Erde zu Erde geht nicht mehr

Blog stilvoll glauben
Erde zu Erde geht nicht mehr
Angesichts der Pandemie müssen wir an manchen Stellen umdenken.

Falls Sie in den letzten Monaten an einer Beerdi­gung teilgenommen haben, haben Sie auf manchen Friedhöfen vielleicht eine Sache vermisst. Möglicher­weise ist es Ihnen aber auch gar nicht aufgefallen oder Sie waren sogar ganz froh und erleichtert darum: Seit Corona ist es vielerorts nicht mehr möglich, dass die Trauer­gäste gemeinsam etwas Erde ins Grab schaufeln.

Ja, möglicherweise erhöht es die Ansteckungsgefahr, wenn ganz viele Trauergäste nacheinander eine Schau­fel anfassen. Nach wie vor ist Vorsicht geboten, um die Pandemie zu bekämp­fen – die Zahlen steigen gerade wieder massiv. Vieles ist derzeit eben anders als normal. Früher jedenfalls: Da war es gang und gäbe, dass alle – oder zumindest viele – am offenen Grab noch einmal Abschied nahmen, die Schaufel in die Hand nahmen und ein klein wenig Erde ins Grab rieseln ließen oder gar mit Schwung hin­einwarfen. Aber – warum tun wir das überhaupt? Welchen Sinn hat diese Geste?

Früher einmal diente der Erdwurf wohl auch der gegenseitigen Vergewisse­rung: Der Geist des Verstor­benen kehrt nicht wieder. Es war sozusagen eine Sicher­heitsmaßnahme: Wir decken den Leib mit Erde zu, da kommt nichts wieder zurück. Und gleichzeitig ein ganz deutliches Zeichen: Dieses irdische Leben ist ein für allemal vorbei. Auf dieser Welt sehen wir uns nicht mehr. Doch selbst wenn wir heute nicht an Geister glau­ben: Die Endgültigkeit des Abschieds und der Trennung wird uns in diesem kurzen Moment am Grab besonders bewusst. Vielen tut es gut, in so einem intensiven und schmerzlichen Moment trotz allem etwas tun zu können, etwas in die Hand nehmen zu können. Gemeinsam mit den anderen Trauernden beteiligen wir uns ein klei­nes bisschen an der Bestat­tung des oder der Verstorbe­nen. Miteinander schaufeln wir das Grab zu.

Ein letzter Liebesdienst, ein letztes Lebewohl und gleichzeitig eben auch die Selbstver­gewisserung: Es ist wirklich vorbei. Manche nehmen nicht die Schaufel, sondern die bloße Hand, um etwas Erde ins Grab zu geben. Nicht allen liegt diese Geste, aber oft empfinde ich es als sehr behutsam und liebevoll und auch sehr nahe gehend, wenn Menschen auf diese Weise Abschied nehmen. Ein letzter, zarter Moment der unmittelbaren Verbindung zum Verstorbenen. Dennoch: Vielen ist die Sache mit dem Erdwurf unangenehm.

Sie empfinden es als erdrückend, dun­kel, als zu melancholisch oder sie erleben auch das Geräusch der auf den Sarg fallenden Erde als furcht­bar. Als Jugendlicher habe ich einmal eine Beerdigung erlebt, bei der ein einzelner schwarz gekleideter Mann von Hand das gesamte Grab zuschaufelte, während die versammelte Gemeinde ein sehr langes und sehr trauri­ges Lied sang. Schaufel für Schaufel knallte mit einem dumpfen Schlag auf den Sarg, bis er schließlich zugedeckt war. Es war schreck­lich – und doch eindrücklich, ja: faszinierend, das so zu erleben. Ich habe es jeden­falls nie vergessen.

Immer öfter gibt es heute statt des Erdwurfs auch die Möglichkeit, Blumen zu streuen. Ein buntes, farben­frohes, hoffnungsvolles Symbol. Manche legen die Blumen neben das Grab. Andere werfen einzelne Blü­tenblätter. Langsam, leicht wie Federn, fallen sie herab, bedecken nach und nach den Sarg. "Zum Paradies mögen Engel dich geleiten" – an diesen Satz denke ich oft, wenn ich Blüten so sanft fallen sehe. Welche Form des Abschieds auch immer Sie wählen: Ich glaube, es ist gut, in diesem Moment etwas zu tun zu haben. Etwas in die Hand zu nehmen. Ob Schaufel, Erde oder Blumen oder was auch immer: Gemeinsam mit den anderen machen wir uns klar, dass ein Lebensweg hier endet – unserer aber weiter­geht.

Und dann, am Ewigkeits­sonntag oder an Allerhei­ligen, kommen wir wieder. Erinnern uns an die Men­schen, die wir gemeinsam begraben haben. Nennen ihre Namen in unseren Got­tesdiensten. Und erinnern uns an unsere Hoffnung: Dass für Gott das bisschen Erde keine Grenze dar­stellt. Dass Gott die Gräber öffnen wird. Dass für Gott der Abschied eben kein end­gültiger ist. Dass Gott einen anderen Plan hat für die Verstorbenen und für uns: Leben.

weitere Blogs

Grablicht am Gemeinschaftsgrab des Vereins Denk mal positHIV auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin-Schöneberg
Wie im Jahr zuvor wird das Gedenken am Welt-Aids-Tag von den Bedingungen der Corona-Pandemie geprägt. Eine Auswahl an Veranstaltungen und Gottesdiensten – und was unwandelbar gilt, damals wie heute.
Wir können über Segen nicht reden, bevor wir nicht wahrnehmen, was schon ist. Wir sind uns selber vorgegeben - ins Leben ‚gerufen‘. Wir sind schon da, bevor wir darüber denken können, dass wir da sind.