrem persönlichem Umgang mit dem belastenden Thema Missbrauch.

In welchen Bereichen ist die Aufarbeitung schon gut vorangeschritten?

Julia Gebrande: Das kann man am ehesten für den Bereich der Institutionen sagen, angefangen bei den Kirchen. Die katholische Kirche war am Anfang weiter vorne, mit der ForuM-Studie ist auch in der evangelischen Kirche einiges angestoßen worden. Wobei in beiden Fällen nach wie vor viel Luft nach oben ist.

Eine weitere Erfolgsstory ist der Sport. Gerade im Schwimmen, im Reitsport, im Handball, da ist auf Bundesebene wirklich viel passiert. Und es wird ja im Moment auch am Aufbau des Safe-Sport-Zentrums gearbeitet.

Aufarbeitung im Bereich der Familie schwierig

Wo läuft es bisher nicht so gut?

Gebrande: Im Kontext Familie ist es nach wie vor besonders schwierig, Aufarbeitung wirklich einzufordern. Wir haben Ende des letzten Jahres nochmal ein Positionspapier veröffentlicht, um deutlich zu machen, dass wir die Aufarbeitung in Familien auch als ein politisches Thema betrachten. Es ist uns sehr wichtig, hier voranzukommen. Das hängt auch mit dem Inhalt der über 2.200 vertraulichen Anhörungen zusammen, die wir durchgeführt haben, und der über 800 Berichte, die von Betroffenen schriftlich eingereicht wurden. Der Großteil bezieht sich nämlich auf den Tatkontext Familie.

Aufruf an Menschen mit Behinderungen geplant

Wie entscheiden Sie, welche Themen die Kommission vertieft bearbeitet

Gebrande: Unser typisches Vorgehen ist, dass wir durch die Berichte und Anhörungen und in Abstimmung mit dem Betroffenenrat Themenschwerpunkte identifizieren. Dazu machen wir dann meist eine interne Fortbildung und schauen uns an, welche Expertinnen und Experten es zu dem Thema vielleicht schon gibt. Mit denen führen wir sogenannte Werkstattgespräche. Und dann gibt es den öffentlichen Aufruf, um Menschen aus diesen Tatkontexten anzusprechen. Wenn wir genügend Berichte beisammen haben, führen wir entweder erst noch ein öffentliches Hearing durch oder geben direkt eine Fallstudie in Auftrag.

Welche Wirkung haben die öffentlichen Aufrufe und Kampagnen?

Gebrande: Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass Menschen regelrecht darauf gewartet haben, dass wir bestimmte Themen in unseren Fokus rücken. Grundsätzlich versuchen wir natürlich, alle Menschen anzusprechen. Wir möchten ja, dass sich jede und jeder an uns wendet, unabhängig vom Kontext der erlebten sexualisierten Gewalt. Trotzdem sagen Menschen uns immer wieder, wie froh sie sind, wenn sich die Kommission ihrem spezifischen Thema zuwendet. Gerade planen wir die nächste öffentliche Kampagne, die sich gezielt an Menschen mit Behinderungen richten soll.

Auch Medizin und Kultur sollen beleuchtet werden

Welche anderen Themen nehmen Sie in nächster Zeit in den Blick?
Gebrande:
Wir wollen unter anderem den Bereich Medizin beleuchten. Auch den Kontext Kunst, Theater, Musik wollen wir uns ansehen. Es gibt generell noch viele Bereiche, die wir uns vornehmen wollen, und gleichzeitig merken wir, dass wir keines der anderen Themen, die wir bisher bearbeitet haben, wirklich zum Abschluss bringen können.

"Wir sind am absoluten Limit"

Das klingt, als ob die Arbeit nie weniger wird.

Gebrande: Das ist tatsächlich unsere größte Herausforderung. Die Themen, die wir schon angegangen sind, begleiten uns weiter. Denn von der Kommission wird zu Recht erwartet, dass wir alle Bereiche mit im Blick haben. Durch die Gesetzgebung im vergangenen Jahr haben wir den Auftrag, die Aufarbeitungslandschaft in Deutschland zu begleiten, aber auch zu bewerten. Gleichzeitig identifizieren wir immer wieder neue Themenbereiche, in denen es bisher kaum Aufarbeitung gab. So erweitert sich unser Tableau immer weiter. Mit den neuen Aufgaben der Kommission sind wir am absoluten Limit unserer Möglichkeiten angelangt. Und wenn wir das alles gut machen wollen, dann brauchen wir mehr Ressourcen. Es kann nicht sein, dass es ein Gesetz gibt, das uns Aufgaben gibt, aber das nicht mit Ressourcen unterlegt.

Die Kommission arbeitet bisher ehrenamtlich. Ist diese Konstruktion angesichts der Aufgabenfülle überholt?

Gebrande: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde sagen, unsere Minimalforderung wäre, dass wir die finanziellen und personellen Ressourcen haben, um unsere Arbeit leisten zu können. Natürlich sind wir sehr glücklich über das Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Das ist ein echter Meilenstein. Aber angesichts der dort aufgeführten Aufgaben muss man sich tatsächlich überlegen, ob so etwas weiter ehrenamtlich leistbar ist oder ob es nicht langfristig auch neue Strukturen braucht.

"Es gibt eine Sensibilisierung"

Inwiefern hat sich seit dem Start der Kommission gesellschaftlich etwas verändert mit Blick auf sexualisierte Gewalt gegen Kinder?

Gebrande: Es gab auf jeden Fall eine Sensibilisierung. Das Thema ist nicht mehr ein solches Tabu wie früher. Heutzutage behauptet niemand mehr, sexuellen Kindesmissbrauch gäbe es nicht. Trotzdem ist es nach wie vor für alle Menschen schwierig, sich vorzustellen, dass es auch in ihrem eigenen Umfeld passiert. Und dass sie nicht nur betroffene Kinder und Jugendliche kennen, sondern dass sie höchstwahrscheinlich auch mit Täterinnen und Tätern zusammenarbeiten oder diese kennen oder ihnen vielleicht sogar die eigenen Kinder anvertrauen. Das ist einfach eine psychologische Hürde.

"Das Thema ist unbequem"

Welche weiteren Veränderungen müsste es aus Ihrer Sicht noch geben?

Gebrande: Grundsätzlich ist wichtig, dass alle genau hinschauen - Eltern ebenso wie Lehrkräfte oder Betreuerinnen und Betreuer in der Freizeit. Eine unserer Hauptforderungen ist daher auch, dass alle Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, bereits in Studium oder Ausbildung mit diesen Themen konfrontiert werden und es auch verpflichtende Weiterbildungen gibt.

Müsste das für den ehrenamtlichen Bereich genauso gelten?

Gebrande: Selbstverständlich. Fußballtrainerinnen oder Pfadfindergruppenleiter sind ja nicht nur potenzielle Gefährder, sondern sie sind auch häufig Ansprechpersonen für die Kinder und Jugendlichen. Das sind Erwachsene, zu denen sie Vertrauen fassen können, und vielleicht trauen sie sich dann, zum ersten Mal über das Erlebte zu sprechen. Dafür müssen die Menschen dann natürlich auch offen sein und damit müssen sie umgehen können.

Betroffene zeigen Mut und Stärke

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Wie halten Sie das eigentlich aus?

Gebrande: Ich glaube, es ist eine Frage der Perspektive. In Anhörungen und Berichten wird ja nicht nur über schreckliches Unrecht und Leid berichtet, sondern es kommen auch viele kreative Überlebensstrategien zur Sprache.

Ich finde es immer sehr wichtig zu sehen, wie viel Kraft und Stärke und Mut Betroffene zeigen, wenn sie ihre Geschichte berichten. Aufarbeitung bedeutet für mich, dass ich einerseits das Leid wahrnehme und das Unrecht, das ihnen angetan wurde, und andererseits Verantwortung übernehme, auch für politische und gesellschaftliche Veränderungen. Aber es ist natürlich mühsam, das Thema ist unbequem und es gibt viele Menschen, die nichts davon hören wollen. Da braucht man einen langen Atem.