Lasst die Kirchen zu!

Lasst die Kirchen zu!
Religionsfreiheit hin oder her – auf Gottesdienste vor Ort sollten wir freiwillig noch eine Weile verzichten.

Kaum sind die ersten Lockerungen der Corona-Ausgangsbeschränkungen in Sicht, hören wir schon wieder lautstarke Forderungen, auch Gottesdienste wieder zuzulassen. "Warum dürfen Baumärkte wieder öffnen, die Kirchen aber nicht?" klingt auf den ersten Blick ja auch nicht wirklich nach einer vernünftigen Entscheidung.

Ist es aber, zumindest aus meiner Sicht, doch: Schließlich wird im Baumarkt eher selten gemeinsam gesungen. Das Beispiel des Kirchenchores aus Skagit Valley (121 Mitglieder, keine Symptome, Abstandsregeln eingehalten, 45 Infizierte, 2 Tote) sollte uns da wirklich eine Warnung sein. 

Am Ausgang des Baumarkts stehen die Menschen auch nicht zusammen und kommen sich unwillkürlich und ungeplant doch recht nahe. Ich finde: Wir haben eine große Verantwortung für die Menschen, die zu uns kommen wollen.

Malte Weiding hat in einem Facebook-Post zehn Punkte aufgelistet, warum unsere Gottesdienste vor Ort noch eine Weile ausfallen sollten. Und ich finde: Er hat Recht. 

Um der Religionsfreiheit Genüge zu tun, fände ich es ja durchaus richtig, wenn der Staat Versammlungen zu Gottesdiensten wieder erlauben würde, wir als Kirchen und Religionsgemeinschaften aber unisono antworten würden: Wir haben zwar das Recht dazu, aber aus Fürsorge für die Menschen werden wir dieses Recht noch für eine Weile nicht ausüben. 

Leider gibt es auch in unseren Gemeinden keine einheitliche Linie dazu. Eine katholische Gemeinde in Berlin – St. Afra – feierte weiter Gottesdienst und sogar Eucharistie mit Mundkommunion. Andere Kolleginnen und Kollegen suchten und fanden diverse "Schlupflöcher" in den Regelungen, um sich doch zu treffen. Positiv fand ich dabei unter anderem die "Drive-in-Gottesdienste", bei denen alle Beteiligten in ihren Autos sitzenblieben und damit vor Ansteckung geschützt waren. 

Aber – Gottesdienst mit zwei Meter Abstand, mit Mundschutz und ohne Gesang? Ohne herzliche Begrüßung und Verabschiedung? Das ist doch gar keine gottesdienstliche Gemeinschaft. Da kann ich wirklich herzlich gern darauf verzichten und mir die Online-Angebote unserer Gemeinde ansehen, mögen sie noch so verwackelt sein, doch sie sind Lebenszeichen dieser Gemeinde. Und für Menschen, die kein Internet haben oder dafür nutzen wollen, gibt es Lesegottesdienste oder Fernsehen und Radio.

"Lasst die Kirchen zu!" habe ich in der Überschrift geschrieben. Ich gebe zu: Das war ein wenig übertrieben. Ich weiß, dass in einigen Bundesländern die Kirchengebäude geschlossen sind. Doch selbst im sehr restriktiven und vorsichtigen Bayern sind sie geöffnet – oft sogar länger als sonst üblich. Hier gibt es Gebets- und Gottesdienstvorschläge zum Mitnehmen. Die Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden. Und vieles weitere. Ich bin sehr dafür, dies noch für eine Weile so beizubehalten. Ganz egal, was die staatlichen Stellen entscheiden.

Das beste Argument von Malte Weiding, warum nun Baumärkte öffnen sollten, Kirchen aber nicht, finde ich übrigens die Nummer 8: "Jesus war Zimmermann".

Bleiben Sie gesund.

https://www.facebook.com/malte.welding/posts/10158513623663938

weitere Blogs

Heterosexualität ist heilbar! Diese Aussage ist selbstverständlich Unsinn, denn da gibt es nichts zu heilen. Das gilt genauso für Homo- und Bisexualität, sowie Transgeschlechtlichkeit und weitere Varianten der Geschlechtsentwicklung. Trotzdem wurde und wird immer wieder genau dies versucht, oft mit schrecklichen Folgen für die Betroffenen. Ein neues Gesetz soll dem jetzt Einhalt gebieten. Doch tut es das tatsächlich? Ich habe dazu Stimmen aus der queer-christlichen Community gesammelt.
Warum brauchen sich die Kirche und das GEP, wie kann das Medienhaus der EKD und der Gliedkirchen kommende Herausforderungen bewältigen und warum brauchen wir Social Media?