Vom Sehnen und Suchen

Hanna Buiting holt mit "Vom Sehnen und Suchen" ein Stück Himmel auf die Erde. Sie schreibt jede Woche über Alltag und die Spiritualität, die man dort finden kann.

Eingemachtes

Eingemachtes
Tagebuchschreiben verdichtet das eigene Leben. Denn es verbindet das, was war, mit dem, was bleibt.

Ich habe ein Regalbrett, darauf stehen Einmachgläser aus Papier. Tagebücher, dicht an dicht. Verdichtet darin, das was war. Gesammelt: die Sammlerstücke des Lebens, des Jahres, des Sommers. Mit Datum versehen. Seite um Seite. Ich fülle sie mit Worten, um haltbarer zu machen, was ich doch nicht festhalten kann. Über die Jahre hat sich so einiges angesammelt. Aufgelesenes und Aufbewahrtes. Meine eigene kleine Geschichte, aufgeschrieben zwischen zwei Buchdeckeln. Mein Wortschatz.

Zu meinem Geburtstag pflege ich ein kleines Ritual. In der Nacht vom 6. auf den 7.Juli nehme ich das Tagebuch des vergangenen Jahres hervor. Ich blättere es von vorne bis hinten durch und immer wieder bleibe ich hängen, erinnere mich, lass mich erinnern. Von meiner eigenen Handschrift, meinen eigenen Gedanken. Von Zitaten und Bildern, aufgeschnappt, ausgeschnitten, aufgeklebt. Von Worten, die mir liebste Menschen schrieben. Zeitzeugnisse, Puzzlestücke, Schnappschüsse. In der Nacht, in der mein neues Lebensjahr beginnt, lese ich mich selbst. Und manchmal staune ich dann. Ist das wirklich alles in diesem Jahr passiert? Verrückt, wie viel seitdem geschehen ist. Verrückt, wie wichtig mir manches erschien, was nun kaum noch Bedeutung hat. Hätte ich das mal früher gewusst.

Meine Tagebücher lassen mich mein eigenes Leben in den Händen halten. Jedenfalls ein bisschen. Sie bringen mich zum Schmunzeln, zum Kopfschütteln, zum Dankbarwerden. Hinter manches habe ich Herzchen gemalt, anderes ist mit wütenden Ausrufezeichen versehen. Es gibt gute und es gibt schlechte Seiten. Und doch, auf fast jeder Seite, wie mit unsichtbarer Tinte geschrieben, zwischen den Zeilen lesbar: Das Leben ist ein Geschenk. Zum Geburtstag schenkt es sich mir neu.

Manche Seiten sind schwerer zu lesen, als andere. Da gehe ich an mein Eingemachtes. Weil da ein Datum oder Ereignis steht, das einen Tag markiert, der nie wieder so sein wird, wie er war. Was geschehen ist, ist geschehen. Vergangen, vorbei. Und doch bleibt etwas. Eine Spur aus Tinte. Namen und Orte und Worte, die erinnern und verbinden: gestern und heute und morgen.

In der Nacht, in der sich mein Geburtstag jährt, ich ein Jahr älter werde, nehme ich mir Zeit. Für das, was war, was wird, was bleibt. Vielleicht ein Stückchen Ewigkeit.

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