Hier stehe ich. Wenn ich kann.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Kondome liegen am 29.11.2010 in Köln auf einem Leuchttisch. Foto: Oliver Berg/dpa (zu dpa «Kondomkauf vielen immer noch peinlich - Neue Kampagne» vom 13.06.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: dpa/Oliver Berg

Hier stehe ich. Wenn ich kann.
Ach, die Jugend. Haben Luther-Kondome verteilt. Blasphemie!

Gestern, als ich ganz gemütlich in meinem Luthersessel an meinem Luthertop saß, meinen Lutherkaffee aus der Luthertasse schlürfte (der selbstverständlich mit Lutherenergie der Stadtwerke Lutherstadt Eisleben gewärmt wurde) und dazu ein Lutherplätzchen aß, ploppten auf Lutter (Twitter für Lutheraner) ganz seltsame Nachrichten auf.

Stellen Sie sich vor: Irgend so eine Jugendkirche in Düsseldorf hatte es gewagt, Luther in Themengebiete einzubringen, die Jugendliche interessieren! Also, das eine Themengebiet. Also, Sex. Ja genau: Sie hatten "Lutherkondome" verteilt. Leider bleiben sämtliche Meldungen, die ich fand, sehr schwammig, was die genaue Ausgestaltung der Aktion angeht. Offensichtlich gab es eine – inzwischen abgeschaltete – Website. Und auf den Verpackungen flotte Luther-Sprüche. "Für Huren und Heilige" zum Beispiel.

Richtig witzig fand ich, auf ein Kondom den berühmten Satz Luthers zu drucken, den er so vermutlich eh nicht gesagt hat: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Ja. Auf ein Kondom. Auf Twitter hätten sie für diese Verbindung wahrscheinlich Tausende von Likes und Retweets und "wer von euch war das?" gekriegt. Aber es war ja nicht Twitter, nicht mal Lutter, sondern Kirche.

Oh je. Kirche und Sex. Das geht ja gar nicht. Zwar haben Pfarrersfamilien im Schnitt ungefähr zwei Trilliarden Kinder mehr als die durchschnittliche deutsche Bevölkerung, aber das hat ja nichts miteinander zu tun. Wir sind da immer schön brav und ziehen dann so eine Aktion prompt wieder zurück. Sogar schon verteilte Kondome wurden wieder eingesammelt; über die bereits benutzten schweigen sich die Meldungen dabei allerdings wieder aus. Große Aufregung! Artikel in sämtlichen großen Tageszeitungen! Christen haben was mit Sex gemacht und dann doch wieder nicht! Lutherus interruptus! Nun ja. Hätten sie die Jugendlichen mal einfach gelassen, wäre dieses Thema sicher weniger hochgekocht. Aber geht ja nicht. Weil, Kirche und Sex.

Die Aufschriften seien sexistisch gewesen, hieß es dann in der Erklärung und Begründung des Rückrufs. Das kann ich natürlich nun von meinem heimischen Luthertop im Luthersessel nicht beurteilen, und sowohl mein Playmobil-Luther als auch meine Luther-Quietscheente ("schwimmt NICHT aufrecht!") sagen keinen Piep dazu. Vielleicht sollten wir Jugendlichen viel mehr zutrauen. Auch, dass sie solche Aktionen, die mit einem großen Augenzwinkern zu betrachten sind, schon richtig einordnen können.

Viel schlimmer finde ich da, wofür unser armer Luther schon wieder herhalten muss. Also, das geht ja gar nicht. Luther mit allen möglichen Dingen in Verbindung bringen bloß wegen dieses Lutherjahres und Merchandising und so. Dagegen hat Luther sich ja selbst schon verwahrt. Er schrieb:

Ich bitte, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi dürfte nach meinem nichtswürdigen Namen benennen?"

Da bleiben wir doch lieber in unserer gemütlichen innerkirchlichen kleinen Welt und essen noch ein Lutherplätzchen, hoho, wie witzig. Vielleicht können wir die Jugendlichen ja dazu einladen, beim Kirchenkaffee nach dem Sonntagmorgengottesdienst so ein Lutherplätzchen zu genießen. Wird bestimmt knorke.

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Nun ist der Montag nach dem ersten Advent, eigentlich blicken wir auf einen schönen ersten Adventssonntag zurück:
Die Regenbogenflagge ist ein Symbol für den Kampf für Gleichberechtigung von Menschen verschiedener sexueller Orientierungen und Geschlechter. In Katar, dem Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft 2022, ist die Regenbogenfahne und der Kampf, für den sie steht, verboten.
Wo Respekt vor der Kultur in Katar gefordert wird, geht es in Wahrheit oft um die Forderung, bei der Verfolgung von Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, wegzusehen. Dieser Euphemismus gehört enttarnt und zurückgewiesen.