Unbequeme Denkmäler

Berührt vom Leid, das dahintersteckt: Besucher in der Christkirche Rendsburg

Foto: Kaja Grope

Berührt vom Leid, das dahintersteckt: Besucher in der Christkirche Rendsburg

Unbequeme Denkmäler
Hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges erinnern noch in vielen Kirchen Ehrenmäler und Gedenktafeln an die Gefallenen – Zeichen einer Vergangenheit, mit der sich die Gemeinden auseinandersetzen müssen. Hanna Lucassen hat zwei eindrucksvolle Beispiele des Gedenkens besucht.
01.08.2014
Hanna Lucassen
Stiftung KiBa Aktuell

Hornow liegt im hellen Licht eines Vorfrühlingstages. Das kleine Dorf im brandenburgischen Teil der Niederlausitz ist umgeben von weiten Feldern und sanft geschwungenen Hügeln. Ein paar Hundert Einwohner, verstreute Häuser, eine Kirche, ein altes Schloss. Nach der Wende zog eine belgische Schokoladenfabrik in die ehemalige LPG am Dorfrand, immer häufiger machen jetzt Touristenbusse hier Station. "Mancher schaut dann auch in der Kirche vorbei", sagt Wolfgang Burchhardt, 77, der vor dem mächtigen Eingangsportal der Kirche steht. Der kräftige, kleine Mann mit der Schiebermütze ist nicht der Pfarrer – der kleine Ort hat keinen eigenen Geistlichen mehr –, aber seine Telefonnummer steht an der schwarzen Kirchentür.

Die evangelische St.-Martin-Kirche, nach Verfall und Sperrung in der DDR-Zeit wieder instand gesetzt, steht auf einem parkähnlichen Grundstück. An das mittelalterliche Kirchenschiff aus hellem Feldstein schmiegt sich ein kompakter Turm. Seine Oberfläche aus Ziegel, Feldsteinplatten und weißen Putzflächen sieht wie gefleckt aus. Mit seiner Frau Hanna führt Wolfgang Burchhardt Interessierte durch die Kirche – wann immer sie vorbeikommen. Bereitschaftsdienste seien sie gewöhnt, sagt Burchhardt lächelnd; vor dem Ruhestand haben seine Frau und er als Tierärzte gearbeitet. Die beiden kennen hier jeden Stein. Burchhardt passt seine Führungen dem an, was die Besucher sehen wollen. Den Schokoladenfabrik-Touristen zeigt er die mit einer seltenen Ätztechnik hergestellten Fensterbilder. Und erzählt, dass der Schriftsteller Erwin Strittmatter in seiner Romantrilogie "Der Laden" Szenen in diesem kleinen, von dunklem Holz geprägten Kirchenraum spielen ließ.

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Unbequeme Denkmäler und Gedenkstätten
Unbequeme Denkmäler und Kriegsgedenkstädten

Mit Besuchern aber, die Zeit haben, stellt er sich vor die weiß-goldene Gedenktafel für Carl Klinke. Der Soldat, der aus dieser Gegend stammte und in Hornow getauft wurde, starb 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg bei der Schlacht auf den Düppeler Schanzen. Unter anderem durch Theodor Fontanes Gedicht "Der Tag von Düppel" wurde er in Deutschland zum Kriegshelden stilisiert. "Ein braver Soldat / Treu bis in den Tod / Gott und seinem König", steht auf der Tafel. Hier komme man oft lange ins Reden, erzählt Burchhardt. War Klinke ein Held? Fontane hat das in einem späteren Buch selbst infrage gestellt. Die entsprechenden Stellen hat Burchhardt kopiert und an die Wand neben das Denkmal gehängt. Dazu weitere gesellschaftsphilosophische Texte, unter anderem von Mahatma Gandhi und dem DDR-kritischen Literaten Kurt Bartsch, die sich mit dem Thema des blinden Gehorsams auseinandersetzen.

"Dass das keine Helden waren, sondern arme Jungs, das weiß doch jeder hier"

Bei solchen Gesprächen kommt man bald auf den Vorraum der Kirche zu sprechen. Dieser wurde 1920 zur "Heldenhalle" für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges umgestaltet. Wände und Kuppeldecke sind mit Jugendstilornamenten ausgemalt. Etwa 50 Namen auf Schildern ranken sich an Ästen um einen Bibelvers aus dem Johannesevangelium: "Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde." Wie in vielen anderen Kirchen wurde der Soldatentod in die Nähe des christlichen Opfertodes gerückt. An einer Wand der heilige Georg, als überlebensgroßer Ritter, der dem Drachen sein Schwert in den Rachen bohrt.

"Man muss das aus der Zeit heraus sehen", sagt Hanna Burchhardt. Die 77 Jahre alte Frau spricht mit einer mädchenhaften Stimme, aber doch energisch. "Dass das keine Helden waren, sondern arme Jungs, das weiß doch jeder hier", meint sie, und es schwingt mit: spätestens seit April 1945. Da bargen die Hornower nach tagelangen Kämpfen zwischen Russen und Deutschen fast 80 Leichen und begruben sie auf ihrem Kirchhof. Burchhardts, die erst später in die Gegend kamen, kennen viele Erzählungen: "Das muss die Hölle gewesen sein." Bis heute melden sich immer wieder Menschen von weither, um zu fragen, ob ihr Onkel oder Bruder auf dem Gräberfeld liegt. Manchmal schreibt auch jemand aus dem Ausland, der Hornower Vorfahren hat, und bittet um die Fotografie eines speziellen Namens in der Kirchenvorhalle. "Es ist gut, dass die Namen hier stehen", sagt Hanna Burchhardt, "sie sind Teil unserer Gemeinde. Und ihre Geschichte ist es eben auch."

Pfarrer Stefan Holtmann der Rendsburger Christkirche.

"Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde." Dieser Satz findet sich auch gut 500 Kilometer von Hornow entfernt in der Christkirche im schleswig-holsteinischen Rendsburg. Auch hier eingebettet in ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges im Kirchenraum. Gegen die etwa zehn Meter breite Wand mit Marmorsäulen und überbordenden Schnitzereien wirkte die Niederlausitzer "Heldenhalle" fast ländlich-idyllisch. In der Rendsburger Christkirche stehen auf vier schwarzen Tafeln lange Reihen dicht gedrängter Namen in kleinen goldenen Buchstaben. Von weitem verschwimmen sie zu einer großen goldenen Fläche. "Der Einzelne wurde nicht als wichtig angesehen", sagt Pfarrer Stefan Holtmann. Der 37-Jährige hat sich viel mit Gefallenendenkmälern beschäftigt, denn seine Kirche ist voll davon.

Der von außen schlichte, innen aber prachtvoll ausgestattete Backsteinbau wurde Ende des 17. Jahrhunderts als Garnisonkirche errichtet und war bis 2009 – als die letzte Kaserne schloss – durchgehend Kirche für die hier stationierten Soldaten. An der Wand reiht sich eine Gedenktafel an die nächste: Schleswig-Holsteinische Erhebung, Deutsch-Französischer Krieg, Boxeraufstand in China, Herero-Aufstand in Afrika . . . "Ich sehe hier zu viel Ehre für Gefallene in sinnlosen Kriegen", hat jemand in das Gästebuch im Eingangsbereich der Kirche geschrieben. Und auch Holtmann, der 2009 in die Gemeinde kam und die weite, lichte Halle mit den fünf prächtigen Messing-Kronleuchtern wunderschön findet, meint: "Die Botschaft ragt in den Raum hinein. Man kann das nicht einfach ausblenden."

Kriegerdenkmäler – in und außerhalb von Kirchen – sind "unbequeme Denkmäler". Was macht man mit so einem Erbe? Manche evangelische Gemeinden haben ihre Denkmäler entfernt, umgestaltet oder durch Erklärungstafeln kommentiert.

Die Rendsburger Christkirche mit Kriegsdenkmal.
In der Rendsburger Christkirche hat man sich entschieden, die Tafeln so zu belassen, wie sie sind. Und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, auf immer wieder neue Art und Weise. Vor vier Jahren zum Beispiel zeigte die Künstlerin Käte Huppenbauer in der Kirche Skulpturen, die ihre Erfahrungen als Kriegskind thematisieren. Im vergangenen Jahr stellte das tschechisch-russische Bildhauerpaar Sonia Jakuschewa und Jan Koblasa stilisierte Engelfiguren direkt vor die goldenen Namenslisten. Einmal hingen Schülerfotografien zum Thema "Spuren jüdischen Lebens in Rendsburg" an der Wand. Aber auch ohne solche Aktionen, sagt Holtmann, bleiben immer wieder Besucher lange vor den Gedenktafeln stehen. Sie sind offenbar berührt vom Leid, das dahintersteckt. Und ratlos angesichts kriegsverherrlichender Schriftzüge. Die Kirche ist der richtige Raum für solche Widersprüche, meint Holtmann. "Ich denke, die Kirche selbst gibt dem Ganzen ihr eigenes, viel größeres Vorwort."

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift "Stiftung KiBa Aktuell", Ausgabe 1/2014.