Christenverfolgung und die stille Diplomatie der EKD

Eine irakische Christin ist aus Mosul in eine Kirche nach Telkaif geflohen (Archiv).

Foto: Reuters

Geflohene Christin im Irak: In vielen Ländern werden Christen überfallen, vertrieben oder getötet.

Christenverfolgung und die stille Diplomatie der EKD
Weltweit werden Christen verfolgt. Oberkirchenrat Thorsten Leißer, Theologischer Referent für Menschenrechte und Migration der EKD, berichtet im zweiten Teil des Interviews über die Abwendung vom Glauben, die Strategie der Islam-Terroristen und die Opferrolle Unterdrückter.

Der Abfall vom islamischen Glauben (Apostasie) wird zum Teil mit der Todesstrafe bestraft. Welche Länder sind da besonders betroffen?

Thorsten Leißer: Das ist ein Thema auf der arabischen Halbinsel und vielen muslimisch geprägten Ländern. Pakistan, Iran, Afghanistan, Sudan, Somalia – Apostasie wird zum Teil strafrechtlich verfolgt und zum Teil sehr hart bestraft und das ist ein großes Problem. Der Religionswechsel, auch die Freiheit von Religion, ist natürlich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948 klar benannt. Viele Länder in denen Apostasie heute verfolgt wird, hatten dem seinerzeit zugestimmt und sie ratifiziert und sie in ihr eigenes Recht übernommen. Es ist natürlich schwierig, dass Gerichte in diesen Ländern sagen, der Religionswechsel aus "dem Islam" (den es so pauschal ja gar nicht gibt) ist verboten. Da muss man die verschiedenen Interpretationen des Korans auch unterscheiden.

Wie hilft die EKD, was sind ihre Instrumente?

Leißer: Wir setzen uns politisch ein, wir wenden uns an die verschiedenen Ministerien im Bund. Wir wenden uns aber auch direkt an betroffene Staats- und Regierungschefs.

Das ist aber alles nicht öffentlich?

Leißer: Ja, das ist eine Form von stiller Diplomatie. Eine öffentliche Empörung wirkt in vielen Fällen kontraproduktiv und nicht zum Wohle der Menschen, die es betrifft. Als Beispiel kann man Boko Haram nennen. Das Beispiel der Minderheiten im Irak, wo die Menschen durch solche Empörungswellen im Westen, noch stärker in die Opferrolle gedrängt werden. Das hat negative Effekte auf ihre eigene Situation in ihrem Land.

"Es geht den Terroristen darum, den Westen zu bestrafen"

Die von islamischen Extremisten entführten Mädchen in Nigeria sind ja bislang immer noch nicht frei – trotz Appellen sogar von US-Präsidentingattin Michelle Obama.

Leißer: Boko Haram hatte ja Schülerinnen einer Mädchenschule entführt. Der Name "Boko Haram" ist ja auch ihr Programm: "Westliche Bildung ist Sünde". Es geht also nicht allein um das Christentum, es betrifft liberale Muslime genauso wie Angehörige der christlichen Minderheit. Es geht den Terroristen darum, den Westen zu bestrafen. Und diese Mädchenschule stand in den Augen der Terroristen als Symbol für den Westen.

Was ist der Hintergrund?

Leißer: In Nigeria finden wir da eine Sonderstellung – es ist das christlichste Land Afrikas. Im Norden möchte Boko Haram ein islamisches Kalifat errichten. Im Süden leben die Christen und gibt es viele Bodenschätze, Ölvorkommen – aber der Reichtum wird nicht fair verteilt. Und dann sind Menschen, denen auch die Bildung fehlt, empfänglich für einfache Lösungen. Die Terrorgruppen greifen das auf und propagieren: Der Westen ist schuld.

Ihr Fazit?

Leißer: Es geht nicht in erster Linie um Christen und Muslime – es geht hier um Teilhabemöglichkeiten. Ja, um faire Chancen für alle. Darum, dass Menschen gut leben können. Dass Mädchen zur Schule gehen, ist sehr sehr rückständigen Menschen, egal welcher Religionszugehörigkeit, ein Dorn im Auge. Da bietet sich die Entführung von Schulmädchen an, um ein schreckliches Beispiel zu statuieren. Eine Symbolhandlung, die besagt, diese Mädchen machen sich sündig oder schuldig, weil sie lesen und schreiben lernen und vielleicht sogar ein eigenständiges Leben führen werden.

Also Bildung nur für die jeweiligen männlichen Eliten, für das herrschende Patriarchat?

Leißer: Das Ideal des Westens mit Bildung für alle in der Gesellschaft, Mädchen und Jungen, das teilen manche extrem konservative Kreise nicht. In Afghanistan haben die Taliban Mädchenschulen verboten. Für die Terroristen ist das offenbar eine schreckliche Vorstellung: Mädchen, die lesen und schreiben können und dadurch ja auch eine Möglichkeit der Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten. Was bei uns ja zum Glück selbstverständlich ist. Darum geht es. Außerdem werden Christen von Terroristen als Vertreter westlicher Lebensstile aufgefasst, als Fremdkörper, den es zu vernichten gilt. Allerdings fühlen sich diese Christen überhaupt nicht als Vertreter des Westens – sie fühlen sich ihrem Land zugehörig.

In welchen Ländern beobachten Sie diese Entwicklung konkret?

Leißer: Das war schon nach dem Fall von Sadam Hussein so, dass den Christen gesagt wurde, geht in den Westen, sonst bringen wir euch um. Geht zu euren Leuten! Das wiederholte sich nun in Syrien und Irak. Das ist völlig absurd, denn syrische und irakische Christen sind in der Regel orthodox, leben eine sehr eigene Prägung des Christentums. Die sind nicht automatisch so wie wir das hier kennen und sie sind auch sehr stolz auf ihre syrische oder irakische Herkunft. Und dann wird ihnen gesagt, ihr seid nur Christen, ihr seid nicht Einheimische, ihr müsst weg hier. Das ist ein enormer Schock, wenn man das mit Waffengewalt aufgedrückt bekommt. Und wenn dann das gutgemeinte Angebot aus dem Westen kommt, nur Christen aufzunehmen, werden dadurch diese Menschen auch noch zu Opfern gemacht. Das stärkt nicht ihre Position im eigenen Land, nicht in Syrien und auch nicht im Irak.

Lesen Sie den ersten Teil des Interviews: So hilft die EKD unterdrückten Christen in der Welt