Vom Sehnen und Suchen

Hanna Buiting holt mit "Vom Sehnen und Suchen" ein Stück Himmel auf die Erde. Sie schreibt jede Woche über Alltag und die Spiritualität, die man dort finden kann.

Leuchtturm

Leuchtturm
Oft sind es die kleinen Dinge, die uns anders durchs Leben gehen lassen. Wir müssen wohl nur genau hinsehen und ein bisschen dran glauben.

Als ich am Sonntagmorgen um kurz vor 6 Uhr das Haus verlasse, ist es noch dunkel draußen und menschenstill. Würde Schnee liegen, ich würde wohl die ersten Spuren des Tages hinterlassen. Doch es liegt kein Schnee und so verursache ich lediglich den ersten Lärm des Tages: Die kleinen Rädchen meines Rollkoffers rattern über die Pflastersteine im Hinterhof und ich hebe ihn an, um niemanden zu wecken. Hinter den Fenstern der Nachbarn ist es noch dunkel. Alles schläft. Niemand wacht. Die Glücklichen, denke ich. Schlafen wäre jetzt auch schön. Aber ich bin auf dem Weg ans Meer, nach Norderney. Und das kann einen zum Glück auch ganz schön glücklich machen.

Doch es ist sehr früh. Ich bin müde und mir ist kalt. Außerdem bin ich ein bisschen angespannt. Denn ich muss mich nach der Tide richten. Nach Ebbe und Flut. Nicht ich bestimme wie dieser Tag verläuft, sondern die Natur. Alles hat seine Zeit und deswegen legt die letzte Fähre nach Norderney heute schon um 14.15h ab. Nur dann ist genug Wasser in der Fahrrinne. Wenn mein Zug nach Norddeich Verspätung hat und ich die Fähre verpasse, muss ich am Festland bleiben. Das Seminar, das ich leiten soll, muss ohne mich anfangen. Sich so dem Leben zu überlassen und sei es nur dem Wechselspiel aus Ebbe und Flut, ist ungewohnt und lässt meine Füße erstmal schneller laufen. Noch bin ich nicht bereit, den Tag kampflos in andere Hände zu legen. Ich eile also durch das Morgengrauen. Jetzt bloß nicht den Zug verpassen, ermahne ich mich selbst. Wenn das passiert, hab ich gleich verloren.

Aber dann, plötzlich, einfach im Vorbeigehen, entdecke ich das Licht. Im ersten Hinterhof: Eine Kerze in einem Windlicht auf der Fensterbank. Es flackert in der Dunkelheit. Die Nachbarin muss es aufgestellt haben. Danke, Eva, denke ich. Und dann: Danke, Gott. Danke für dieses Windlicht am Morgen, das mir zum Wegweiser wird, zum Leuchtturm. Ein kleines Zeichen, das mich für einen winzigen Moment langsamer werden lässt und mich daran erinnert: Egal, was auch geschieht, du gehst diesen Weg nicht allein. Manchmal braucht es nicht mehr als das.

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